Lokales

In Geldnöten wegen Spielsucht

Mehrere Kilo Rauschgift soll in 31-jähriger Bäckergeselle aus Nürtingen sich im letzten Jahr per Großeinkauf verschafft und den Stoff dann an zahlreiche Süchtige in Wendlingen, Kirchheim und Nürtingen verkauft haben. Jetzt sitzt er auf der Anklagebank einer Großen Strafkammer des Stuttgarter Landgerichts und gibt einen Teil der Vorwürfe zu.

BERND WINCKLER

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KIRCHHEIM/NÜRTINGEN Unter dem Strich sollen es an die zehn Kilo Marihuana im Straßenwert mehrerer Hunderttausend Euro gewesen sein, die durch die Hände des Angeklagten gingen. Davon geht jedenfalls der Staatsanwalt vor der 17. Großen Strafkammer aus und hat den 31-Jährigen wegen gewerbsmäßigen Handeltreibens von Betäubungsmitteln in insgesamt 31 Fällen angeklagt.

Der gelernte und automatenspielsüchtige Bäcker soll demnach ab Frühjahr 2006 bis zu seiner Festnahme im Sommer letzten Jahres bei einem Drogenlieferanten in Reutlingen und einem Wendlinger Dealer das Rauschgift eingekauft haben. Anfangs erst einmal 100 Gramm für 600 Euro, dann aber an einem einzigen Tag gleich zweieinhalb Kilo zum Kilopreis von 1600 Euro. Beim Verkauf der Droge in kleineren Portionen ist ein Gewinn von knapp 100 Prozent möglich, sagen Rauschgift-Sachverständige. Die zweieinhalb Kilo Marihuana soll er an abhängige Kunden in Nürtingen und Kirchheim verkauft haben, heißt es in der Anklageschrift. In Kirchheim selbst habe er sogar einmal eine kleinere Menge des weitaus gefährlicheren Kokains an einen Süchtigen verkauft.

Ab April letzten Jahres soll er dann noch öfters zum Einkaufen nach Reutlingen gefahren sein und dort von seinem, dem Gericht bereits bekannten, Lieferanten mehrere Kilo des Stoffes erneut eingekauft haben. Seine Gesamtinvestitionen liegen nach der Rechnung des Anklägers bei 29 000 Euro. Wie hoch seine Einnahmen waren, soll in dem Verfahren noch ermittelt werden. Fachleute gehen davon aus, dass Marihuana bei guter Qualität pro Gramm im Verkauf bis zu zehn Euro bringt.

Die Stuttgarter Richter interessierten sich gestern in erster Linie über das Motiv des nicht drogenabhängigen Angeklagten. Der berichtete, dass er bisher ein anständiges Leben führte, eine Bäckerlehre absolvierte, dann aber, statt einer Drogensucht, der Spielsucht verfiel. Zuletzt habe er nach mehrfacher Eigen-Therapie wegen Geldmangel und zweimaligen Selbstmordversuchs monatlich bis zu 3000 Euro an Geldautomaten verspielt. Er habe jetzt 40 000 Euro Schulden, konnte seine Wohnungsmiete nicht mehr bezahlen und musste sich aber einfach irgendwie Geld beschaffen. Und er fügt hinzu, dass auch sein Vater ein Spieler sei. Allerdings stimmen seiner Auffassung nach nicht alle gegen ihn gerichtete Anklagepunkte. Die hat er zwar in ersten Vernehmungen nach seiner Verhaftung im Juli letzten Jahres der Polizei ebenfalls zugegeben, später dann jedoch wieder zurückgenommen. Um auch diese Unstimmigkeiten zu erhellen, wollen die Richter den Rauschgiftlieferanten, der sich ebenfalls in Haft befindet, sowie einige seiner Kunden in den Zeugenstand rufen. Immerhin drohen dem Beschuldigten bis zu 15 Jahre Haft.

Der Prozess wird am Freitag, 29. Januar, fortgesetzt.