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In Kirchheim hat sich sein künstlerischer Traum erfüllt

KIRCHHEIM Als Wjetscheslav Bogdanov, 62, im März 2005 nach Deutschland kam, bekümmerte ihn nicht so sehr, dass er seine Arbeit, seine Wohnung oder seine große Bibliothek zurücklassen musste. Es waren seine Bilder, die er im Laufe der

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RICHARD UMSTADT

Zeit von verschiedenen russischen Künstlern zusammengesammelt hatte, deren Verlust ihn traurig stimmte. An diesen Bildern hing seine Seele. Sie sorgten in dem Haus des Zeitungs- und Fernsehjournalisten für eine besondere Atmosphäre. Er gehörte durch sie zur schöpferischen Welt der Kunst. Bei Bogdanovs Freunden und Bekannten fanden die Werke ein neues Zuhause in der Hoffnung, irgendwann den Weg zurück zu ihm zu finden. Auf eine besondere, ihm eigene Art. Wjetscheslav Bogdanov will sie sich vor seinem geistigen Auge vorstellen und dann auf die Leinwand bannen.

Mit 16 Jahren kehrte er dem kleinen Dorf, in dem er mit seinen Eltern lebte, den Rücken und fuhr nach Leningrad, dem heutigen Sankt Petersburg. Dort besuchte er die Fachschule für Technik. "Es war eine schwere Zeit", erinnert sich der 62-Jährige zurück. Sein Stipendium betrug magere 28 Rubel.

Während des Studiums stellte Bogdanov fest, dass er sich mit perspektivischen Zeichnungen schwer tat. Deshalb folgte er dem Rat von Kommilitonen, im Atelier von Ivan Wasiljew an der Kunsthochschule der Universität von Leningrad Unterricht zu nehmen. "Damals machte ich die ersten Erfahrungen mit der Malerei."

Doch den Umgang mit Bleistift, Farbe und Pinsel musste er wieder aufgeben, als er zur Armee eingezogen wurde. Fünf Jahre gehörte er als Soldat der Ostseeflotte an. Gerne hätte Wjetscheslav Bogdanov anschließend die Malerei wieder aufgenommen und in Leningrad Kunst studiert. Seine Zeichnungen waren aber im Lauf der Zeit verloren gegangen und ohne Mappe konnte er sich in der Kunsthochschule nicht bewerben. Also studierte er Journalismus und Fotografie. Danach arbeitete er in Kaliningrad bei der "Prawda". Dennoch ließ er den Kontakt zur Kunstszene nicht abreißen und besuchte viele Ausstellungen. Immer wieder kaufte Bogdanov Bilder auf, um junge Künstler zu unterstützen. "Du musst selbst malen," forderten ihn seine Freunde auf. Schließlich ließ er sich überzeugen und griff wieder, wie damals bei Ivan Wasiljew, zu Pinsel und Farbe und "langsam, langsam hat es geklappt." Heute geht es flotter von der Hand.

Der 62-Jährige, der in Kirchheim gemeinsam mit seiner Frau in einer 43-Quadratmeterwohnung lebt, malt gerne realistisch. Landschaften, Porträts, Stillleben. "Man muss suchen und schauen." Etwa bei einem Spaziergang durch die Teckstadt mit ihren vielen Fachwerkhäusern im historischen Stadtkern. Wjetscheslav Bogdanov ist begeistert von den schönen Gebäuden. Er skizziert sie vor Ort und interpretiert was er sieht zu Hause mit Farbe und Pinsel. "Einige Teile entsprechen der Realität, andere entspringen aus meinem Gedächtnis." Intuitiv setzt er die Farben.

Den Gedanken, irgendwann einmal wieder zu malen, gab er nie auf. "In Kirchheim hat sich mein Traum erfüllt." Viele Jahre sind seit seinem Studium in Leningrad vergangen. Manches geriet in Vergessenheit. "Was damals ganz einfach war, musste ich wieder lernen." Der malende Wahlkirchheimer ist jedoch zuversichtlich, dass er diesen Weg schaffen wird. Dann werden auch die Bilder, die einst in seinem Kaliningrader Haus hingen, eins ums andere zu ihm zurückkehren und seinem neuen Zuhause diese besondere, außergewöhnliche Atmosphäre geben.