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In Kirchheim und Lenningen haben seit ...

In Kirchheim und Lenningen haben seit gestern wieder die Narren das Sagen. Nachdem die Hexen das Lenninger Rathaus gestürmt hatten, trafen sich um 17.17 Uhr auch wildentschlossene „Kloster-Deifel“ vor dem Kirchheimer Rathaus, um dort über die „tollen Tage“ hinweg die Verantwortung für die Stadt zu übernehmen.

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A. Dörr / W.-D. Truppat

Kirchheim / Lenningen. Der „Schmotzige Doschdig“ ist bekanntlich der höchste Feiertag der schwäbisch-alemannischen Fastnacht, und entsprechend respektlos ging es gestern auch zu. Neben abgeschnittenen Krawattenenden waren die von zahlenmäßig überlegenen Narren eroberten Rathausschlüssel die wohl begehrtesten Trophäen, mit denen der gewohnte Alltag von den marodierenden Narrentruppen außer Kraft gesetzt wurde.

Bei frostigen Temperaturen schickten die Lenninger Hexa Bürgermeister „Michi“ Schlecht ins „Hexa-Dschungelcamp“. Der Lenninger Schultes ließ sich um 17.01 Uhr

bereitwillig aus dem Rathaus zerren. Kurze Zeit später streiften ihm die Hexen ein T-Shirt über mit dem Schriftzug „Ich bin der Bürgermeister, holt mich hier raus.“

Der Bürgermeister hatte eine Reihe harter Prüfungen zu bestehen. Das Abseilen an einer Liane klappte noch ganz gut, aber schon bei der nächsten Aufgabe bekam der Schultes am eigenen Leibe zu spüren, dass Lenningen eben doch nicht so barrierefrei ist, wie er es gern hätte. Unter dem lauten Gejohle der Hexen versuchte „Michi“, die Rathaustreppen in einem Rollstuhl zu erklimmen – erfolglos.

Auch die dritte Prüfung hatte es in sich. „In deinen Gemeindewäldern hauset die Wildsaue wie et recht, den Jägern und Förschtern wird‘s ganz schlecht“, verkündeten die Hexen. Zur Strafe durfte der Schultes „Wildsaubolle“ fangen, die sich aber glücklicherweise als Schokoladen-Muffins entpuppten. Auch bei der letzten Aufgabe ging es eklig-kulinarisch zu: Mit „Spinnenmehl“, abgelaufenen Eiern und „Hexenblut“ rührte der Familienvater einen Waffelteig an. Nachdem „Michi“ Schlecht zum Dschungelstar gekrönt worden war, nahm er mit den Hexen ein Bad in der Menge.

Frostige Temperaturen herrschten auch vor dem Kirchheimer Rathaus, doch tat das der Stimmung keinen Abbruch. Der Start verzögerte sich etwas, aber

dafür dauerte es länger.

Eine immer größer werdende Menschenmenge rückte enger zusammen und nutzte die schwungvolle Musik dazu, sich durch Tanzschritte etwas aufzuwärmen. Trotz des verspäteten Starts hatte Karin Walker die Herzen der vor der Bühne tanzenden Kinder rasch erobert. Der plötzlich einsetzende Bonbon-Regen war eine willkommene Überraschung.

Für eine weitere Überraschung sorgte die im ganzen Rathaus gesuchte Oberbürgermeisterin. In wallendem Mantel und hinter einer venezianischen Maske stellte sich die geheimnisvolle „Geli“ den Vorhaltungen des Narrengerichts, berief sich aber – majestätisch gestikulierend – darauf, nicht zu hören, schlecht zu sehen und eigentlich ja auch nicht sprechen zu können. Als die Liste ihrer Verfehlungen zu lang wurde, verschlug es ihr aber doch die selbst verordnete Sprachlosigkeit. Dem Vorschlag, den Markplatz mit einer Fußbodenheizung zu versehen, wollte sie genauso wenig nachkommen wie der Idee, das Fachwerkrathaus für 99 Jahre zu vermieten.

Dass sie sich „mit einer großzügigen Spende“ freikaufen durfte, wurde von den frierenden Narren und dem Publikum aber doch akzeptiert. Dafür erhielten die „Kloster-Deifel“ ohne größere Gegenwehr den Rathausschlüssel.

Fotos: Jean-Luc Jacques und Diana Suchanek