Lokales

In kleinen Schritten Brücken bauen

Sprache öffnet Herzen und Türen. Diese Erfahrung konnten inzwischen viele ausländische Frauen in Kirchheim machen, die das Projekt "Klein anfangen . . . Deutschkurs für Frauen" besuchten. Rund 16 ehrenamtlich tätige Kursleiterinnen schlagen seit vier Jahren erfolgreich die Brücke zu der für die Migrantinnen fremden deutschen Sprache .

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RICHARD UMSTADT

KIRCHHEIM "Man kann den Mut dieser Frauen nicht hoch genug einschätzen, diesen Schritt zu unternehmen," empfindet Renate Hirsch, eine der drei Initiatorinnen des Projekts, Hochachtung vor den Migrantinnen, die im Deutschkurs "klein anfangen" wie in der Grundschule. Es sind oft bestimmte Lebensumstände, die ausländische Frauen motivieren, deutsch zu lernen. "Entweder, weil sie ihren Kindern helfen wollen, die in die Schule gekommen sind, oder weil sie sich eine Arbeit suchen müssen," weiß Renate Hirsch, die das ehrenamtliche Projekt fachlich als Honorarkraft der Familien-Bildungsstätte Kirchheim begleitet. Ein wichtiger Schritt in Richtung Integration ist es allemal, denn häufig bewegen sich die Frauen in Migrantenfamilien nur innerhalb der eigenen ethnischen Gruppe.

Dies zu ändern, ist das Anliegen "starker Helferinnen". 16 ehrenamtlich engagierte Frauen versuchen, mit viel Geduld, Einfühlungsvermögen und Sachkenntnis, aber auch Spaß und guten Ideen, eine sprachliche Brücke zu bauen. Sie unterrichten einmal wöchentlich Vormittags rund 70 Frauen im Alter zwischen 20 und 65 Jahren. Etwa zwei Drittel davon sind Türkinnen, der Rest kommt aus Sri Lanka, Italien und dem ehemaligen Jugoslawien.

Während der Nachwuchs im Kindergarten mit Gleichaltrigen spielt, können die Mütter der Kleinen nebenan Deutsch lernen. Dies war die ursprüngliche Idee, und so begann "Klein anfangen" im April 2001. Inzwischen sind es längst nicht mehr nur Kindergartenmütter, die in lockerer Runde Deutsch lernen wollen. Auch deren Freundinnen, Verwandte und Nachbarinnen ziehen mit. So entstanden insgesamt acht Kindergartengruppen. Ein weiterer "Schulmütter-Kurs" bildete sich vor wenigen Wochen an der Alleenschule.

Die Teilnehmerinnen bringen unterschiedlichste Voraussetzungen mit. Dem entsprechend ist die Leistungsspanne in den neun Gruppen sehr groß. Es gibt in fast jedem Kurs einzelne Frauen, denen das Lesen und Schreiben große Probleme bereitet. Eine besondere Herausforderung für die Kursleiterinnen, erfordert sie doch eine unterrichtsdidaktisch differenzierte Vorbereitung und Vorgehensweise.

Dabei erwies es sich als sinnvoll, dass zwei Frauen einen Kurs betreuen. Während eine Kursleiterin sich zum Beispiel den Analphabetinnen widmet, kann die andere Kursleiterin die Fortgeschrittenen unterrichten, wobei sich die Migrantinnen auch untereinander helfen.

Mittlerweile wurden die ehrenamtlich engagierten Frauen, die gegen eine geringe Aufwandsentschädigung arbeiten, für ihre Schülerinnen zu wichtigen Ansprechpartnerinnen. Für einige Migrantinnen sind sie die einzigen deutschen Frauen, denen sie ihre Sorgen und Nöte anvertrauen können. "Es gibt viele Schicksale und schwierige Lebensgeschichten," wissen die Kursleiterinnen. In den Gruppen entstand über die Jahre hinweg ein Miteinander, das sehr viel Offenheit ermöglicht. "Die ausländischen Frauen durften die gute Erfahrung machen, hier können sie etwas erzählen, ohne dass das Vertrauen missbraucht wird." Und nicht nur das: Die Kursleiterinnen begleiten darüber hinaus die Frauen auf Ämter und zu Gesprächen in Schulen, füllen Formulare aus, suchen Wohnungen und laden sie auch zu sich nach Hause ein. Wichtige Beziehungen sind so entstanden. "Man muss offen und spontan sein und sich auf die Gegebenheiten einlassen können", erklärt eine Kursleiterin und Renate Hirsch zollt den Frauen, die aus den verschiedensten Berufen kommen, ein dickes Lob: "Es ist beachtlich, was sie aus dem Unterricht machen und was sie an Ideen entwickeln." Die Vermittlung der deutschen Sprache ist für die Muttersprachler ohne entsprechende Ausbildung eine anspruchsvolle Aufgabe, die außer einem guten Lehrbuch auch viele eigene Überlegungen erfordert. "Was bewegt unsere Schülerinnen?" fragen sich die Kursleiterinnen und gehen in ihrem Unterricht auf Alltagssituationen wie den Gang zur Schule oder zur Behörde ein.

Der Deutschkurs findet, je nach Raumangebot, in einem Kindergarten oder einem nahe gelegenen Gebäude statt. So öffnete auch die Auferstehungskirche, die Paulinenpflege, das Gemeindezentrum an der Lindachallee und die Baptistenkirche ihre Tore für die Frauen. Überall besteht die Möglichkeit, nach dem Kurs noch zusammenzusitzen und Tee zu trinken. Dabei macht nicht nur die geringe Kursgebühr von zwei Euro das Angebot so niederschwellig. Auch die Möglichkeit, Kleinkinder mitzubringen, erleichtert den Müttern die Teilnahme.

Aus der Taufe hoben das Projekt Renate Hirsch, Christine Helwerth-Rindle und Nanci Martins de Sousa als Studentinnen der Hochschule für Sozialwesen in Esslingen im Rahmen eines Seminars für interkulturelle Arbeit vor vier Jahren. "Beim Sozialamt der Stadt stießen wir damit offene Türen ein."

Die Zusammenarbeit mit den verschiedensten Kirchheimer Einrichtungen und Angeboten wie der Stadtverwaltung, dem Integrationsausschuss, Kindergärten, der Volkshochschule, dem Arbeitsamt, der Diakonie, dem AK Asyl, dem FBS-Frauencafe und einigen der ethnischen Vereine zeigt, wie verzahnt, aber auch respektiert und anerkannt der Deutschkurs für Migrantinnen ist. Eng arbeitet "Klein anfangen" auch mit der Sprachhilfe und der Hausaufgabenhilfe in Kirchheim zusammen.

Für die Kursleiterinnen erfordert der Einstieg bei "Klein anfangen" nicht selten ebensoviel Mut wie für die Migrantinnen. Dennoch sind sie überzeugt: "Es lohnt sich." Wer sich für das Angebot der kleinen Schritte interessiert, kann sich vertrauensvoll an Renate Hirsch wenden, Telefon 0 70 21/5 93 26.