Lokales

In Liebesbriefen aus der Vergangenheit geschmökert . . .

"Dank sei aber auch Gott, der es dem Frevler nicht hat gelingen lassen, unsere Gemeinde, in welcher es seit Mannsdenken

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JOHANNA BAIER

vorher nicht gebrannt hat, in größeren Schaden zu bringen. Möchte es gelingen, den Bösewicht bald ausfindig zu machen". Erschienen ist dies im Teckboten am 26. März 1902.

In Holzmaden wüteten 1902 immer wieder Brände in dem kleinen Ort, die die Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzen. Insgesamt neun Mal musste die Feuerwehr ausrücken, um die Scheuern und Wohnhäuser zu löschen. Über Monate konnte kein Täter ermittelt werden und trotz ständiger Brandwachen herrschte unter den Einwohnern von Holzmaden große Unruhe.

"Zweifellos ist der Täter immer ein und derselbe es scheint, als ob er es speziell auf das Linsenmayersche Haus abgesehen hat", berichtete der Teckbote am 29. April 1902. Damit verschärfte sich ein Verdacht, und schon am Samstag, 10. Mai, wird von einer Festnahme geschrieben: "Zu den Brandfällen im hiesigen Orte erfährt Einsender dieses, daß ein Vertreter der Staatsanwaltschaft in den letzten Tagen hier war und das Ergebnis der Untersuchung der Verhaftung eines jungen angesehenen Bürgers von hier zur Folge hatte, gegen welchen die Verdachtsgründe erdrückend schwer vorliegen." Gemeint ist Friedrich Linsenmayer.

Gut hundert Jahre später liegen zwei der Briefe von Friedrich an seine Frau Friderike, die er aus dem Gefängnis in Ulm schrieb, vor Lisl Schumacher-Kluge auf dem Tisch. Eingebunden sind sie zusammen mit einem Antwortbrief von Friderike in eine abgegriffene, grau-braune Mappe, mit Altdeutscher Schrift auf dem Deckblatt.

Diese Mappe ist seit 20 Jahren im Besitz von Lisl Schumacher-Kluge, einer Rentnerin aus Neidlingen. Gefunden hat sie das antike Stück im Haus der verstorbenen Schwiegereltern, in einer alten Bücherkiste, verstaubt unter anderen Büchern. Aus Interesse an der Altdeutschen Schrift nahm sie die Mappe an sich und entdeckte beim Lesen der Briefe, dass es sich bei Friedrich um den Vater ihrer Schwiegermutter Emilie Schumacher geborene Linsenmayer handelte.

In den Briefen nennt Friedrich seine Frau liebevoll "Rieke" und berichtet, wie entttäuscht er von seinen Mitbürgern und Nachbarn ist. Er schmiedet Pläne, um nach Amerika auszuwandern was er aber nie tun wird.

Er gibt seiner Frau Anweisungen, die Kinder, Gottlob und Fritz, zu schonen, ihnen nicht zu viel zu berichten, sondern ihnen lieber "Ein Zuckerle" zu geben. Warum Friedrich nun wirklich im Gefängnis in Ulm sitzt, ist darin nicht überliefert, aber in seinen Briefen schreibt es Friedrich seinem "losen Maul" zu.

Während Fritz, wie er von seinen Freunden genannt wird, in Untersuchungshaft sitzt, geschieht in Holzmaden etwas Unerwartetes: Ein Brief taucht auf, geschrieben vom vermeintlichen Brandstifter. Dieser schreibt "wann Fritz nicht bald entlassen wird so muß Holzmaden noch ganz niederbrennen das bezeuge ich auch sowahr als Gott im Himmel gibt!"

Das beeindruckt die Gesetzeshüter jedoch wenig und es heißt: "Derartige Drohungen werden wohl bei den Berichten nicht die erhoffte Wirkung haben und die Sachlage nur erschweren." Die Polizei vermutet hinter den Brandanschlägen ein Komplott und ruft die Gemeinde zur Mitarbeit auf, "es ist daher jedem einzelnen Bürger seine Pflicht, nach Kräften zur Entdeckung der Urheber beizutragen".

Unterdessen schafft es die hochschwangere Ehefrau von Friedrich Linsenmayer, Friderike, den Alltag zu meistern. Oft meint sie die Gerüchte um ihren Mann und die schwere Arbeit auf dem Hof nicht mehr aushalten zu können: "Ich bin dem Verzweifeln nahe und meine ich müßte zerbrechen . . . und jetzt muß ich so alleine sein . . . dann ist das Herz so schwer und die Arbeit auch". Sie sucht Trost am Grab der Mutter "Ich wäre lieber den ganzen Tag bei den Toten als nur eine Stunde bei den Lebenden".

Doch statt aufzugeben, versucht Rieke, Fritz zu trösten, sie schickt ihm Kuchen und Eier und einen abgeschriebenen Text, dass er auch was zu lesen hat in den einsamen Stunden. Die selbst von Sorgen geplagte Frau muntert ihren Mann immer wieder auf, mal mit lieben Worten, mal mit Berichten, beispielsweise dass Nachbarn sich für böse Gerüchte entschuldigt hätten.

Auch Friedrich macht sich im Gefängnis Gedanken um seine Frau, und rät ihr etwas vom Besitz zu verkaufen wenn es ihr zu viel wird, oder sich Geld zu leihen, sollte dieses ihr ausgehen. Er verspricht, alles wieder gutzumachen. Außerdem bedankt er sich bei Freunden und Verwandten, die ihr zur Seite stehen. Als er von der Geburt des dritten Kindes, einem Mädchen erfährt, erkundigt er sich besorgt nach dem Zustand von Frau und Kind und wünscht sich Rosa Friderike als Namen für das Kleine. Friedrich beteuert in seinen Briefen immer wieder seine Unschuld. Offiziell ist ein Täter der Brandanschläge jedenfalls nie gefunden worden.

Leider lässt sich nicht mehr nachvollziehen, wie genau es mit Friedrich Linsenmayer und Friederike nach der Haftentlassung weiterging. Doch dank Lisl Schumacher-Kluge, die sich nach 20 Jahren wieder an die Briefe von Fritz und Rieke erinnerte, findet eine wunderschöne Liebesgeschichte aus der Vergangenheit wieder zurück in die Gegenwart.