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In Pahlewan Piri mit Mullah Djome, dem Wächter, auf Du und Du

BISSINGEN Es sind Bilder wie aus einem alttestamentarischen Film. Eine karge, trockene Landschaft, Häuser aus Lehm, von braunen Mauern umgeben, dazwischen Hunde, Schafe, Ziegen und Menschen wie zu Stammvater Abrahams

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RICHARD UMSTADT

Zeiten. Und doch befindet sich Afghanistan im 21. Jahrhundert. Drei Monate lang tauchte der studierte Agraringenieur Joachim Forster, 48, aus Bissingen in diese Welt ein. Von Juni bis September half er im Friedenskorps der "Grünhelme", in dem kleinen afghanischen Dorf Pahlewan Piri eine Schule zu bauen.

Es war eine vollkommen neue Erfahrung für den Schwaben mit dem Rauschebart und den wachen, dunklen Augen. Joachim Forster hatte zwar zuvor bereits drei Mal Indien bereist und war durch Nepal gewandert. Er hatte in Israel in einem Dorf, das von Juden und Arabern gemeinsam aufgebaut wurde, Schafe gehütet, doch Pahlewan Piri, rund 5 000 bis 6 000 Kilometer entfernt vom schwäbischen Bissingen, war etwas anderes. Etwas ganz anderes.

Auf die Idee, unbekanntes und nicht ganz ungefährliches Terrain zu betreten und die damit verbundenen Strapazen auf sich zu nehmen, brachte den engagierten Landwirt der Journalist und Theologe Rupert Neudeck, Gründer der humanitären Organisation Cap Anamur und des Peace-Corps der "Grünhelme" nach dem Muster John F. Kennedys (siehe Info).

Im November 2004 hörte sich Joachim Forster einen Vortrag des Vaters der Cap Anamur in der Kirchheimer Waldorfschule über die Arbeit der "Grünhelme" an und fühlte sich von Neudecks Idee angesprochen. Nach einem Rekrutierungstreffen in Troisdorf bei Köln klopfte der Grünhelm-Gründer im April bei Joachim Forster an. "Er hat gesagt, er hätte ein Projekt für mich." In dem kleinen afghanischen Dorf Pahlewan Piri, etwa 30 Kilometer von Herat entfernt, sollte eine Schule gebaut werden.

Mitte Juni flog der Bissinger gemeinsam mit einem Architekten aus Liechtenstein und einem Schreiner aus dem Ruhrpott zunächst nach Teheran und weiter nach Maschad. Dort nahmen die drei Grünhelme ein Sammelta

xi zur iranischen Grenze. Auf der anderen Seite erwartete sie der afghanische Projektleiter Zobair, ein Bauingenieur, der in Heidelberg studiert hatte, und der die drei Grünhelme in ihre Einsatzorte brachte.

Nach Herat und Karabach steuerten Zobair und Joachim Forster die auf 1 100 Metern Höhe liegende Ebene an, auf der Pahlewan Piri liegt. Etwa 1 000 Seelen zählt das Dörfchen. Die Menschen dort leben von der kargen Landwirtschaft. Wie zu Urväters Zeiten werden die Getreidefelder um den Ort noch von Hand mit Sicheln abgeerntet. Gedroschen wird das Stroh mit einem Ochsengespann. Auch Melonen gedeihen dank einer ausgeklügelten Bewässerung auf der im Sommer knochentrockenen Hochebene. Ebenso Kartoffeln und Zwiebeln. Nahe bei den Häusern wachsen Aprikosenbäume und Tomaten. Wasser holen die Familien aus dem einzigen Brunnen. Strom? Fehlanzeige. Wer einen Fernsehapparat besitzt, schließt ihn an eine Autobatterie an. Beliebt sind indische Liebesschmachtfetzen.

Mit Zobair und einem Vorarbeiter bezog der Bissinger Agrarwirt ein Lehmhaus im Dorf. Draußen, etwa 300 Meter vor Pahlewan Piri, sollte die neue eingeschossige Schule mit zehn Räumen entstehen erdbebensicher gebaut. Für Joachim Forster eine ungewohnte Arbeit, zumal er das Fundament alleine und ohne technische Hilfe ausmessen musste.

Die einzige Maschine war eine Wasserpumpe, mit deren Hilfe das Betonfundament feucht gehalten wurde. Die Gräben dafür hatten die etwa 15 Helfer aus dem Dorf, darunter die Söhne des Schulleiters, zuvor mit Spaten, Schaufeln und Pickeln ausgehoben. Die Wände brachten die Arbeiter, die pro Tag zwei Euro Lohn erhielten, mit Senkblei und Wasserwaage ins Lot. Auf Lastwagen wurde das Material Kies, Ziegel und die Zementsäcke, teilweise aus dem Iran herangekarrt. Gearbeitet wurde von 7 bis 12 Uhr und von 14 bis 17 Uhr.

Die Hitze war erdrückend, berichtet Joachim Forster. "Ich war nach zwei Monaten durch die Hitze und das ungewohnte Essen so geschafft, dass ich sieben bis acht Kilogramm abgenommen habe." Tagsüber drückten über 40 Grad aufs Gemüt und selbst nachts sank die Quecksilbersäule kaum unter 20 Grad. Während der ganzen Zeit regnete es keinen Tropfen. Deshalb halfen beim Gießen der Betondecke des Schulhauses viele Dorfbewohner mit, denn es bestand immer die Gefahr, dass der Guss zu schnell austrocknete und sich Risse bildeten. Mullah Djome, ein 85-jähriger Dorfbewohner, bewachte die Baustelle, das Material und das Handwerkszeug von Anfang an und schlief dort nachts in einer kleinen Lehmhütte. Tagsüber versorgten ihn seine Enkel.

In der Regel besteht der afghanische Speisezettel aus Reis oder Kartoffeln mit Gemüse Auberginen, Tomaten, Okraschoten, Zwiebeln. Manchmal wandert auch ein wenig Hühner- oder Schaffleisch in den Topf, mit Rapsöl oder Sonnenblumenöl angebraten. Dazu wird Fladenbrot gereicht. Getrunken wird Wasser oder Tee.

Joachim Forster fühlte sich in der Dorfgemeinschaft des afghanischen Ortes wohl. "Die Menschen dort sind anspruchslos, zufrieden und gut drauf", erzählt der schwäbische "Grünhelm". Die meisten tragen die Landestracht mit dem Turban. Westliche Einflüsse machen sich eher bei den Jüngeren bemerkbar, die gerne in Jeans schlüpfen.

Die Kinder in Afghanistan besuchen sechs Jahre die Dorfschule. Die Buben in Pahlewan Piri gehen morgens und die Mädchen nachmittags in den Unterricht. Von ihrem kärglichen Salär können die Lehrer allein nicht leben. Sie betreiben deshalb noch etwas Landwirtschaft.

Nach drei Monaten stand die Schule zur Freude der Lehrer und rund 150 Schüler im Rohbau fertig. Inzwischen zogen sie aus dem alten Gebäude, einem ehemaligen Viehstall, um in das neue, helle Haus.

Gespannt verfolgt Joachim Forster die Nachrichten aus Afghanistan und hält Kontakt mit Zobair, dem Projektleiter in Pahlewan Piri. "Wer weiß, vielleicht bin ich in ein paar Jahren wieder mit von der Partie . . .".

INFORupert Neudeck wollte den Geist der Peace Corps nach der Idee John F. Kennedys wieder aufleben lassen und gründete vor zwei Jahren die "Grünhelme". Die humanitäre Organisation ist parteipolitisch neutral, nationalitäts- und religionsübergreifend und finanziert sich aus privaten Spenden und Zuwendungen von Stiftungen. Sie sucht junge Mitarbeiter, die möglichst einen praktischen Beruf haben, Bauhandwerker, Zimmerleute, Maurer, Bauingenieure und andere, die bereit sind, drei Monate zu arbeiten. Der Verein bezahlt Flug, Unterbringung und Verpflegung und ein monatliches Taschengeld von 100 Euro. Neudeck: "Wir rekrutieren junge Muslime und junge Christen und alle Menschen guten Willens für diese Bauteams, die eines klar wissen: Die Schöpfung darf von uns nicht einfach zerstört werden." Weitere Informationen unter www.gruenhelm.de.