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Integration: "Ohne Sprache geht es einfach nicht"

Die Stadt Kirchheim hat eine Vielzahl an Aushängeschildern. Die schmiedeeisernen Modelle fallen den Besuchern sofort ins Auge. Die symbolischen Aushängeschilder dagegen finden sich mehr im Verborgenen. Dazu gehören unter anderem diverse Integrations- und Sprachhilfeeinrichtungen für ausländische Kinder.

ANDREAS VOLZ

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KIRCHHEIM "Miteinander leben Integration in Kirchheim". Unter diesem Filmtitel stellt Siegfried Fischer verschiedene Aushängeschilder der Stadt Kirchheim vor: architektonische Sehenswürdigkeiten, Werbetafeln für Geschäfte und öffentliche Einrichtungen, aber auch Gruppen, die sich um die Integration ausländischer Mitbürger besonders verdient gemacht haben. Der Film ein Projekt des Bürgerbüros und des Integrationsausschusses macht ausländische Mitbürger auf vorhandene Möglichkeiten aufmerksam. Er liegt bislang in einer türkischen und in einer deutschen Fassung vor.

Beim jährlichen Frühstück der Kirchheimer Arbeitsgemeinschaft "Integration und Sprachhilfe" stand dieser Film jetzt im Mittelpunkt. Er wurde mit großem Interesse verfolgt, weil drei ehrenamtliche Sprachhilfeprojekte darin besondere Erwähnung finden: So kümmert sich die Hausaufgabenhilfe seit über 30 Jahren darum, dass Kinder von Ausländern oder Aussiedlern schulische Lerninhalte am Nachmittag intensiv nachbearbeiten können. Seit nahezu 30 Jahren fördert die Sprachhilfe nach dem "Denkendorfer Modell" in Kirchheim die sprachliche Entwicklung ausländischer Kindergartenkinder. Relativ neu im Bunde, aber dennoch bereits fest etabliert, ist das Projekt "Klein anfangen", das Deutschkurse für Mütter von Kindergartenkindern anbietet.

Das neueste Angebot kommt im Film noch nicht vor, weil es erst im November begonnen hat: die Intensivsprachförderung, für die es Zuschüsse von der Landesstiftung Baden-Württemberg gibt. In sechs Gruppen werden Kirchheimer Kinder im Vorschulalter, bei denen Förderbedarf besteht, gezielt in der deutschen Sprache unterrichtet und auch an den Umgang mit Schriftzeichen und Büchern herangeführt. Mit zum Programm gehören regelmäßige Besuche in der Stadtbücherei. Für jedes Kind ist nach der "Sprachbestandserhebung" ein spezieller Förderplan zu erstellen. Die Erfolge sind laufend zu dokumentieren und in Abschlusstests nachzuweisen.

Weil alle diese Projekte in etwa dasselbe Ziel haben die bessere Integration ausländischer Mitbürger in die Gesellschaft, basierend auf der Grundlage deutscher Sprachkenntnisse , treffen sich die vielen Mitarbeiterinnen der einzelnen Sprachfördermaßnahmen einmal jährlich zum Erfahrungsaustausch beim Frühstück. Besondere sprachliche Schwierigkeiten, die manche ausländischen Kindergartenkinder haben, machte dieses Mal Siegfried Fischers Film deutlich: Spielerisch lernen die Kinder in einer Szene das Zählen auf Deutsch und überwinden dabei immer wieder die große Hürde, auf das Zahlwort "Neunundzwanzig" die passende "Dreißig" folgen zu lassen. Anhand von Holzfiguren lernen die Kinder die deutschen Bezeichnungen für die verschiedensten Tiere von "Hund, Katze, Maus" bis hin zu Elefant, Tiger oder Krokodil.

Die Sprachhelferinnen aller Gruppierungen sehen ihre tägliche Arbeit im Film widergespiegelt. Auf dem Programm des Frühstücks stand allerdings nicht nur die Beschäftigung mit dem Kirchheimer Dokumentar- und Werbefilm, sondern auch die Verabschiedung von Roswitha Humburg in ihrer Eigenschaft als "Mentorin" und Motor der Sprachhilfe nach dem Denkendorfer Modell in Kirchheim. Nach siebeneinhalb Jahren übergibt sie ihr Ehrenamt nun gleich an drei Nachfolgerinnen: Regine Kerner "beerbt" sie als Mentorin. Ihr zur Seite stehen Kerstin Skubatz und Simone Kugler, die sich um das "Organisatorische" kümmern. Gestern nun erfolgte Roswitha Humburgs offizieller Abschied im Rathaus, mit einem Handschlag und einer Gesprächsrunde im kleinen Kreis.

"Die Sprachhilfe leistet hervorragende Arbeit", würdigte Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker das bürgerschaftliche Engagement aller Beteiligten: "Ohne Sprache geht es einfach nicht." Sozialamtsleiter Roland Böhringer lobte vor allem die Qualität der Sprachhilfe: "Das Konzept steht für spielerisches, soziales und ganzheitliches Lernen. Die Mentorinnen kommen aus der Erziehungsarbeit, und die Sprachhelferinnen sind gut geschult." Roswitha Humburg selbst zeigte sich auch zum Abschied noch als energische Frau der Tat: "Es bringt uns nichts zu jammern, dass die Kinder unkonzentriert sind und die Eltern desinteressiert. Unsere Gesellschaft muss etwas ändern und damit fertig werden, wie die Kinder sind. Die Kinder können ja nichts dafür."

Als Beispiel für die Veränderungen führt sie das Fernsehen an: "Früher gab es drei Programme. Da hörten die Kinder schon frühzeitig deutsche Laute." Heute dagegen würden sich die Eltern fast nur noch Programme aus ihrem Heimatland ansehen. Die neue Mentorin Regine Kerner sieht unter anderem darin den Grund, warum viele ausländische Kinder ab der dritten Klasse Schwierigkeiten bekommen. Bis dahin reiche ein relativ kleiner Wortschatz, "aber dann kommen die abstrakten Begriffe, und da zeigen sich auf einmal die mangelnden Sprachkenntnisse".

In Kirchheim sorgt die Sprachhilfe auch weiterhin dafür, diesem Mangel nach Möglichkeit abzuhelfen.