Lokales

Integrationsarbeit mit viel Liebe und Achtung

Ingrid Dolderer vom Verein „Beit Lechem“ bietet jüdischen Neuankömmlingen in Kirchheim Unterstützung

Nach einem Beschluss der Innenministerkonferenz aus dem Jahr 1991 haben jüdische Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion das Recht, nach Deutschland einzureisen. So sind auch nach Kirchheim, wo der Landkreis Esslingen ein Übergangswohnheim eingerichtet hat, inzwischen viele jüdische Einwanderer gekommen: Großfamilien, Kleinfamilien und Ehepaare, einige Alleinstehende. In der Regel kommen sie aus Großstädten und haben eine sehr gute Ausbildung, oft ein Studium. Trotzdem ist der Anfang für sie nicht einfach. Ingrid Dolderer vom Verein „Beit Lechem e.V.“ gibt den Neuankömmlingen in dieser schwierigen Zeit wichtige Unterstützung. Hier berichtet sie von ihrer Arbeit.

renate Hirsch

Frau Dolderer, wie hat Ihre Arbeit für die jüdischen Zuwanderer begonnen?

dolderer: Im Jahre 1999 war ich sehr beeindruckt von einer Stadtführung über die ehemaligen jüdischen Wohn- und Geschäftshäuser in Kirchheim. Da erfuhr ich, dass in Kirchheim jüdische Familien gelebt haben, die deportiert wurden. Dadurch entwickelte sich der Wunsch, an der Wiedergutmachung für die Juden mitzuhelfen. Ein halbes Jahr später kamen dann die ersten russisch-jüdischen Familien, denen zu helfen ich gebeten wurde.

Was ist der Verein „Beit Lechem e.V.“, welche Ziele hat er?

dolderer: Wir gründeten den Verein „Beit Lechem“, um besser helfen zu können. Der Name des Vereins ist hebräisch und bedeutet „Haus des Brotes“, was ausdrückt, dass wir für möglichst alle Bedürfnisse dieser jüdischen Menschen sorgen wollen: Wohnung, Sprache, Arbeit, Freunde, Identitätsfindung; Unterstützung bei Behördengängen, gemeinsame Gruppenabende, Freizeitgestaltung. Durch unseren Verein gewinnen wir auch mehr Vertrauen bei Vermietern und Behörden.

Welche Erfahrungen haben die jüdischen Einwanderer in ihrem Herkunftsland gemacht?

dolderer: Als Juden werden sie oft denunziert oder sogar überfallen. Sie verlieren ihre Arbeit, weil sie Juden sind. Die Zukunftsaussichten für die Jugendlichen sind nicht gut. Oft treibt sie wirtschaftliche Not zur Ausreise nach Deutschland.

Welche Bedeutung haben denn ihre jüdischen Wurzeln für sie?

dolderer: Ihre jüdischen Wurzeln sind oft „vergraben“, das heißt sie mussten ihre jüdische Herkunft verleugnen, um in der Ausbildung, im Beruf und in der Arbeit keine Benachteiligung zu erfahren. Trotzdem haben für manche ihre jüdischen Wurzeln große Bedeutung – sie leben bewusst jüdisch und schließen sich dann auch der jüdischen Gemeinde in Stuttgart an. Dankbar nehmen sie an, wenn man ihnen zum jüdischen Glauben, zu ihrer Identität verhilft. Oft werde ich gefragt, warum die russischen Juden nicht nach Israel gehen. Viele haben kein Verhältnis zu Israel und wollen deshalb und wegen der Situation in Israel nicht dort leben. Meist auch wegen dem andersgläubigen Ehepartner, denn die meisten sind mit russischen oder andersgläubigen Partnern verheiratet oder sind zu „Atheisten“ geworden, weil sie ihren jüdischen Glauben verbergen mussten. Wenn sie hier in Deutschland erfahren, dass ihr Glaube toleriert wird, können sie sich zu freien Menschen entwickeln, die ihre Identität gefunden haben.

Welche Erfahrungen machen sie bei ihrem Neuanfang hier?

dolderer: Sie haben ihre alten Freunde verloren, und aus Mangel an Sprachkenntnissen können sie hier mit Deutschen keine neuen Freundschaften knüpfen. Die Wohnungssuche gestaltet sich sehr schwierig, sodass sie meistens nach sechs Monaten, wenn die Erlaubnis für den Aufenthalt im Übergangswohnheim abgelaufen ist, Kirchheim wieder verlassen müssen. Das ist schmerzlich, da sie meist gerade damit angefangen haben, Kirchheim als neue Heimat lieb zu gewinnen. Und ihre Kurse zur Integration können sie dann auch nicht beenden.

Und wie begegnen ihnen die Menschen in Kirchheim?

dolderer: Sehr unterschiedlich. Es gibt leider zu wenige Wohnungen. So erfahren sie, dass Juden als Ausländer schlechtere Chancen haben. Die einen lehnen sie als „Russen“ ab, die anderen als Arbeitslose. Manche Vermieter verstehen aber auch, dass die Miete durch das Arbeitsamt eine sichere Miete ist und nehmen diese Familien gerne.

Berichten Sie ein bisschen von Ihrer Arbeit .

Dolderer: Durch unsere Arbeit wollen wir den Juden Liebe und Achtung entgegenbringen, was sie im Herkunftsland so sehr vermissten. Die Wohnungssuche braucht viel Zeit und Ausdauer. Zeitweise habe ich auch Sprachunterricht gegeben, um die lange Wartezeit auf den Deutschkurs zu überbrücken. Auch bei der Arbeitssuche unterstützen wir sie. Da wir für alle Probleme da sein wollen, haben wir auch zu den Leuten Kontakt, die schon länger in Kirchheim wohnen. So nimmt die Besuchsarbeit im Übergangswohnheim und in den Privatwohnungen einen breiten Raum ein. Nach acht Jahren sind jetzt die ersten dabei, die deutsche Staatsangehörigkeit zu erwerben. In unseren Gruppenabenden sind sie froh über geistige Anregung, geschichtlich, kulturell und auch religiös. Leider gibt es oft Probleme mit den Behörden, wo ich als Deutsche für sie einstehe und manches durchkämpfe.

Welche Unterstützung wünschen Sie sich für Ihre Arbeit?

Dolderer: Es wäre schön, wenn deutsche Familien gefunden werden könnten, die den jüdischen Familien Freunde werden wollen. Auch würde es uns freuen, wenn manche Vermieter ihre Vorurteile abbauen könnten, die sie teilwese gegen Juden, Ausländer und Arbeitslose haben und sie kennenlernen wollten. Mit der Vergabe ihrer Wohnung können sie den Juden eine Chance geben, sich in Kirchheim zu integrieren. Darum sind die Juden eifrig bemüht. Von der Stadt Kirchheim wünsche ich mir, dass sie das Übergangswohnheim zur „Anschlussunterbringung“ erklären würde, sodass die Juden Kirchheim nicht nach sechs Monaten verlassen müssen, sondern so lange bleiben dürfen, bis sie eine passende Wohnung gefunden und ihre Kurse beendet haben.

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