Lokales

"Integrieren und fördern statt trennen und rausprüfen"

PETER DIETRICH

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KIRCHHEIM Die Angst vor der Hauptschule geht um: Da lassen Kirchheimer Eltern ihre Kinder die dritte Klasse wiederholen, um in der vierten Klasse möglichst eine Empfehlung für eine höhere weiterführende Schule zu erreichen. Da fangen Eltern zu weinen an, wenn ihr Kind künftig auf diese Schule gehen soll. Immer weniger Kinder wechseln von der Grund- zur Hauptschule: Im Kreis Esslingen sind es aktuell nur noch 27 Prozent der Schüler ein Prozentpunkt weniger als im Landesdurchschnitt.

Wenn die Schülerzahlen in den nächsten Jahren zurückgehen, trifft das die Hauptschulen besonders. Von 1 202 Hauptschulen im Land seien schon heute 540 einzügig, 147 weitere wenig gegliedert, führte Professor Zenke mit handfesten Zahlen ins Thema ein. Schrumpfe eine Schule, bedeute dies ab einer kritischen Grenze deutliche Einschnitte deshalb wolle die Landesregierung aus Qualitätsgründen keine Realschule unter drei Zügen führen.

Einen weiteren Hinweis auf akuten Handlungsbedarf sieht Professor Zenke im steigenden Andrang an die freien Schulen, die in Baden-Württemberg inzwischen knapp 90 000 Schüler zählen. Ihre Bürgernähe sei oft besser entwickelt, auch deren geringerer Ausländeranteil sei für Eltern ein Argument. "Wir muten der Hauptschule eine Pädagogik zu wie keiner anderen weiterführenden Schule", kritisierte der Schulexperte.

Zwischen der pädagogischen und sozialpolitischen Verantwortung der Hauptschule und dem, was der Staat in sie investiere, gebe es ein deutliches Missverhältnis. Wenn behauptet werde, die Verteilung der Schüler habe mit deren Begabungen zu tun, sei das blanker Unsinn. Wenn in Heidelberg gerade noch 14 Prozent zur Hauptschule wechselten, lebten dann dort lauter unpraktische Menschen? Studien wie Pisa fragten nur bestimmte Kompetenzbereiche ab, betonte Professor Zenke, viel schlimmer als deren Gesamtergebnisse sei für ihn die unerhört große Leistungsstreuung in Deutschland.

In keinem der 32 untersuchten Länder gebe es größere Unterschiede zwischen den besten und schlechtesten Schülern. Jeder vierte Schüler ein Risikoschüler auch das sei ein trauriger deutscher Rekordwert. Kinder mit Migrationshintergrund seien in Deutschland stark benachteiligt. Die Kinder dieser Familien hätten leider noch schlechtere Schulergebnisse als ihre Eltern.

Herkunft und Struktur der Hauptschüler hätten sich inzwischen gewandelt, wie es vor Jahrzehnten noch undenkbar gewesen sei: "Jungen, Verlierer, sozial Schwache, ausländische Kinder, Asylanten und Umsiedler." Auf die Ausbildung der Lehrer, auf deren Unterstützung und auf die Ausstattung der Hauptschulen sei dies weitgehend ohne Auswirkungen geblieben. Die Politik habe die Probleme zwar erkannt, aber nichts wirklich geändert. Der Attraktivitätsverlust der Hauptschule sei daher nicht mehr rückgängig zu machen: "Wenn die Hauptschule in einer neuen Schullandschaft aufgeht, ist den Hauptschülern am besten geholfen."

Überall in Deutschland gebe es inzwischen Initiativen für eine integ-rierte Schule, betonte Professor Zenke. Nur Bayern und Baden-Württemberg hielten weiter an einem reinen dreigliedrigen Schulsystem fest: "Unser Land scheint ins schulpolitische Abseits zu geraten." Aller lobenswerte persönliche Einsatz von Lehrkräften könne nichts daran ändern, dass das Gesamtsystem falsch sei. Dessen Veränderung sei keine Frage der politischen Mehrheiten, wie die Einrichtung der Stadtteilschulen im CDU-regierten Hamburg zeige. Auch lohne der Blick nach Österreich und der Schweiz in vielen Kantonen würden künftig sogar die Erzieherinnen an der Universität ausgebildet.

Unter dem Motto "integrieren und fördern statt trennen und rausprüfen" forderte Professor Zenke ein längeres gemeinsames Lernen der Schüler in einer integrierten Orientierungsstufe. Er empfahl das Schaffen eines einheitlichen Lehrerstandes mit gleicher Laufbahn und Besoldung so wie es nur einen Stand der Ärzte oder Rechtsanwälte gebe, mit jeweiligen Spezialisierungen.

Die Gesamtschule dürfe keine Verwahranstalt werden, was angesichts der derzeitigen Landespolitik zu befürchten sei. Die nötigen Veränderungen sah Professor Zenke als "Herkulesaufgabe": "Es braucht eine große Anstrengung. Man kann nur hoffen, dass sich das Land bald in diese Richtung aufmacht."

Thomas Auerbach, Zweiter Vorsitzender des Kirchheimer Gesamtelternbeirats, leitete zur Diskussion über und fragte nach den Wünschen und Zukunftsvisionen der Teilnehmer. "Ich gehe davon aus, dass die Blockade in Baden-Württemberg keine zehn Jahre mehr hält", meinte Hans Dörr, Vorsitzender der GEW Esslingen-Nürtingen und Rektor der Burgschule Plochingen. Leider fehle der Hauptschule die Lobby. Hauptschüler bräuchten mehr Unterstützung und mehr Zeit. Während seine Schule für den Ganztagsbetrieb neue Lehrerstunden erhalte, werde gleichzeitig im Ergänzungsbereich gekürzt.

Auch Uwe Häfele, Rektor der Kirchheimer Alleenschule, fürchtet, dass Stundenstreichungen seine Schulkonzeption zunichte machen könnten. Zusätzlich fehle eine Stelle für die Schulsozialarbeit in der Grundschule. Der Lehrerberuf müsse attraktiver gemacht werden, für beide Geschlechter: "Unsere Kinder brauchen auch Männer." Und warum hätte ausgerechnet die Hauptschule, die mit den langsamsten Schülern, nur neun Jahre Zeit?

Aloysius Dieterich von der Kirchheimer Agentur für Arbeit erinnerte an die hohen Kosten für das Berufsvorbereitende Jahr, Berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahmen und andere Reparatureinrichtungen laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) vier Milliarden Euro pro Jahr. Sein Vorschlag, dieses Geld möglichst an anderer Stelle einzusetzen, fand Zenkes volle Unterstützung: "Was ist das für ein Bildungssystem, in dem 25 Prozent zu Notfällen werden?" Dieterich unterstrich auch, wie wichtig Netzwerke rund um die Hauptschule seien.

Wolf-Rainer Bosch, Vorsitzender des Kirchheimer Bundes der Selbstständigen, forderte eine stärkere Ausrichtung der Schulen auf Naturwissenschaft und Technik. Entscheidend ist für ihn jedoch die Zuwendung: "Wenn man sich der Schüler annimmt, wird aus allen was. Aber alle müssen daran mitwirken." Das sah Uwe Häfele ähnlich: "Unsere Schüler brauchen Unterstützung, egal in welcher Schulform."

Abschließend betonte Professor Zenke: "Man muss bis an die Schmerzgrenze gehen und die Politik zum Widerstand herausfordern, statt vorauseilend brav zu bleiben." So hätten ein berufliches Gymnasium und eine Hauptschule trotz aller Hürden ein Drittel ihrer Lehrer getauscht. Das habe einen enormen Schub nach vorn gegeben.