Lokales

Interesse an dieser Position ist so groß wie nie zuvor


BARBARA IBSCH

Anzeige

KIRCHHEIM Angelika Matt-Heidecker hat derzeit doppelte Last zu schultern. Selbst erst seit März dieses Jahres an der Spitze der Stadt, muss die Oberbürgermeisterin vermutlich weit in den Herbst hinein die oberste Führungsfunktion allein bestreiten, erfolgt doch erst Ende September die Wahl der/des Ersten Beigeordneten der Stadt Kirchheim unter Teck.


Die Stelle ist vakant, seit Helmut Riegger im Juni seine neue Position als Erster Bürgermeister in Sindelfingen angetreten hat. Auf die bundesweite Ausschreibung sind bis gestern 53 Bewerbungen eingegangen, da-runter vier von Frauen. Viel mehr war dazu vom Rathaus auf Anfrage nicht zu erfahren. Gerade noch, dass es ein breites Bewerberspektrum ist, das Alter von 28 bis 62 reicht und wohl 39 Kandidaten die geforderte Qualifikation erfüllen.


Die Unterlagen kommen jetzt in die Fraktionen, dann wird in einer gemeinsamen Sitzung von Technischem Ausschuss sowie Finanz- und Verwaltungsausschuss eine engere Wahl getroffen. Ihr folgt eine nichtöffentliche Vorstellungsrunde im Gemeinderat und eine Woche später dann die Entscheidung. Über die Nachfolge hat der Gemeinderat am 29. September im Rahmen einer Sondersitzung zu entscheiden. Die Wahl selbst wird schriftlich und damit geheim sein, aber in öffentlicher Sitzung nach einer letzten Vorstellungsrunde der Bewerber erfolgen, die dann noch im Rennen sind.


Bis dahin ist es müßig, darüber zu spekulieren, welche Rolle der Parteienproporz spielen wird auch wenn die Fraktionen allein schon den Gedanken daran weit von sich zu weisen versuchen.


Die Position eines Ersten Beigeordneten gibt es in Kirchheim seit der Erhebung zur Großen Kreisstadt. Am 1. April 1956 war dies unter Oberbürgermeister Franz Kröning so weit, im Jahr darauf wurde die Stelle erstmals ausgeschrieben. Neun Bewerbungen gab es damals, gewählt wurde Rudolf Bayler, 40-jähriger Jurist aus Karlsruhe und zu jener Zeit Prüfungsbeamter beim Baden-Württembergischen Rechnungshof. 1962 wurde Bayler zum Bürgermeister von Schorndorf gewählt.


Um die frei gewordene Stelle bewarben sich elf Kandidaten. Die Entscheidung fiel im Juli 1963 zu Gunsten des 43 Jahre alten Horst Ullrich, bisher Leiter des Bauamtes der Stadt Sankt Ingbert an der Saar. Als nach acht Jahren die Amtszeit abgelaufen und damit die Stelle des Wahlbeamten auf jeden Fall auszuschreiben war, entbrannte im Kirchheimer Gemeinderat eine heftige Diskussion darüber, ob es weiterhin bei nur einem Beigeordneten bleiben sollte. Dies war in der Hauptsatzung so festgeschrieben und regelte zugleich die Stellvertretung des Oberbürgermeisters: ein Beigeordneter und zwei Mitglieder des Gemeinderats.


Besagte Diskussion war durch zwei Änderungsvorschläge ausgelöst worden: zwei Beigeordnete und zwei Mitglieder des Gemeinderats oder aber nur noch zwei Mitglieder des Gremiums und keinen Beigeordneten mehr. Es blieb beim Status quo und damit bei einem Beigeordneten, aber nicht bei Horst Ullrich, der sich wieder beworben hatte. Mit der Begründung, in der Zeit der Verwaltungs- und Funktionsreform die Weichen für die Zukunft richtig stellen zu wollen, entschied sich 1971 die Mehrheit des Kirchheimer Gemeinderats gegen den Techniker und damit für Richard Käser, seines Zeichens Bürgermeister in Dettingen.


Im Oktober 1979 unter Oberbürgermeister Hauser dann eine parteipolitische Entscheidung: SPD und CDU erreichten den Mehrheitsbeschluss, die Stellen für zwei Beigeordnete mit der Amtsbezeichnung Bürgermeister auszuschreiben. Der Geschäftsbreich des Ersten Beigeordneten sollte das Technische Dezernat, der des Zweiten Beigeordneten das Verwaltungsdezernat umfassen. Nicht weniger als vierzig Kandidaten warfen ihren Hut in den Ring. Richard Käser war nicht dabei, er hatte sich aus gesundheitlichen Gründen nicht wieder beworben.


Das Rennen machte der 36-jährige Bundesbahndirektor Peter Jakob, Planungsdezernent in der Projektgruppe Hannover / Würzburg der Bahnbauzentrale in Frankfurt. Er überzeugte im ersten Wahlgang offensichtlich so stark, dass der Gemeinderat im Anschluss daran auf die Wahl eines Zweiten Beigeordneten verzichtete. Die Hauptsatzung geändert wurde allerdings erst später, nachdem das von der FDP-Fraktion eingeschaltete Regierungspräsidium bestätigt hatte, dass die Stadt Kirchheim entweder einen weiteren Beigeordneten wählen oder die Hauptsatzung ändern müsse.


Nur einen Bewerber den Amtsinhaber Peter Jakob und dessen Wiederwahl durch den Gemeinderat gab es im Dezember 1987. Einen Monat später wurde Jakob von der Bürgerschaft zum Oberbürgermeister gewählt als Nachfolger des zum Baden-Württembergischen Städtetag gewechselten Werner Hauser.


Also stand dem Gemeinderat erneut eine Beigeordnetenwahl ins Haus. Verbunden war sie mit heftiger Diskussion über einen Passus der Ausschreibung: "Die Stadt Kirchheim ist um die berufliche Förderung von Frauen bemüht und möchte Interessentinnen ermutigen, sich zu bewerben." Sich dadurch in Zugzwang zu versetzen, befürchteten einige gewählt wurde dennoch eine Frau. Susanne Weber-Mosdorf, 35-jährige Oberregierungsrätin und Leiterin des Nahverkehrsamtes beim Landratsamt Esslingen, wusste auch ohne Zugzwang zu punkten. Sie war nach dem zweiten Wahlgang die erste Bürgermeisterin im Kreis, die dritte in der Region und die vierte in Baden-Württemberg. 1992 wurde sie als Ministerialdirektorin in das Ministerium für Familie, Frauen, Weiterbildung und Kunst berufen, stieg von dort aus auf der Karriereleiter stetig weiter nach oben.


Kirchheim schrieb wieder einmal die Stelle aus, 19 Bewerbungen gingen ein, darunter die von drei Frauen. Die Wahl konnte im zweiten Durchgang Heinz Eininger für sich entscheiden, 36-jähriger Regierungsdirektor aus Wendlingen und Leiter der Pressestelle des baden-württembergischen Finanzministeriums.


Als im Juni 2000 turnusgemäß die Stelle erneut ausgeschrieben werden musste, lagen zwei Varianten dafür bereit, unterschieden durch einen Zusatz: "Der Stelleninhaber bewirbt sich wieder." Dies war dann hinfällig Heinz Eininger wurde im Juli von der Mehrheit des Kreistags zum Landrat des Kreises Esslingen gewählt.


Also wurde die alles offen lassende Version ausgeschrieben. 32 Männer und drei Frauen reichten ihre Bewerbung ein. Mit knapper Mehrheit wurde Helmut Riegger gewählt, 38-jähriger Diplomverwaltungswirt und als Büroleiter von Willi Stächele tätig, damals als Staatssekretär Bevollmächtigter des Landes Baden-Württemberg beim Bund.


Gerade mal drei Jahre später wollte Helmut Riegger Oberbürgermeister werden, nachdem Peter Jakob es vorgezogen hatte, für eine weitere Amtszeit nicht mehr anzutreten. Aus dem ersten Wahlgang war Helmut Riegger als klarer Favorit hervorgegangen, aber im zweiten Anlauf zog Angelika Matt-Heidecker mit hauchdünnem Vorsprung an ihm vorbei. Dass es danach den Verlierer nicht allzu lange im Rathaus halten würde, war abzusehen. Kirchheim hatte wieder einmal die Stelle der/des Ersten Beigeordneten auszuschreiben.


Das Interesse an dem Amt ist so groß wie nie zuvor. Die Entscheidung liegt jetzt beim Gemeinderat.

Wer neben Oberbürgermeisterin Matt-Heidecker die zweite Führungsposition übernimmt, hat der Gemeinderat zu entscheiden.

Foto: Jean-Luc Jacques