Lokales

Interkulturelle Kontakte und Konflikte

KIRCHHEIM Rund 125 Jahre sind seit der Erstausgabe von David Friedrich Weinlands "Rulaman" vergangen, jenes ersten Kinderromans, der die Vor- und Frühgeschichte in

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ESTHER HESZLER

realistisch anmutenden Details inszenierte. Generationen haben seitdem mit dem gleichnamigen jugendlichen Helden geliebt und gelitten und das Buch naiv und unreflektiert verschlungen. Erst in allerjüngster Zeit erregte die Ideologie des Verfassers das Interesse der Wissenschaftler.

Der Archäologe Roland Wiermann aus Biberach, maßgeblicher Gestalter des Konzeptes der Rulaman-Ausstellung, eine Wanderausstellung, hat sich in seinem Vortrag im Kirchheimer Kornhaus mit den darwinistischen und imperialistischen Denkmustern beschäftigt, denen das dramatische Geschehen dieses Buches folgt. Der Autor, Theologe und Zoologe Dr. David Friedrich Weinland gehörte in der Mitte des 19. Jahrhunderts zu einer jungen fortschrittlichen Wissenschaftlergeneration, die sich intensiv mit der Herkunft des Menschen beschäftigte. Er rezensierte nicht nur Charles Darwins epochemachendes Werk "On the Origin of Species . . .", "Vom Ursprung der Arten . . ." erschienen 1859 für Fachzeitschriften, sondern er besuchte ihn 1861 auch in seinem Haus in England. Daher ist es nicht verwunderlich, dass Weinland das Werden und Vergehen von Stämmen, Völkern und Kulturkreisen analog Darwins Werk als "Survival of the Fittest" interpretiert.

Anhand von Zitaten aus dem Vorwort lässt sich eindeutig belegen, dass Weinland von einem evolutionistischen, expansiven Fortschreiten einer mächtigen und innovativen Kultur überzeugt war, die schließlich alle unterlegenen Kulturen vernichtet. Hinzu kam, dass er während eines mehrjährigen Forschungsaufenthalts in den Vereinigten Staaten persönlich Gelegenheit hatte, die Lebensbedingungen der Indianer in den Reservaten zu beobachten und die Auswirkungen der Indianerkriege zu studieren und sozusagen auch am eigenen Leib zu erfahren.

Zwar wusste Weinland, dass sich die eiszeitlichen Jäger seine "Aimats" und die eisenzeitlichen Kelten die "Kalats" historisch niemals begegnet sind, aber er war von der Frage fasziniert, wie man sich die Ablösung eines steinzeitlichen Jägervolkes durch einwandernde bereits metallverarbeitende Bauern in unserer Region vorzustellen habe.

Der Referent wies darauf hin, dass sich das Buch in drei Teile gliedern lässt. Den Anfang bildet die idyllische Lebensbeschreibung der Aimats. Durch die Liebesbeziehung zwischen Rulamans bestem Freund Obu und der schönen Ara aus der Nalli-Höhle kommt es zur blutigen Konfrontation zwischen beiden Sippen, die sich vor allem darin unterscheiden, dass die Nallis bereits ausgedehnte Handelskontakte zu den Kalats pflegen. Ihr Häuptling, der reiche Nargu, soll sogar eine Kalat zur Mutter gehabt haben. Zwar kommt es schnell zur Versöhnung, doch spielt die Mahnung zur Einigkeit gegenüber den heranrückenden Fremden hier eine wichtige Rolle.

Der umfangreichste, dritte Teil schildert die erbarmungslose Auseinandersetzung mit den Kalats, die in allen Bereichen Technologie, Wirtschaft, Gesellschaftsstruktur und Religion grundlegend anders sind als die Aimats. Selbst der einflussreiche Häuptling Nargu, den Weinland an der Schnittstelle beider Kulturen ansiedelt, will und kann hier nicht vermitteln.

Das Aufeinandertreffen folgt genau dem Schema, das historisch für das Zeitalter des Imperialismus vielfach belegt ist. Zunächst wird durch die Ankömmlinge ein Interesse an der Kultur der Ureinwohner vorgetäuscht. Dabei versucht man die ansässige Bevölkerung von alkoholischen Getränken abhängig zu machen. In diesem Zustand der Unmündigkeit werden sie versklavt, um sie beim geringsten Widerstand auszulöschen.

Zwar hat Weinland die Aimats nicht zum Idealtypus des "edlen Wilden" hochstilisiert, doch verfügen sie über eine naive Reinheit des Herzens, die sie dem jugendlichen Leser vertraut und sympathisch erscheinen lassen. Ihre Gegenspieler sind dagegen listig, heimtückisch und habgierig. Ihre Religion weist kannibalische Züge auf. Auch bei dieser negativen Charakterisierung erweist sich Weinland als ein Kind des ausgehenden 19. Jahrhunderts.

Indem er die Kalats mit den historisch bekannten und archäologisch damals nur in Frankreich belegten Kelten gleichsetzt, kennzeichnet er sie als Vorfahren und kulturelles Substrat der modernen Franzosen. Als deutscher Nationalist vertritt er hier ein Menschenbild, das die zeitgenössischen Vorurteile und Ressentiments gegen den feindlichen Nachbarn widerspiegelt. Die hinterhältigen Kalats laden die Aimats zu ihrem aufwändigen Opferfest ein, um sie durch die Präsentation ihrer kulturellen Überlegenheit einzuschüchtern.

Als dies nur teilweise gelingt, erfolgt natürlich nach dem Willen und Befehl der obersten Götter die "gerechtfertigte" Ausrottung des Gegners. Allein Rulaman überlebt, der mit der alten Parre in die Staffa-Höhle flieht. Doch das wäre kein passendes Ende für einen Romanhelden. Es wird angedeutet, dass Rulaman in ferner Zukunft zum Herrscher über die Kalats aufsteigen wird.

Warum dieser unrealistische, fast märchenhafte Schluss? Nach der Meinung des Referenten hatte der Autor bereits seinen zweiten Roman, den "Kuning Hartfest" im Blick, in dem der Steinzeitheld noch eine Rolle zu spielen hatte. Hervorzuheben bleibt aber, dass die beiden letzten Kapitel ein Verhalten aufzeigen, das die tradierten kulturellen Muster durchbricht. Gegen den Willen der Urahne und den Steinzeitethos rettet Rulaman den Sohn des Todfeindes und pflegt ihn hingebungsvoll.

Im Gegensatz zu ihrem verlogenen und treulosen Volk entwickeln Kando und seine Schwester Welda ein aufrichtiges Interesse an Rulaman und dessen untergegangener Welt. Eine Freundschaft entsteht, vielleicht sogar Liebe.

Das Referat wurde abgerundet mit einem kurzen Blick auf vergleichbare interkulturelle Konflikte in der jüngsten Vergangenheit, zum Beispiel dem Genozid in Ruanda. Auch heute ist eine im Internet veröffentlichte Liste der vom Aussterben bedrohten Völker erschreckend lang. Aus der Schullektüre ist der Roman schon lange gestrichen. Seine zoologischen, botanischen und archäologischen Erläuterungen sind wissenschaftlich längst überholt aber es wäre doch eine Überlegung wert, ob man ihn nicht als Einstieg in interkulturelle Konfliktprojekte neu entdecken könnte.