Lokales

INTERVIEW

Elmar Müller – der Name ist Programm. Er steht für jahrzehntelanges politisches Engagement auf allen Ebenen und in zahlreichen Themenfeldern. In Kirchheim und im Landkreis ist der Christdemokrat ebenso zu Hause wie in Berlin und der Welt. Die Höhe der Kindergartengebühren vor Ort machte er sich gleichermaßen zu eigen wie die Finanzpolitik der Bundesregierung und die Entwicklung des Postwesens. Jetzt zieht sich der Vollblutpolitiker, der im Mai 66 wird, aus der Lokalpolitik zurück.

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IRENE STRIFLER

Ihre politische Karriere ist beispiellos: Ab 1975 waren Sie 16 Jahre lang Stadtrat, dann zwölf Jahre lang Bundestagsabgeordneter, seit 2004 erneut Stadtrat – wieso ziehen Sie sich jetzt, mitten in der Legislaturperiode, zurück?

Müller: Das liegt an meinem beruflichen Engagement. Das geht jetzt einfach vor, denn schließlich hängen Arbeitsplätze daran. Bei sehr vielen Ratssitzungen im laufenden Jahr könnte ich aus Termingründen gar nicht anwesend sein, und das ist nicht zu verantworten. Als Vorstandsmitglied des Deutschen Verbandes für Post, Informationstechnologie und Telekommunikation bin ich mindestens zwei Tage pro Woche in Offenbach eingespannt. Zwei weitere Tage bin ich in Berlin beim Postkundenforum. Das ist ein Verbraucherverband, den ich im Vorgriff auf die Öffnung des Postmarktes gegründet habe. Hier herrscht enormer Klärungsbedarf.

Das Thema Post ist sozusagen Ihr politisches Lebensthema geworden.

Müller: Ja, das hat unter anderem persönliche Gründe. In meiner Familie gibt es eine ganze Reihe von Postbeamten. Aber auch aus wirtschaftspolitischer Sicht hat mich das Riesenthema, das ja den kompletten Telekommunikationsbereich umfasst, schon immer interessiert. Kürzlich war ich deswegen in den USA, auch eine Reise nach Moskau, die den deutsch-russischen Postverkehr zum Inhalt hat, steht demnächst an.

Fällt dem Vollblutpolitiker Müller der Rückzug aus der aktiven Politik schwer?

Müller: Ich werde weiterhin Kontakt zu vielen politischen Ebenen haben und auch meiner Fraktion in Kirchheim verbunden bleiben. Aber im Gemeinderat bin ich nun mal ein echter Methusalem. Das merke ich schon rein äußerlich. Zum Beispiel gibt es Sitzungen, in denen ich der einzige Teilnehmer mit Krawatte bin. Generell ist der Umgang lässiger geworden.

Lässiger und vielleicht auch beliebiger. Selbst auf bundespolitischer Ebene scheint von schwarz-grün bis zu rot-rot-grün alles denkbar.

Müller: Die Beliebigkeit beklage ich durchaus. Die Profile der einzelnen Parteien könnten durchaus wieder etwas stärker werden. Was den Umgang untereinander anbelangt, halte ich bei aller freundschaftlichen Verbundenheit im politischen Wettbewerb eine gewisse Distanz für nicht so schlecht.

Wie hat sich die Arbeit im Gemeinderat verändert?

Müller: Heute haben wir acht Gruppierungen. Dadurch ist die Arbeit für den Gemeinderat nicht einfacher geworden, eher für die Verwaltung. Es geht vielfach um eine Art Kompromisspolitik.

Kratzt die Vielfalt an der Bedeutung etablierter Fraktionen?

Müller: Nein. Die CDU war immer gleichstark mit den Freien Wählern. Wir hatten sogar einmal eine Fraktionsgemeinschaft, deren Vorsitzender ich einge Jahre war. Wir haben aber erkannt, dass uns die Fraktionsgemeinschaft insgesamt Wählerstimmen gekostet hat. Anschließend blieb ich Vorsitzender der CDU-Fraktion bis 1991. Übrigens haben die Freien Wähler und die CDU keineswegs immer dieselbe Meinung vertreten, etwa beim Thema Einrichtung einer Fußgängerzone, gegen die die Freien Wähler zunächst gekämpft haben.

Viele beklagen, dass heute mehr die eigenen Interessen der politischen Akteure im Vordergrund stehen.

Müller: Ja, das Individualinteresse des Einzelnen wird in den Gremien immer deutlicher. Einzelkämpfer befinden sich dann in einer schwierigen Position und wirken verbissen. OB Hauser hat eine besondere Art der politischen Auseinandersetzung gefördert, wir haben da viel gelernt. Die politischen Lager waren wesentlich akzentuierter. Ich denke da an Persönlichkeiten wie Günther Schnürch von den Freien Wählern oder Karl Schmid von der SPD. Als ich 1975 neu in den Gemeinderat kam, hat man mir durchaus klar gesagt: „Buale, jetzt hörschd erschd amal guad zua!“

Lag die politische Akzentuiertheit auch an den Themen?

müller: Sicher. Es gab sehr grundsätzliche Auseinandersetzungen, etwa um die Nordwesttangente. Auch die Schul- und Kindergartenpolitik war stets ein wichtiges Thema.

Was geben Sie dem Gemeinderat mit auf den Weg für die Zukunft?

Müller: Bildung muss als zentrales Thema begriffen werden. Das ist mir persönlich klargeworden, seit meine Frau und ich die Entwicklung unserer Tochter durch den Kindergarten- und Schulbereich begleitet haben und auch unsere Enkel in Kirchheim aufwuchsen. In den Bereich der Schulpolitik fließt auch die demoskopische Entwicklung mit ein. Auch Kirchheim wird um Schulschließungen nicht umhinkommen. Eine weitere zentrale und leider ungelöste Frage betrifft die Verkehrsinfrastruktur. Ich bedauere, dass die Nordwesttangende noch immer durch eine Politik der Ideologie überlagert wird. Ein Punkt, in dem Kirchheim in jüngster Vergangenheit gewaltig aufgeholt hat, ist das Bürgerengagement. Dazu hat unter anderem die durch mich vorgeschlagene Bürgermedaille beigetragen. Seinerzeit hatte die Stadt wirklich enormen Nachholbedarf, heute wird ihr Vorbildcharakter bescheinigt.

Welche Entwicklung wünschen Sie speziell Ihrer Fraktion?

Müller: Zugegeben: Die Fraktion ist sehr baupolitisch interessiert. Ich wünsche mir, dass auch das finanzpolitische Know-how weitergepflegt wird und sehe dafür gute Chancen. Schließlich ist Thilo Rose ein engagierter Wirtschaftswissenschaftler.

Ihr Rückzug aus dem Gemeinderat, verbunden mit dem Ausscheiden von Peter Gänssle, läutet eine Art Generationswechsel in der CDU-Fraktion ein.

müller: Das ist richtig. Und was mich besonders freut, ist, dass jetzt eine Lücke geschlossen wird: Wir haben mit Thilo Rose und Ernst Hummel fortan wieder zwei Ötlinger in unserer Gemeinderatsfraktion.