Lokales

Interview im „Friedenspark“ eines Idealisten

Austauschschüler der Philipp-Matthäus-Hahn-Schule gemeinsam mit Schülern aus Rama und Givatayim bei Stef Wertheimer

Das Projekt ist einzigartig in der Geschichte des deutschen Schüleraustausches: Schüler und Lehrer der Philipp-Matthäus-Hahn-Schule in Nürtingen haben gemeinsam mit Schülern und Pädagogen des ORT-Technikums Givatayim und der Agricultural Highschool ­Rama den 82-jährigen israelischen Industriellen und Querdenker Stef Wertheimer interviewt, dessen Vision ein Naher Osten ist, in dem die Länder und unterschiedlichen Gruppen wirtschaftlich zusammenarbeiten.

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richard umstadt

Nürtingen. Das Projekt ist so ungewöhnlich wie die Geschichte des Mannes, dem es sich widmete. Schülerinnen und Schüler der Agricultural Highschool im obergaliläischen Rama, des ORT-Technikums in Givatayim und der Philipp-Matthäus-Hahn-Schule in Nürtingen durften einen Industriellen in Israel interviewen, der neue Wege zur Konfliktlösung im Heiligen Land beschreitet: Stef Wertheimer, 82, geboren im südbadischen Kippenheim bei Lahr im Schwarzwald. Seine Familie konnte 1937 gerade noch rechtzeitig dem Nazi-Terror entkommen und nach Palästina fliehen. Den Schulbesuch in Tel Aviv brach er mit 14 ab, schloss sich der paramilitärischen „Palmach“ an und kämpfte im Unabhängigkeitskrieg 1948. 1952 begann er eine Karriere, die Hollywood genügend Stoff für einen Film böte. Mit einer Schleifmaschine und zwei Lötkolben startete Wertheimer als Unternehmer und gründete die Israel Carbide ISCAR, die Hartmetallwerkzeuge für den internationalen Markt herstellt. Heute macht das Unternehmen einen Umsatz von einer Milliarde Dollar und unterhält Filialen in 50 Staaten. Die größte Tochter sitzt in Ettlingen bei Karlsruhe. 1981 baute Stef Wertheimer den grünen Industriepark Tefen in Obergaliläa, zehn Kilometer entfernt vom Libanon, als „kapitalistischen Kibbuz“ auf. Jungen Firmen wurde dort für die ersten fünf Jahre ihrer Existenz die Infrastruktur zur Verfügung gestellt. Heute gibt es 162 solcher Firmen in vier Parks mit einem Umsatz von 600 Millionen Dollars, in denen 4 000 jüdische und 2 000 arabische Israelis beschäftigt sind. 2006 kaufte Amerikas reichster Mann, Warren Buffet, 80 Prozent der Anteile an Wertheimers Fabriken für vier Milliarden Dollars.

Der Träger der Buber-Rosenzweig-Medaille bürstet jedoch nicht nur als Unternehmer gegen den Strich. In den 1990er-Jahren hat er die Vision des Exports von Industrieparks als „Friedensparks“ und erklärt: „Die Menschen werden gefährlich, wenn sie nichts mehr zu verdienen haben.“ Deshalb denkt er laut über einen „Marshall-Plan“ für den Nahen Osten nach und erläutert ganz pragmatisch: „Sofern es um Frieden und Stabilität geht, liegt das Problem darin, Arbeit zu schaffen und Löhne zu sichern.“ Denn: „Wer darauf achten muss, seinen Aufträgen nachzukommen, hat keine Zeit Steine zu werfen.“

Sichtlich beeindruckt berichteten gestern Schüler und Lehrer der Phi­lipp-Matthäus-Hahn-Schule über den Schüleraustausch und das Interview mit Stef Wertheimer in der vergangenen Woche. „Mich hat die Person Wertheimer fasziniert. Er ist ein Mann, der weiß was er will, und seine Vision ist plausibel, denn, wo es eine Perspektive, eine Möglichkeit Geld zu verdienen gibt, gibt es mehr Frieden“, sagte Ivana Zaja, 22, Schülerin der Technischen Oberschule, und ihr Mitschüler, Computerprofi Jan Schuler, 21, der das Interview filmte, meinte: „Für mich ist nicht nachvollziehbar, wie Herr Wertheimer sein Lob der manuellen Arbeit mit seiner High-Tech-Firma zusammenbringt.“

Doch dieses Lob der handwerklichen Arbeit ist kein Zufall: Wertheimer bedauerte in dem Interview die historisch bedingte Geringschätzung handwerklicher Berufe in Israel. Ein Mechaniker in Deutschland würde viel mehr geachtet. Er will deshalb Schülern, die nicht den gymnasialen Weg gehen können, das Bewusstsein vermitteln, Stolz auf einen handwerklichen Beruf zu sein und deshalb die berufliche Bildung in seinem Lande ausbauen. Neben seiner schon bestehenden Schule in Lavon nahe ­Tefen eröffnete er im arabischen Nazareth eine zweite Berufsschule. „Um viele weitere Schulen wie diese zu gründen“, möchte er mit Unterstützung des Landes Baden-Württemberg das Modell der Berufsakademie übernehmen und israelische wie arabische Berufsschullehrer ausbilden. Darüber sprach er bereits mit Baden-Württembergs Ministerpräsident Günter Oettinger. Im Juni wird eine Delegation aus Israel, bestehend aus einer Arbeitsgruppe Wertheimers und Vertretern israelischer Ministerien, nach Baden-Württemberg kommen, um über die Ausbildung von Berufsschullehrern zu konferieren. Dabei sollen auch die Austauschschulen im Landkreis einbezogen werden.

Das Projekt „Stef Wertheimer“ ist damit für die sechs Schüler der Phi­lipp-Matthäus-Hahn-Schule noch nicht zu Ende, erklärte Projektleiter Helmut Schröder, der mit seiner Kollegin Sandra Lepple und dem Kollegen Martin Siepenkortt in Israel war. Nach den Pfingstferien wollen die Projektler nach Kippenheim fahren, um dort die Bevölkerung nach dem ehemaligen jüdischen Einwohner zu befragen, der heute, wie er sagt, mit Deutschland eine „Hassliebe“ verbindet. Im Oktober kommen die Austauschschüler aus Rama und Givatayim zum Gegenbesuch nach Nürtingen. Dann werden die Schüler das Interview auswerten und Schlussfolgerungen für die weitere Entwicklung der Dreierbeziehung diskutieren. Sicher im Sinne Stef Wertheimers, denn wie sagte Niv Minkov, 16, Schüler des ORT-Technikums Givatayim? „Ich bin mit den üblichen Vorurteilen nach Rama gefahren, habe aber nach der gemeinsamen Arbeit erkannt, dass ich sie in die Ecke stellen muss. Ich freue mich schon auf den Austausch im Herbst in Deutschland.“