Lokales

Invasion der Marsmännchen

Kirchheim. Im Wohnzimmer sieht es aus, als hätten Marsmenschen soeben die Welt erobert: Ein Gewirr aus zahllosen Kabeln breitet sich auf dem Fußboden aus, schlingt sich auf alle verfügbaren

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irene strifler

Tische. Dort verströmen PCs und Laptops leise surrend trockene Hitze. Vor jedem Bildschirm sitzt ein Halbstarker, die Hand an der Maus, auf den Ohren Kopfhörer. Halbvolle Plastikflaschen mit Cola und Energydrinks stehen am Boden. Auf dem Sofa liegt die Verpackung einer Partypizza Schinken vom benachbarten Pizza-Express. Ab und zu unterbrechen Gelächter oder Wortfetzen die Stille. „Ey Mann, gib mir Gold“ hallt es durch die zum Schneiden dicke Luft.

– Ein Code aus einer anderen Welt, Besucher von einem fernen Stern? Mitnichten! Eine private „Lan-Party“ ist hier im Gange. Anlass ist der 15. Geburtstag des Sohnes. Ein Kindergeburtstag der modernen Art. Mit allerhand Vorschlägen, vom Bowling-Abend bis zum Spaßbad, hatten die Eltern versucht, den Sprössling zu einer Geburtstagsfete zu bewegen, die ihren Vorstellungen entsprach. Fehlanzeige. „Uncool“, winkte der Sohnemann ab. Und da Eltern ihre Brut am liebsten unter dem eigenen Dach wenigstens einigermaßen geborgen wissen wollen, gingen die Mittvierziger auf den Vorschlag ein, doch mal zu zweit essen zu gehen. Das heimische Wohnzimmer kann somit zur Partyzone werden.

Mit Arbeit für die Eltern ist dies nicht verbunden. Vorschläge zur Essenszubereitung werden beiseitegewischt. Der Teenager, sonst allen häuslichen Tätigkeiten absolut abgeneigt, holt im Supermarkt das notwendige Equipment, schleppt am frühen Nachmittag Stühle herbei, arrangiert Tische. Die heimliche Kontrolle der Einkäufe, die sich die Mutter nicht verkneifen kann, ergibt: kein Alkohol, keine Zigaretten. – Erstes Aufatmen, alles im grünen Bereich.

Gegen 19 Uhr kommen die Gäste. Ein Packesel nach dem anderen schleppt im Rucksack seine mediale Hightech-Ausrüs­tung ins Wohnzimmer. Emsiger und konzentrierter als für jede Mathearbeit wird verbunden, gestöpselt, vernetzt. Bis es so richtig losgehen kann und auch das letzte technische Problem gelöst ist, vergehen Stunden. Die Eltern sitzen längst auf der Gartenterrasse beim Griechen. Als sie heimkommen, ist die „Party“, die dieses Wort eigentlich nicht verdient, in vollem Gange. Angesagt sind vor allem „Strategiespiele“. Gönnerhaft lassen die jungen Leute sich von den Alten ein wenig über die Schulter schauen, ehe diese sich ins Bett verabschieden.

Für die Teenager gibt es heute keine Nachtruhe. Stunde um Stunde geht es weiter. Zum Glück sind Ferien. Spiel um Spiel wird durchgezogen. Manchmal teilt man sich in zwei Gruppen, mal ist man Einzelspieler. – Fast ein wenig, als würden mal die Montagsmaler im Team gespielt, mal Topfschlagen auf eigene Faust. Und doch hinkt der Vergleich. Ob die Spiele nämlich wirklich so bleiben, dass ihnen auch besorgte Eltern das Etikett „harmlos“ verleihen würden, weiß von den Erwachsenen keiner. Tief und fest schlafen die Eltern nämlich längst, während bereits der Morgen graut und die Geburtstagsgesellschaft unverändert auf Zimmerlautstärke kommuniziert. Die Zeit ist für die jungen Leute offenbar wie im Flug vergangen. Unverändert sitzt jeder auf seinem Platz, die Augen sind mittlerweile rot gerändert, die Luft riecht verbraucht.

Immerhin: Der freundliche Morgengruß der Eltern wird rundum erwidert, wenn auch knapp. So vieles wartet schließlich noch darauf, gespielt zu werden. Dankbar nehmen die „Partygäste“ die frischen Butterbrezeln zur Kenntnis und vertilgen sie nebenher. Salzkristalle fallen auf Tastatur und Teppich, für Teller ist kein Platz. Die Eltern brechen zur Arbeit auf. Als die Mutter mittags heimkommt, ist der Spuk vorbei, die Marsmännchen sind abgereist. Ganz wie besprochen. Der Müll ist wie von Zauberhand verschwunden, nur eine Flasche hinter dem Klavier und jede Menge Krümel verraten, dass hier mehrere Menschen beisammen waren. Der Tisch ist auf Normalgröße geschrumpft, die überzähligen Stühle verstaut. Durch die gekippten Fenster strömt frische Luft ins Innere.

Im Kinderzimmer liegt der Sohn auf dem Sofa, im komatösen Tiefschlaf. Das wird sich in den nächsten Stunden nicht ändern. Der Tag ist gelaufen.