Lokales

Investieren um zu sparen

Umfangreiches Gutachten offenbart Handlungsbedarf am Schlossgymnasium

Der Patient gibt eigentlich keinen Anlass zur Sorge: „Typisch für seine Altersklasse“, urteilt der Fachmann. Und doch kommt der Patient auf die Intensivstation. Es handelt sich nämlich um das Schlossgymnasium. Die 30 Jahre alte Schule gilt als Energieschleuder und soll alsbald einer energetischen Sanierung unterzogen werden.

irene strifler

Kirchheim. Der Stadt liegt jetzt ein Energiegutachten für das Schlossgymnasium vor. Das Opus hat Vorbildcharakter. Ähnliche Werke wünschen sich die Mitglieder des Technischen Ausschusses für andere große städtische Gebäude in Zukunft auch. Akribisch hat das Ingenieurbüro Söllner aus Wendlingen eine „Energiediagnose“ erstellt, da­raus eine Maßnahmenliste entwickelt, diese abgewogen und auf Fördermöglichkeiten überprüft.

„Wir müssen Investitionsschwerpunkte definieren“, betonte Bürgermeister Günter Riemer angesichts der bejahrten Elektrospeicherheizung des Schlossgymnasiums und zahlreicher energetischer Mängel. „Die energetische Situation ist dabei aber nur die eine Seite“, machte der Bürgermeister mit fast warnendem Unterton klar. Denn mit der Amortisation ist das so eine Sache.

Aus einem ganzen Sammelsurium energiesparender Maßnahmen hatte Diplom-Ingenieur Bernd Söllner vier herausgefiltert, die er für besonders sinnvoll hält. Dabei scheinen die Sanierungen an der Gebäudehülle nicht vordringlich, zumal sie sich schlechter amortisieren als gebäudetechnische Veränderungen. Größte Maßnahme ist die Installation einer Holzhackschnitzel-Heizanlage, weiter die Einrichtung einer Einzelraumregelung. Außerdem empfiehlt der Fachmann die Dämmung des Scheddachs an der Sporthalle sowie dort auch die Fassadendämmung.

Die ersten beiden Maßnahmen belaufen sich auf etwa 600 000 Euro, die beiden letzteren auf 330 000. Wünschenswert wäre auch die Erneuerung der Fenster in Schule und Sporthalle. Diese allerdings würde mit satten 1,9 Millionen Euro zu Buche schlagen.

Redner aller Fraktionen zeigten sich beeindruckt vom Gutachten und sannen über Konsequenzen nach. SPD-Fraktionsvorsitzender Walter Aeugle warf den Gedanken auf, alle Investitionen, die sich über einen Zeitraum von etwa fünf bis sieben Jahren auszahlten, in Angriff zu nehmen. – Auch unter dem Zwang, dann Schulden machen zu müssen. Hagen Zweifel, Fraktionsvorsitzender der Freien Wähler, bescheinigte dem Gutachten, Hand und Fuß zu haben, erneuerte aber seine Skepsis gegenüber Holzhackschnitzel-Heizanlagen. Er sprach die Befürchtung aus, dass zunächst mehr CO2 in die Atmosphäre geblasen werde, als durch nachwachsende Bäume wieder gebunden werden könne. Albert Kahle (FDP/Kibü) stellte die Nachhaltigkeit dieser Heizungsform ebenfalls infrage. „Gibt‘s in unseren Wäldern genug Abfallholz für immer mehr Anlagen“, fragte auch Sabine Bur am Orde-Käß misstrauisch, denn zusätzlichen Lkw-Verkehr wolle man keinesfalls erzielen. „Wie viele Anlagen verträgt die Region“, brachte Birgit Müller von der Frauenliste die Bedenken auf den Punkt. Bekanntlich soll demnächst eine Holzhackschnitzel-Heizanlage auf dem Schafhof entstehen, und auch beim Freihof-Neubau wird darüber nachgedacht. CDU-Fraktionssprecher Helmut Kapp bemühte sich um Wirtschaftlichkeit, indem er betonte, eine von Schlossgymnasium und künftigem Hallenbad gemeinsam betriebene Holzhackschnitzel-Heizanlage könne attraktiv sein. Da dieses Thema noch reifen müsse, plädierte er dafür, erst die größten Energiefresser zu beseitigen, und dann eine passgenaue Energieversorgung zu planen.

Bürgermeister Günter Riemer zeigte sich überzeugt, dass Abfallholz in ausreichender Menge anfalle. Er setzte aber an einem ganz anderen Punkt an: „Wir müssen Energie einsparen“, lautete sein Credo. Das Allerbeste sei nun mal, Energie gar nicht erst zu verbrauchen. Enorme Erfolge hatte der Energiemanager der Stadt erzielt mit seinem Einwirken auf das Nutzerverhalten. Allerdings ist die Stelle vakant, der Energiemanager ist in die freie Wirtschaft gewechselt.

Einstimmig beauftragte das Gremium die Verwaltung, weitere Schritte zur energetischen Sanierung zu konkretisieren. Wann der Patient auf dem OP-Tisch landet, wird im Rahmen der kommenden Haushaltsberatungen abgestimmt.

Der Endenergieverbrauch, also das, was sich sozusagen im Geldbeutel auswirkt, liegt am Schlossgymnasium derzeit bei 1 320 850 Kilowattstunden pro Jahr. Nach Durchführung der vier favorisierten Sanierungsmaßnahmen dürfte er laut Berechnung der Ingenieurplanung Söllner bei 932 130 liegen. Zur Charakterisierung der energetischen Qualität der Haustechnik wird der Primärenergieverbrauch gemessen. Dieser ergibt sich aus dem Verhältnis vom Primärenergieaufwand zur beheizten Nutzfläche. Er könnte von 3 565 920 Kilowattstunden pro Jahr auf 186 430 fallen. Der CO2-Ausstoß würde sich von momentan 898 180 Kilogramm pro Jahr auf 46 610 reduzieren, berechnet auf der Basis des bundesrepublikanischen Energiemix.

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