Lokales

Irdene Spätzlesschüsseln und scharfe Sensen

Altes Handwerk und Gastfreundschaft, Kittelschürzen und Kochlöffel, Holzspielzeug und Stützstrümpfe, Tradition und Gaumenfreuden all das findet sich auf dem Neidlinger Zwetschgenmarkt, den die Neidlinger Landfrauen seit 1972 immer am 21. September, dem Matthäi-Tag, veranstalten.

IRIS HÄFNER

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NEIDLINGEN "Halt Opa, mir brauchat a Geld." Der so angesprochene gehorcht mit Freuden und zückt am Süßwarenstand für die Zuckerle gerne den Geldbeutel. Eine richtige Drucketse gab es gestern nicht auf dem Neidlinger Zwetschgenmarkt, dafür zeitweise eine Regenschirm-Rallye zwischen den Marktständen und wenig Sitzplätze im Trockenen. Ein heftiger aber glücklicherweise nur kurzer Regenschauer, sorgte bei den Handwerkern für eine Pause und bei den Besuchern für einen kritischen Blick in den Himmel.

Blickfang für die Gäste waren vor allem die Handwerker. Schon von weitem war Hermann Hepperle zu hören. ""Hermann, zeig' dass Du au no dengla kasch." Dieser Aufforderung kam der Schmied gerne nach, sehr zur Freude derer, denen ihre Sense wieder runderneuert wurde und die dieser rhythmischen Arbeit zuschauten. Eine Maschine mit Seele ist man fast geneigt zu sagen, denn sie offenbart schwäbischen Tüftlergeist: Ein paar "Eisenteile" gekonnt zusammengefügt und schon hat man ein Gerät, das entweder "elektrisch" oder von Hand angetrieben werden kann und so gepaart mit Fingerspitzengefühl kraftsparend dutzende von Sensen noch nach Feierabend schärft. Der Vater von Hermann Hepperle hat diese Maschine noch vor dem Krieg eigenhändig konstruiert und sie versieht wie damals auch heute noch zuverlässig ihren Dienst.

Andere Fertigkeiten sind bei Tina Bosler gefragt, die heuer zum ersten Mal beim Neidlinger Zwetschgenmarkt dabei ist. Mit viel Fantasie und Liebe stellt die Neidlingerin Bilder, Taschen oder Puppen aus buntem Filz her, den sie selbst gewalkt hat. Passend für Neidlingen dominieren Motive mit Kirschen und Zwetschgen. Aber auch Äpfel oder Birnen zieren hübsch gestrickte Kinderjäckchen und zwei "Erdbeertaschen" ziehen unweigerlich die Blicke der Besucher auf sich.

Von Anfang an mit dabei ist dagegen Margrit Veigel. "Neidlingen muss sein", erzählt die gebürtige Oberlenningerin, die die Landesfachklassen für Keramik in Stuttgart-Feuerbach unterrichtet. Exklusiv für Neidlingen stellt sie ihre nach traditionellen Vorlagen an der Töpferscheibe gefertigten Waren her. "Den einen oder anderen Ferientag verbringe ich deswegen gerne an der Töpferscheibe", verrät die sympathische Handwerkerin und begrüßt freudig einen türkischen Kollegen, den sie auf dem Markt getroffen und auch schon in seiner Heimat besucht hat. "Ein traumhaftes Dorf, in dem noch mit traditionellen Techniken Keramik hergestellt wird", schwärmt Margrit Veigel. Sie hatte gestern mehrere positive Begegnungen. "Eine Oma hat ihrer kleinen Enkelin freudig erklärt: ,Endlich isch Zwetschgamarkt en Neidlinga. Mei Spätzlesschissel isch kaputt ond i brauch' nedich a Neia.' Meine Schüsseln sind tief gearbeitet und eignen sich dafür hervorragend", freut sich die Keramikerin über die Wertschätzung ihrer Arbeit.

Wie echte schwäbische Eierspätzle hergestellt werden, das demonstrierte Sabine Schönwald von den Landfrauen. "Dui ka's aber", sagte ein männlicher Marktbesucher voller Bewunderung. Mit flinken Händen bearbeitet, flutschte ein Spätzle ums andere ins sprudelnd kochende Salzwasser, später herausgefischt schmeckten "Spätzle ond Soß" nicht nur den kleinen Marktbesuchern. Es war ihre Idee, live Spätzle zu schaben. Die Mutter dreier Kinder wollte vor allem den jüngsten Besuchern zeigen, dass diese Mehlspeise nicht nur aus der Tüte kommt, sondern als wertvolles Lebensmittel selbst hergestellt werden kann. "Das mit der Hitze muss ich noch rausbekommen. Hier gibt es keinen Knopf zum Höherdrehen", erklärte Sabine Schönwald. Sie zeigte ihre Kunst an einem alten Küchenherd, der noch mit Holz befeuert werden muss. Alt-Schultes Ulrich Rieker hatte die Energieversorgung übernommen und musste immer wieder ein Scheit nachlegen, bis die große Schüssel Teig in die schmackhafte Speise verarbeitet war.

Direkt neben der fleißigen Köchin versah Hermann Kober seinen Dienst. Ein wunderschöner Bogenkorb entstand im Laufe des Morgens unter seinen Händen. Der Neidlinger hatte vor 55 Jahren dieses alte Handwerk bei seinem Nachbarn gelernt. Erst als er in Rente war konnte er sich dieser Arbeit wieder intensiver widmen. Das Rohmaterial, die Weidenstecken, zieht er sich selber auf einem Feld heran. "Die Einjährigen sind die besten", weiß er aus Erfahrung.

Zum ersten Mal präsentierte sich Bernd Hepperle auf dem Neidlinger Zwetschgenmarkt. An einer kleinen Fachwerkwand stellte er die verschiedenen Lehmbautechniken und ihre zig verschiedenen Gestaltungsmöglichkeiten vor. Zerhäckseltes Stroh mit angerührtem Lehm vermischt, eignet sich prima als Baumaterial, wie die vielen alten Häuser nicht nur Neidlingen beweisen. Ein Lehm-Edelputz sorgt in jeder Jahreszeit für ein gesundes und natürliches Wohnklima.

"Spätsommer Frühherbst Altweibersommer. Das ist eine ganz kurze Zeitspanne im Jahresablauf und die fünfte und schönste Jahreszeit fürmich", so Rosemarie Rieker, langjährige Vorsitzende des Landfrauenvereins Neidlingen und nun Ehrenvorsitzende in ihrer kurzen Ansprache. Die Landfrauen würden es verstehen, Tradition tatsächlich zu leben dies gut und gern in Harmonie mit dem Heute. "Das Verknüpfen von Tradition und Zeitgeist und der qualifizierte Blick der Landfrauen für authentische Werte gehören seit mehr als drei Jahrzehnten zu den Geheimnissen des Erfolgskonzepts Neidlinger Zwetschgenmarkt", ist Rosemarie Rieker überzeugt. Fotos: Jean-Luc Jacques