Lokales

"Jede Generation hat Chancen"

Im Haus der Geschichte Baden-Württemberg in Stuttgart lässt sich der deutsche Südwesten von 1790 bis heute anschaulich durchwandern. Dieses Ziel verfolgten dieser Tage interessierte Landfrauen und ein Landmann. Alle waren sich einig: Dies wurde zu einem eindrücklichen Erlebnis.

NEIDLINGEN Mit Kulturwissenschaftlerin Kerstin Hopfensitz, Stuttgart, folgten die Gäste vom Albrand, in Begleitung von der stellvertretenden Geschäftsführerin des Landesverbands, Dr. Beate Krieg, im Museumsneubau an der Stuttgarter Kulturmeile nahezu zwei Jahrhunderten der Landesgeschichte aus Frauenperspektive. Erfahrungen, Geschichte, Gedanken dokumentieren das Leben und die Vergangenheit mutiger Frauen und es gelang Hopfensitz trefflich, die Auseinandersetzung von Frauen mit ihrer einst natürlichen und gesellschaftlichen Umwelt offen zu legen. Diese intensive Begegnung mit selbstbewussten, klaren Porträts hat berührt und beim Rundgang wurde deren eigene Wertigkeit klar erkannt.

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Stärkende Themen fürs ehemalige Frau-Sein verknüpfen sich mit dem Heute und mit Sachkenntnis sowie sensiblem Gespür für Zusammenhänge. Mit viel Erfahrungswissen ließen sich die Gäste gerne die Sinne schärfen. Im sich anschließenden Gespräch unter dem Motto "Zeitzeugen im Haus der Geschichte" schilderte Annemarie Griesinger, erste Ministerin für Arbeit und Soziales in Baden-Württemberg von 1972 bis 1980, einfühlsam und in einem geradezu atemlosen Erzähltempo ihren familiären, beruflichen und politischen Lebensweg. Dieser 81-jährigen, lebenserfahrenen und charmanten Politikerin zuzuhören, war mehr als eine bemerkenswerte Begegnung. Noch heute ist sie in der Bevölkerung im ganzen Land durch ihre ansteckende Fröhlichkeit, ihren knitzen Humor, ihre Natürlichkeit und vor allem ihrer Bürgernähe beliebt und anerkannt.

Aus dem prägenden Elternhaus heraus im Kreis mit fünf Brüdern ergriff die junge Frau zunächst den Beruf einer Sozialarbeiterin. Dem folgte ein politischer Weg und 1964 wurde sie als Abgeordnete in den Bundestag gewählt. Zur Ministerin für Arbeit und Soziales in Baden-Württemberg avancierte sie 1972 bis 1980, um dann bis 1984 als Ministerin für Bundesangelegenheiten in Bonn tätig zu sein. Dem folgte ehrenamtliches Engagement in verschiedenen Institutionen. Alles Stationen eines intensiven und reichen Frauenlebens. Viel Persönliches an Begegnungen mit Menschen, mit Politikern, wurde in angenehmer Weise preisgegeben, heitere Anekdoten erzählt, aber auch Philosophisches klang an wie "Immer wieder einander Mut machen" oder, wie Johann Gottfried Herder sagte, "das Gespräch ist für uns Menschen so wichtig wie der Durchfluss des Wassers" oder "keine Angst vor der Zukunft haben, denn jede Generation hatte und hat ihre Chancen und Risiken".

Das "gerne komme ich zu Ihnen nach Neidlingen" nahmen die Landfrauen freudig an und überrascht hat die Tatsache, dass die Ministerin a. D. allzeit von Markgröningen, ihrem heimatlichen Wohnort, mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs war und ist, denn "dabei lerne ich so viele tapfere Menschen kennen".

rr