Lokales

Jeder Gott hat seinen Altar

Tamilische Hindus haben in Kirchheim auf dem Riethmüller-Areal einen Tempel eröffnet

In Kirchheim gibt es christliche Kirchen, eine Moschee und ein tibetisch-buddhistisches Zentrum. Seit Kurzem haben auch die Hindus einen Ort, an dem sie zu ihren Göttern beten können. Am Dienstagabend wurde der Tempel auf dem Gelände des Riethmüller-Areals im Beisein der Kirchheimer Oberbürgermeisterin offiziell eröffnet.

Antje Dörr

Kirchheim. Rot-weiße Streifen bedecken die kargen Betonwände des Tempels. An der Längsseite prangt das Bild eines Esslinger Malers, das an das Paradies erinnert: eine Lagune mitten im Dschungel, Pfauen, exotische Früchte. Auf dem Boden liegen bunte Bastteppiche, auf denen Frauen und Mädchen im Schneidersitz kauern. Sie tragen bunte Saris und singen leise. Die Pujaa, die Verehrung der Götter, kann beginnen.

Dass es nun mitten im christlichen Schwabenland einen hinduistischen Tempel gibt, ist den Tamilen aus Kirchheim und Umgebung zu verdanken. Fast alle sind vor dem Bürgerkrieg aus Sri Lanka nach Deutschland geflohen und hier heimisch geworden. Mitte vergangenen Jahres haben sich die tamilischen Hindus in dem Verein „Sri Kanaka Thurkai Amman Temple“ zusammengeschlossen, mit dem Ziel, einen Tempel zu bauen. Zunächst mussten sich die Gläubigen mit einem beengten Raum in der Paradiesstraße begnügen, bevor sie im März dieses Jahres ins Riethmüller-Areal umziehen konnten. Das wurde am Dienstagabend gemeinsam mit der Kirchheimer Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker, Sozialamtsleiter Roland Böhringer, Renate Hirsch, Willi Kamphausen und weiteren Mitgliedern des Integrationsausschusses gefeiert.

Der Oberkörper des tamilischen Priesters ist unbekleidet. Um die Hüften trägt er ein weißes und ein goldenes Tuch, Brust und Arme sind mit weißen Strichen bemalt. Reihum besucht er jeden der sechs Altäre und bringt den Göttern, die darin wohnen, Rosenblätter, Milch, Obst und andere Speisen dar. Dabei singt und betet er leise auf Sanskrit, der Sprache der klassischen indischen Kultur. Im Hinduismus ist jeder Tempel einem bestimmten Gott geweiht. In Kirchheim ist das Amman, die Frau Shivas, des wichtigsten Gottes im Hinduismus. Ihr gehört der Hauptschrein in der Mitte des Raums. Die anderen Götter sind Ganesha, der bekannte Gott mit dem Elefantenkopf, Murugu, der Sohn Shivas und Vairavar, der Beschützer Ammans. Die Zeremonie wird ausschließlich von Männern durchgeführt. Die Kinder und Frauen stehen in zwei Reihen und singen und beten zu allen Göttern.

Nach der Zeremonie wurden Deutsche und Tamilen mit einem Aschepunkt auf die Stirn gesegnet. Die Oberbürgermeisterin als Ehrengast erhielt zusätzlich ein rot-goldenes Tuch. „Es ist uns eine große Ehre, dass wir an ihrem Fest teilnehmen durften“, sagte Angelika Matt-Heidecker auch im Namen des Integrationsausschusses. „Ich bin dankbar, dass es eine solche Vielfalt in unserer Stadt gibt.“ Anschließend gedachten Gläubige und Gäste den Opfern des Bürgerkriegs in Sri Lanka, der vor einem Jahr zu Ende gegangen war. Allein in der letzten Kriegswoche sollen 40 000 tamilische Zivilisten getötet worden sein.

Der tamilische Verein ist stolz auf seinen Tempel. „Die Altäre haben tamilische Männer, die eigentlich gar keine Erfahrung darin haben, gebaut“, erzählt die 20-jährige Kirchheimerin Vethiga Srikanthan, die in Stuttgart Informatik studiert. Sie betont, dass der Tempel für alle Menschen offen ist, egal ob sie Hindus sind oder Christen. Allein die Schärfe des Essens, das nach der Pujaa gereicht wird, dürfte für so manchen deutschen Besucher am Einweihungstag etwas gewöhnungsbedürftig gewesen sein.

Pujaas finden immer dienstags um 19 Uhr und freitags um 19.30 Uhr statt.

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