Lokales

Jeder ist seines Glückes Schmied

Ein neues Schulfach an der Schöllkopf-Schule soll zu Teamfähigkeit und Berufsreife führen

„Ich und wir“ heißt ein neues Unterrichtsfach an der Jakob-Friedrich-Schöllkopf-Schule. Es geht darum, den Schülern Lebenskompetenz zu vermitteln. Sie sollen unter Anleitung ein positives Selbstbild entwickeln, ihre Stärken erkennen und ihre Teamfähigkeit verbessern. Letztlich tragen alle diese Ziel dazu bei, die Schüler auch kompetent für den Beruf zu machen.

Andreas Volz

Kirchheim. Die Schüler basteln mit munterer wechselseitiger Anteilnahme an einer Collage zum Thema „Das ist uns wichtig an der Schule“. Angesichts mancher Forderungen, die sie stellen, scheint der Konjunktiv angebrachter: „Das wäre uns wichtig.“ So sind fast alle Gruppen strikt gegen das Handyverbot an der Schule. Auch vom Rauchverbot halten sie nicht besonders viel. Und selbst zur Uhrzeit sind sie ausnahmslos derselben Meinung: Sie wollen morgens länger schlafen und nach Möglichkeit keinen Nachmittagsunterricht haben. Bei solchen Vorstellungen ist das pädagogische Ziel, die Schülerinnen und Schüler fit für den Beruf zu machen, natürlich noch weit entfernt.

Es gibt aber auch Ansätze, auf die sich leichter aufbauen lässt. Einer Gruppe ist es wichtig, dass man in der Klasse gut zusammenarbeitet – „auch wenn man mit dem einen oder anderen nicht richtig auskommt“. Eine andere Gruppe legt Wert darauf, „dass man sich nicht gegenseitig wegen Kleinigkeiten anstresst“. Schließlich bringe das Streiten eigentlich gar nichts. Anderen geht es darum, das Klassenzimmer aufzupeppen, damit sie sich dort wohler fühlen können. Im Team zu arbeiten, mehr über die anderen zu wissen – auch über deren Religion – und aus diesem Wissen heraus jeden zu akzeptieren, das sind weitere Idealvorstellungen.

Das alles führt zum Glück, wenn es denn richtig umgesetzt wird. Und das „Glück“ stand auch Pate für das neue Schulfach „Ich und wir“. Eine Heidelberger Schule hatte den Anfang gemacht und das Fach „Glück“ eingeführt. Das sorgte bundesweit für Aufsehen. Die Kirchheimer Jakob-Friedrich-Schöllkopf-Schule hat aber nicht nur darüber geredet, sondern gehandelt. Lehrer und Schulleitung wollten das Fach ebenfalls einführen, haben sich aber schnell vom „Glück“ verabschiedet. Zum einen haben die Verantwortlichen einen eigenen Lehrplan mit eigenen Schwerpunkten erarbeitet. Und zum anderen berichtet Schulleiterin Marianne Erd­rich-Sommer: „Das Wort ,Glück‘ weckt Erwartungen, die Unterricht so nie erfüllen kann. Es gibt keine Heilsbotschaft à la ,Glück ist erlernbar‘.“ Nicht zuletzt die Religions- und Ethiklehrer hätten gegen ein Schulfach „Glück“ ihr Veto eingelegt.

Gleichwohl ist Glück ein Thema im neuen Schulfach: „Die Schüler sollen lernen, dass sie die Verantwortung für sich selbst nicht einfach abschieben können. Sie müssen erkennen, dass sie ihres Glückes eigener Schmied sind“, sagt Elke Claß, eine der Lehrerinnen, die sich besonders für das Fach „Ich und wir“ engagieren. Zunächst einmal gehe es darum, das Selbstbewusstsein der Schüler zu stärken. Angeboten wird das neue Schulfach in der Berufsfachschule Wirtschaft sowie in der Berufsfachschule für Büro und Handel. Sylvia Weiß, die ebenfalls „Ich und wir“ unterrichtet, erzählt: „An der Schule ist normalerweise alles aufs Abi ausgerichtet. Die Abiturienten feiern ihren Abschluss auch riesengroß. Andere Schüler leisten aber auch etwas und sind uns wichtig.“

Ihre Kollegin Elke Claß ergänzt: „Unsere Schüler hier kommen von der Hauptschule. Die fühlen sich allein deshalb schon abgestempelt. Wir wollen aber erreichen, dass sie hinterher eine Lehrstelle kriegen.“ Deshalb gehe es darum, die eigenen Stärken herauszuarbeiten und Freude an der eigenen Leistung zu erleben. „In diesem Fach sagen wir zu niemandem: ,Das kannst du nicht!‘ Wir suchen nach anderen Aufgaben und sagen: ,Du kannst das!‘“ Das Fach sei deshalb auch frei von Noten. Allerdings müssen die Schüler eine Dokumentation erstellen, die dann im Fach Deutsch bewertet wird. Auch die Lehrer arbeiten übrigens im Team: „Ich und wir“ wird immer von zwei Lehrern betreut. Einer davon unterrichtet in der Klasse auch Deutsch – wegen der Dokumentation.

Zusätzlich sind externe Fachkräfte vorgesehen. Eine Einheit „autogenes Training“ haben die Klassen schon hinter sich. Angedacht sind auch Kletterkurse, Besuche in Fitness-Studios oder Tanzunterricht. Schließlich geht es auch darum, den Umgang mit dem eigenen Körper zu lernen. Alle diese „Extras“ kosten natürlich Geld, weshalb die Jakob-Friedrich-Schöllkopf-Schule für ihr neues Fach dringend auf Spenden und Zuschüsse angewiesen ist. Am Ende steht aber eine Vision, die Schulleiterin Erdrich-Sommer folgendermaßen formuliert: „Zum Schluss wollen wir ein Galadiner veranstalten – mit gemeinsamem Tanz. Schließlich sollen unsere Schüler auch gesellschaftliche Umgangsformen lernen.“

Das solche Aktivitäten zum Glück beitragen können, mag noch einleuchten. Auch für den späteren Erfolg im Leben kann es nicht schaden, über gute Manieren zu verfügen. Aber braucht es ein solches Fach wirklich, um Schüler auf den Beruf vorzubereiten? Solche Zweifel räumt Marianne Erdrich-Sommer mit einem einfachen Beispiel aus dem Weg: mit dem eingangs zitierten Rauchen, an dem für manche Schüler das ganze Glück zu hängen scheint. „Mir geht es nicht um Verbote, und es ist mir auch völlig egal, ob jemand raucht oder nicht“, meint die Schulleiterin. Trotzdem sagt sie ihren Schülerinnen immer wieder: „Wenn ihr später mal als Verkäuferin arbeiten wollt, dann dürft ihr nicht nach Rauch riechen. Das müsst ihr begreifen.“ Die Anforderungen der Arbeitswelt gingen eben weit ins Privatleben hinein. Und generell gebe es die Tendenz, „dass Raucher verpönt sind in der Gesellschaft, ob es mir gefällt oder nicht“.

Solche Argumente hält Marianne Erdrich-Sommer für geeigneter als die „moralische Keule“. Aber aus diesen praktischen Erwägungen heraus sei Rauchen an der Schule nicht gestattet. Und wenn die Schüler außerhalb des Schulgeländes rauchen? Auch da hat die Schulleiterin klare Ansichten: „Das Rauchen stört mich nicht. Aber sie müssen ihren Müll mitnehmen.“ Mag also das „Ich“ auf das Rauchen nicht verzichten, so sollte es doch wenigstens keine Kippen verstreuen – dem „Wir“ und dem allgemeinen Glück zuliebe.

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