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"Jeder muss für sich die Lösung finden"

Konflikte entstehen regelmäßig dort, wo Menschen aufeinandertreffen. Im Prinzip also nichts ungewöhnliches, erst recht nicht an Schulen. Manchmal drohen jedoch die Situationen zu eskalieren, dem kann man entgegenwirken: das Stichwort heißt Mediation.

IRIS HÄFNER

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LENNINGEN "Wenn man weiß, wie Konflikte bewältigt werden können, vertieft sich die menschliche Beziehung", ist die Erfahrung von Magdalena Polinska vom Kreisjugendring Esslingen. An der Friedrich-Schiller-Schule in Neuhausen auf den Fildern ist sie maßgeblich für die Trainingsinsel verantwortlich, die sich dieser Problematik angenommen hat. "Drei Regeln reichen aus: Jeder Schüler, jede Schülerin hat das Recht, ungestört zu lernen; jeder Lehrer, jede Lehrerin hat das Recht, ungestört zu unterrichten und zum dritten muss jeder die Rechte des andren respektieren", bringt die Sozialpädagogin die goldenen Regeln auf den Punkt. Auch das Ziel ist klar definiert: zum einen lernbereite Schüler zu schützen und ihnen entspannten und ungestörten Unterricht zu ermöglichen und zum andern, häufig störenden Schülern Hilfe anzubieten. "Dabei handelt es sich um dauerhafte Störungen, beispielsweise, wenn nach fünfmaliger Ermahnung der Schüler weiterhin dazwischenruft oder durch den Raum läuft", beschreibt Magdalena Polinska ihr Klientel.

Solche Schüler schickt der Lehrer dann in die Trainingsinsel. Die Jugendlichen müssen dort einige Fragen beantworten, die der Selbstreflexion dienen, beispielsweise, welches Verhalten dazu geführt hat, dass sie hierher geschickt wurden oder ob das Verhalten Folgen für andere hat. "Wie man gelernt hat, mit Konflikten umzugehen, so agiert man auch. Die einen kehren gerne alles unter den Teppich, um ja nicht anzuecken, die anderen werden aggressiv. Das alles hat sehr viel mit einem selbst zu tun: Sozialisation, Temperament, Erziehung", so Magdalena Polinska. Dazu komme, dass sich viele Lehrer mit den Konflikten der Schüler selbst belasten.

Die Sozialpädagogin arbeitet deshalb mit dem Lehrerkollegium zusammen, trotzdem ist die Trainingsinsel eigenständig. "Sie soll etwas mit Entspannung und positiver Erfahrung zu tun haben", erklärt Magdalena Polinska. Manche Kinder betreten weinend den Raum, andere sind so wütend, dass sie die Tür regelrecht zuknallen oder mit den Heften werfen. "Der Lehrer ist einfach nur blöd" diesen Satz hört sie oft. Für diese Aussage wird das Kind nicht gescholten, sondern es wird gemeinsam nach einer Lösung für das Problem gesucht, Gespräche trainiert.

"Wichtig ist vor allem eins: Konflikte nicht persönlich nehmen", nennt Magdalena Polinska als obersten Grundsatz. Dazu gehört, dass die Beteiligten befähigt werden, ihre eigenen Probleme zu analysieren. "Ich gebe die Lösung für Konflikte nicht vor, die muss jeder für sich selbst finden sie sind individuell", erklärt die Sozialpädagogin.

Der Kreisjugendring Esslingen und der Kreisseniorenrat Esslingen bieten nun einen Intensivkurs Mediation unter der Leitung von Magdalena Polinska an. Mitmachen kann jeder, egal ob Mutter oder Rentner. "Wer sich mit dem Gedanken trägt, in diesem Bereicht aktiv zu werden, sollte auf jeden Fall Kinder und Jugendliche mögen und auch Lehrern gegenüber nicht abgeneigt sein", so die Sozialpädagogin. Zudem sollte auch ein gewisses Interesse an Psychologie und Konfliktbewältigung vorhanden sein.

"In dem Kurs geht es darum, das Rüstzeug zu bekommen. In drei Tagen wird man kein Arzt, deshalb wird man danach auch kein Mediator sein Mediation ist ein Beruf. Der Wochenendkurs vermittelt Basis-Wissen", stellt sie klar. Die Kursteilnehmer werden von ihr betreut, es gibt eine Bücherliste, anhand derer sich der Einzelne weiterbilden kann. Zudem übt jeder so lange zu Hause, bis die Materie sitzt. "Wichtig ist vor allem, dass man keine Angst vor Konflikten hat", ist die Erfahrung der Sozialpädagogin. Nichtsdestotrotz ist ihrer Ansicht nach ein nicht zu unterschätzendes Potenzial vorhanden. "Mit dem Blick von außen sieht man vieles entspannter. Man redet einfach anders und ist ruhig, weil man nicht in der Mühle drin ist", zeigt sie die Vorteile auf, die "angelernte" Mediatoren oder Volonteers gegenüber den Lehrern haben. Die Arbeit beschränkt sich jedoch nicht allein auf die Insel, mehr oder weniger die gleiche Zeit verbringt man in ständigen Gesprächen, in denen zwischen Eltern, Schülern und Lehrern vermittelt wird.

Konflikte entstehen weniger beim Klassenlehrer, vielmehr bei den Fachlehrern. "Die haben einfach keine Zeit, eine Beziehung zu jedem Schüler aufzubauen", begründet Magdalena Polinska. Wenn diese fehle, könne der Lehrer zig Mal etwas erklären, es komme einfach nicht an. Die Trainingsinsel nimmt sich der Sicht des Kindes oder des Jugendlichen an. "Wir können aber auch nicht zaubern. Wenn wir mit der Kommunikation am Ende sind, wird eine Klassenkonferenz angesetzt", sagt die Sozialpädagogin. Fruchtet dies auch nicht, wird Kontakt mit anderen Jugendorganisationen aufgenommen.

Das Schulzentrum in Lenningen ist einer der drei Standorte im Kreis Esslingen, an denen nach den Sommerferien Mediation angeboten werden soll, Reichenbach und Wendlingen gehören ebenfalls dazu. "Lenningen hat sich eher aus Zufall ergeben, da wir dort auch offene Jugendarbeit anbieten", sagt Kurt Spätling, Geschäftsführer des Kreisjugendrings. Er würde sich deshalb freuen, wenn sich aus dem Lenninger Raum Menschen für den Mediations-Intensivkurs interessieren würden. Anmeldeschluss für das Wochenende in Obersteinbach vom 17. bis 19. Juni ist das kommenden Wochenende. "Sollte das zu kurzfristig sein, können wir auch eine Art Volkshochschulkurs anbieten", so Kurt Spätling.

Wer sich für das Projekt interessiert, kann sich beim Kreisjugendring, Telefon 0 70 24/46 60-18, näher erkundigen. Weitere Informationen gibt es auch im Internet unter www.kjr-esslingen.de.