Lokales

"Jeder Zehnte hat ein Handicap"

PETER DIETRICH

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ESSLINGEN "Beim Nachdenken wurde mir bewusst, wie stiefmütterlich unsere Gesellschaft mit Behinderten umgeht", schildert Spätling seine Beweggründe, die Nachfolge von Martina Müller anzutreten. Außerdem sehe er viele Anknüpfungspunkte zur Arbeit des Kreisjugendrings auch wenn das Thema "Behinderte" in dessen Einrichtungen bisher kaum beachtet worden sei. "Ich wünsche mir, dass es wieder mehr Zusammenarbeit gibt."

Dass beim neuen Oberesslinger Jugendhaus Nexus der behindertengerechte Aufzug hintenan gestellt werden soll, ist Spätling ziemlich sauer aufgestoßen. Der Fall sei für ihn eine "Nagelprobe" für die zukünftig nötigen Veränderungen auch in den Einrichtungen des KJR. Was sich sonst noch verändern sollte, dafür hat Spätling viele Beispiele. So prangert er die Gedankenlosigkeit an, mit der beim Esslinger Bürgerfest vor wenigen Tagen die Behindertenparkplätze mit Mülltüten zugehängt worden seien. Warum, fragt er weiter, gingen in Schweden oder Italien mehr als 80 Prozent der behinderten Kinder in eine Regelschule, bei uns jedoch nur zwölf Prozent? Wie viele Bürgermeister könnten in ihrer Bürgerfragestunde einen Menschen im Rollstuhl empfangen? Warum werde in Esslingen ein neues Technisches Rathaus ohne rollstuhlgerechte Toilette eingerichtet? "Das kann nicht sein", findet Spätling, "das muss nachgebessert werden." Es müsse "viel mehr skandalisiert werden", wenn es noch immer Geschäfte gebe, die sich nicht um einen Zugang für behinderte Menschen kümmern.

Rund 135 Mitgliedsfamilien gehören zum kreisweit aktiven Verein für Körperbehinderte Esslingen, der dieses Jahr sein 40-jähriges Bestehen feiert. In der Wohnstätte "Das Wohnhaus" im Scharnhauser Park wohnen 32 Erwachsene mit Körper- und Mehrfachbehinderungen, der Verein ist einer der Träger der Werkstätten Esslingen-Kirchheim gGmbH (W.E.K.). Die meisten Vereinsmitglieder sind persönlich Betroffene. Der Verein habe eine sehr erfolgreiche Arbeit geleistet, betont Spätling, der diesen öffnen und verjüngen möchte. Es gehe ihm aber nun nicht darum, "mit spektakulären Aktionen ein Strohfeuer abzufackeln".

Wie bei den W.E.K. ein Teil der Arbeitsplätze als ausgelagerte Abteilung zum Sportgerätehersteller Spieth verlegt wurden, hat Spätling sehr imponiert. So fühlten sich behinderte Menschen als vollwertiges Mitglied der Belegschaft. Motiviert wird Spätling durch den Blick in skandinavische Länder oder in die USA, die bei der Integration viel weiter fortgeschritten seien. Auch Italien sei teilweise weiter. In Deutschland lebten mehr als acht Millionen behinderte Menschen: "Jeder Zehnte hat ein Handicap."

Sie schätze vor allem die Solidarität im Verein, erzählte Vorstandsmitglied Ursula Hofmann bei einer Gesprächsrunde mit dem neuen Vorsitzenden. Außerhalb gebe es leider keine neutrale Beratungsstelle: Welches von 50 angebotenen Rollstuhlmodellen sei am besten geeignet? Im Verein werde solches Insiderwissen ausgetauscht. Neidisch verweist auch sie aufs Ausland, auf die einfachere Hilfsmittelversorgung in England, auf Tankstellen mit Klingeln und Supermärkte mit zehn Behindertenparkplätzen. In Deutschland hingegen sei es ein Kampf, genügend Krankengymnastik zu bekommen als Mutter mit belastetem Kreuz, die ihr immer schwereres Kind tragen müsse. Der Verein wolle ein "uns gibt es auch" rufen und Hemmschwellen abbauen: So lade er auf dem Postmichelfest ein, mit verbundenen Augen die Farben von Gummibärchen zu erschmecken oder mit Skihandschuhen ein Handy zu bedienen.