Lokales

Jesingerin spürt dem Speicher des Körpers nach

KIRCHHEIM Redewendungen wie "alles im Lot", "mit beiden Beinen auf dem Boden stehen" oder "ein aufrechter Mensch" nimmt die

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ANDREAS VOLZ

Jesingerin Antje Klingmann gerne wörtlich. Denn wer zur Spezies der sitzenden, bewegungsarmen Menschen westlich-zivilisatorischer Prägung gehört, dem geht zunehmend ein elementares Wesensmerkmal verloren, das den Menschen bereits im Stadium des homo erectus vom Tier unterschied: die aufrechte Haltung.

Ob aufrecht, senkrecht oder im Lot, bei vielen Mitmenschen trifft keine dieser Bezeichnungen mehr zu. Der Grund dafür seien Verspannungen und Verhärtungen im Bindegewebe, sagt Antje Klingmann, die sich dabei als "Certified Rolfer" auf die Erkenntnisse von Dr. Ida Rolf (1896 1979) beruft. Die US-amerikanische Biochemikerin und Physiologin hat vor über 50 Jahren ein Verfahren entwickelt, durch Berührung sowie sanften bis massiven Druck verhärtete Muskelfaszien zu lockern. Sie selbst nannte ihr Verfahren "strukturelle Integration", aber die einprägsameren Begriffe "Rolfing" und "Rolfer" leiten sich von ihrem Nachnamen ab.

In Boulder, Colorado, und in München hat Antje Klingmann in drei mehrwöchigen Blocks vor mehr als fünf Jahren ihre Ausbildung zur zertifizierten Rolferin absolviert. Über die Psychophysiologie war die 35-jährige Jesingerin erstmals auf Ida Rolfs Ansatz aufmerksam geworden. "Da ist alles logisch, und das war wichtig für meinen rationalen Verstand", stellt sie rückblickend fest, "allein mit Emotionen geht es nämlich nicht." Dennoch sei es wichtig, dass sich die Klienten auch emotional auf das Rolfing-Verfahren einlassen, um ihre Verspannungen lösen zu können und damit unter Umständen auch chronische Schmerzen loszuwerden.

Die Verspannungen seien auf einseitige Belastung physisch wie psychisch zurückzuführen und verstärken ihrerseits wieder falsche Körperhaltungen. Antje Klingmann: "Alles, was wir je in unserem Leben erfahren haben, bleibt im Körper gespeichert." Schon kleine Wehwehchen könnten dafür sorgen, dass die schmerzende Stelle weniger belastet wird und dann beispielsweise das linke Bein unbewusst, aber dauerhaft die geringere Belastbarkeit des rechten Beins kompensiert, auch wenn die Verletzung schon längst wieder verheilt ist. Auf diese Weise verschieben sich die Symmetrien des Körpers. Außer der Senkrechten soll Rolfing auch diese Symmetrien wieder herstellen, sodass die Menschen nach Abschluss der Behandlung wieder gleichmäßig mit beiden Beinen auf dem Boden stehen können.

Das Alter der Klienten, die Antje Klingmann bereits betreut hat, liegt zwischen fünf Monaten und über 80 Jahren. Bei ihrer jüngsten "Kundin" hatte ein Geburtstrauma dafür gesorgt, dass das Gewebe zu sehr angespannt war. "Das ist dann kristallisiert, wie eingefroren", sucht die Rolferin aus Jesingen nach einem passenden Vergleich. Die notwendige Entspannung zu erreichen, kann mitunter einen schmerzhaften Prozess bedeuten. Antje Klingmann spricht aber von einem "guten Schmerz, wenn sich etwas auflöst".

Einen ganz anderen, ungewohnten Schmerz hat sich eine ihrer Klientinnen im Verlauf der zehn üblichen Sitzungen zugezogen: "An den Füßen hatte ich plötzlich Blasen an Stellen, wo ich mein ganzes Leben lang noch nie welche hatte." So beschreibt die Klientin nachträglich den spürbaren Effekt des veränderten Auftretens. Insgesamt habe es ein Jahr lang gedauert, bis ihr Körper alles verschafft hatte. Aber es habe sich gelohnt, nicht nur der Schmerzen wegen, die jetzt verschwunden sind. "Früher bin ich wie ein Fragezeichen dahergekommen", erinnert sie sich an die Zeit vor Behandlungsbeginn. Als "neuer homo erectus" setzt sie stattdessen nun ein Ausrufezeichen.