Lokales

Jesingern ist Ortsumfahrung wichtiger als neue Ortsmitte

Leerstehende Gebäude, Entvölkerung, leidender Einzelhandel und eine enorme Verkehrsbelastung so stellt sich die Situation in Jesingen dar. Zur Diskussion über Entwicklungsmöglichkeiten fanden sich zahlreiche Bürger ein.

ANGELA WANKMÜLLER

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KIRCHHEIM "Die Entwicklung in Jesingen ist uns nicht egal", bekräftigte Kirchheims Bürgermeister Günter Riemer das Bestreben, die Ortsmitte Jesingens in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren attraktiver zu machen und den gesamten Ortsteil verkehrstechnisch zu entlasten. Zur Informationsveranstaltung für alle interessierten Bürger begrüßte Jesingens Ortsvorsteher Harald Eiberger die "geballte planerische Kompetenz" sowohl der Stadt Kirchheim, als auch externer Planungsbüros.

Am Anfang stand die Präsentation einer Untersuchung des Büros für Verkehrsplanung Kölz aus Stuttgart, die ermittelt hatte, dass es sich bei 80 Prozent der 14 000 bis 25 000 Autos, die täglich den Ortsteil Jesingen passieren, um Durchgangsverkehr handelt. Außerdem prognostiziert die Untersuchung bis 2015/20 eine Verkehrszunahme von 20 bis 30 Prozent. Um dieses Problem zu lösen, hat das Büro verschiedene Möglichkeiten erarbeitet: Da wäre die Umfahrung des Ortsteils auf der Nordseite, die jedoch einen nicht zu kompensierenden Eingriff in das sensible ökologische System des "Kirchheimer Beckens" darstelle. Die zweite Möglichkeit bestünde in der Umfahrung des Ortsteils auf seiner Südseite. Variante drei, eine Untertunnelung der Ortsmitte, dürfte an den hohen Kosten von 76 Millionen Euro scheitern. Die vierte Möglichkeit wäre ein zusätzlicher Autobahnanschluss zwischen Holzmaden und Jesingen.

Die fünfte Variante, eine Durchleitung des Verkehrs durch die Brunnenstraße mit einer Tunnelverbindung zur Einsteinstraße, wäre ebenfalls mit nur geringen Eingriffen und Kosten von etwa 19 Millionen Euro verbunden, würde Jesingen verkehrstechnisch enorm entlasten und zudem auch noch dem Erschließungsverkehr zum Gewerbegebiet Bohnau dienen. Dies wäre also aus Sicht des Planungsbüros die optimale Lösung. Nicht jedoch in den Augen einiger Jesinger. So äußerte eine Bürgerin den Einwand, dass die Bewohner im südlichen Teil Jesingens, die ohnehin schon durch die Autobahn belastet seien, mit der "Variante Brunnenstraße" eine zusätzliche Lärmquelle in Kauf nehmen müssten. Ein anderer gab zu bedenken, dass die Gewerbetreibenden in der Brunnenstraße die Fahrbahn zum Be- und Entladen benötigten. Außerdem wurde die Vermutung geäußert, die Brunnenstraße sei ohne größere Umbaumaßnahmen überhaupt nicht "durchfahrungsfähig".

Viele Jesinger sehen die Ursache des Problems in Kirchheim. So kam zur Sprache, der Verkehr staue sich bis nach Jesingen. Von mehreren Seiten wurde auch der Wunsch nach einer Verbesserung der Kreuzungssituation im Bereich zwischen Schlossgymnasium und den Auffahrten zur Umgehungsstraße laut.

Unter stürmischem Applaus brachte eine Bürgerin auf den Punkt, was offensichtlich die meisten Jesinger dachten: "Haben wir Aussicht auf einen Tunnel? Das wäre die beste Lösung. Wenn Sie uns da Hoffnung machen könnten, das wäre die Krönung des heutigen Abends!" Diese Hoffnung wurde ihr jedoch vom Leiter des Planungsamtes der Stadt Kirchheim, Dr. Hermann-Lambert Oediger, weitgehend genommen, indem er darauf hinwies, dass ein Tunnel ausgesprochen teuer sei. Deutlicher drückte sich Bürgermeister Riemer aus: "Der Tunnel ist Utopie!"

Oediger schlug den Jesingern stattdessen vor, mit der Verkehrsader zu leben, ja sie sogar zu nutzen. Dieser Vorschlag wurde auch vom Architekturbüro Pfeiffer aus Notzingen gemacht. Am Beispiel der Stadt Wernau wurde den Jesingern der Vorschlag unterbreitet, durch die Einrichtung eines so genannten "One-Stop-Marktes" an der Vorderen Straße, die bisherigen "Durchfahrer" zum Anhalten und Einkaufen zu animieren. Dieser Markt, der verschiedene Geschäfte sowie Post- und Bankfilialen unter einem Dach vereinen solle, könne zugleich die Versorgung der Jesinger Einwohner selbst verbessern.

Hauptziel der vom Architekturbüro Pfeiffer vorgestellten "Vision 2015" ist die Aufwertung und Belebung der Ortsmitte. Hierfür wurden verschiedene Vorschläge gemacht. Die meisten wurden von den Jesinger Einwohnern äußerst kritisch betrachtet. Ein Bürger war der Meinung, die Stadt solle ihr Geld nicht in utopische Planungen, sondern in Unterhalt und Sanierung der baufälligen Gebäude investieren. Ein anderer gab zu bedenken, dass das Geld für die Gestaltung der Ortsmitte nicht für den Bau einer Ortsumfahrung verloren gehen dürfe.

Breite Zustimmung fand der Vorschlag, an Stelle eines Neubaus des Rathauses die Kelter für die Ortschaftsverwaltung auszubauen. Insgesamt schienen sich alle Jesinger einig zu sein, die Ortsumfahrung müsse Vorrang vor der Neugestaltung der Ortsmitte haben. Ohne die vehement eingeforderte Reduzierung der Verkehrsbelastung bringe auch die schönste Ortsmitte keine nennenswerte Verbesserung ihrer Lebensqualität. "Der Verkehr muss aus Jesingen raus, und zwar so, dass Verkehr und Bürger was davon haben!"

Mit viel Applaus bedacht wurde der Einwand, "Stadtplanung sollte für die Menschen gemacht werden. Sie wurden im Vorfeld aber nicht gefragt, was ihnen wichtig ist." Bürgermeister Riemer antwortete, dazu seien sie heute zusammengekommen. Er dankte für die "sehr angenehme und kreative Diskussion". Die Entscheidung über die nächsten Schritte liege nun beim Ortschaftsrat.