Lokales

Jetzt bestimmen die Narren

Mit dem schon traditionellen Rathaussturm der Narrenzunft "Klosterdeifel" in Kirchheim und der erfolgreichen Premiere des sich erstmals durch Lenningen schlängelnden "Gaudiwurms" begann am gestrigen "Schmutzigen Donnerstag" endgültig die heiße Phase der fünften Jahreszeit.

I. HÄFNER / W.-D. TRUPPAT

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KIRCHHEIM / LENNINGEN Aus-nahmezustand in Oberlenningen: Mancher Alteingesessene traute seinen Augen und Ohren nicht, was in seinem Flecken vor sich ging. Wildes Hexengeschrei erschallte in den Straßen und selbst das Rathaus wurde gestürmt. Über zehn Gruppen beteilgten sich am ersten Lenninger Gaudi-Wurm. Zuerst verschaffte ein Schutzmann auf dem Mokik den Narren Platz, ehe die Lenninger Hexen die Zuschauer mit Süßigkeiten erfreuten. Mit dabei waren unter anderem auch die Albrandzombis, die Weilermer Schneibesa und die Goißwoidhexa aus Sirnau. Den krönenden Abschluss bildeten die Lenningo-Gugga in ihren bunten Kostümen mit heißen und vor allem lauten Rhythmen.

Die Sirnauer Hexen trieben den einen oder anderen Schabernack: Schneebälle erschreckten die nichtsahnenden Zusschauer und mit den langen Reisigbesen ließ sich trefflich Schnee auf die Häupter niederrieseln. Nicht nur die Teilnehmer des Gaudi-Wurms hatten sich in Schale geworfen, auch mancher Lenninger ließ sich vom Fasnetsfieber anstecken und so säumten Scheiche, Mönche, Clowns und jede Menge kleiner Kätzchen die Straßen und später auch den Marktplatz.

Bestens für den Rathaussturm präpariert war Bürgermeister Michael Schlecht. Ihm nutzte jedoch die Verbarrikatierung des Eingangs mit Absperrbalken und -bändern, Verbotsschildern und Glatteiswarnung nichts, die Lenninger Hexen stürmten das Rathaus und schleppten den Schultes unter den Anfeuerungsrufen der Zuschauer auf den Marktplatz, wo er das Narrengericht über sich ergehen lassen musste, bei dem ihm seine Verfehlungen des vergangenen Jahres vorgeworfen wurden. Michael Schlecht schien mit allem gerechnet zu haben er hatte sich mit Bauhelm und Schutzanzug präpariert. Die Hexen hatten kein Erbarmen, der Schultes musste den Rathausschlüssel herausrücken und das Regiment bis Aschermittwoch abgeben. "Jetzt haben die Hexen das Sagen", so der Triumphschrei. Zur Krönung wurde Michael Schlecht gar die Narrenkappe aufgesetzt. Damit war am Fuße der Alb der Auftakt zur fünften Jahreszeit gemacht und der Spaß ging dann im Partyzelt direkt hinter dem Rathaus weiter.

In Kirchheim war zwar kein Umzug, aber doch alles auf den Beinen, um den Sturm auf das erstmals von Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker verteidigte Rathaus zu erleben. Mit Mundschutz und Arztkittel stand sie bereit und verteidigte ihren Schlüssel bis zuletzt. Zum Dank dafür, dass sie auf den seit Tagen angekündigten und dann "völlig überraschend" losbrechenden Sturm der Narren auf das Rathaus praktisch mit sofortiger Kapitulation reagierte, gab es von den die Kloster-Deifel musikalisch unterstützenden "Gassarasslern" aus Ostfildern kräftig was auf die Ohren.

Nach der fast friedlich verlaufenen "Hausbesetzung" war an Arbeit nicht mehr zu denken. Während die übermütigen "Kloster-Deiffel" Schnürsenkel raubten und Akten aus dem Fenster warfen, kannten die Guggenmusiker keine Gnade und deckten alles mit ihrem "Klangteppich" zu . . .

Wie viel sich die "liebe Angelika" in ihrer Amtszeit schon hat zu Schulden kommen lassen, machte das Narrengericht unbarmherzig deutlich, das ihr vor allem immer wieder das fehlende Geld für eine passende Halle für die Kloster-Deifel zum Vorwurf machte.

Währen die Kloster-Deifel immer nur einmal im Jahr und dann auch nur für kurze Zeit regieren, sind sie der Verwaltung der finanziell arg angeschlagenen Stadt Kirchheim in einem Punkt aber weit voraus. Auf ihren Handzetteln, auf denen sie jedes Jahr zum Sturm auf das Rathaus laden, schreiben sie mit steter Regelmäßigkeit "Eintritt frei". Auf die Idee, für den Gang zum Rathaus einen entsprechenden Obolus zu verlangen, ist außerhalb närrischer Zeiten offensicht bislang noch niemand sonst gekommen . . . Fotos: Jean-Luc Jacques