Lokales

Jugend soll weiter Vorrang haben

Kirchheimer Gemeinderat diskutiert über das Konzept des Mehrgenerationenhauses

Die Kirchheimer Linde ist im Wandel begriffen: Vom „reinen“ Jugendhaus hat sie sich zum „Mehrgenerationenhaus“ entwickelt. Das Konzept ist schon drei Jahre alt. Jetzt gibt es Fördergelder vom Bund. Trotzdem ist der aktuelle Weg des einstigen Jugendhauses im Gemeinderat nicht unumstritten.

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Andreas Volz

Kirchheim. Matthias Altwasser, der Hausleiter der Linde, sprach im Gemeinderat von einem Dilemma der Jugendarbeit. Der gesetzliche Auftrag bestehe darin, die Integration der Jugendlichen in die Gesellschaft zu gewährleisten. In der Realität werde das aber zunehmend schwieriger. Die Jugendlichen sähen sich zum einen mit dem demografischen Wandel konfrontiert, also mit der vielzitierten „Überalterung“ der Gesellschaft. Andererseits lösten sich die traditionellen Familienstrukturen immer mehr auf, und schließlich würden die Lebensläufe generell unsicherer. Vorgezeichnete, verlässliche Wege für die Zukunft der Jugendlichen gebe es kaum mehr.

Für die Jugendarbeit folgert Matthias Altwasser daraus, dass man die Jugendlichen nicht mehr von der übrigen Gesellschaft separieren dürfe: „Ich sehe die Linde als Marktplatz.“ Jeder könne sich dort weiterhin mit seiner eigenen Gruppe treffen, die sich über das gleiche Alter und die gleichen Interessen definiert. Aber auf dem Weg dorthin sei der Marktplatz zu überqueren, und jeder Einzelne könne dabei auch die anderen Angebote wahrnehmen.

Als Beispiel für gemeinsame Angebote nannte Matthias Altwasser das Klassikfrühstück für Jung und Alt, eine Kooperation zwischen Jugendhaus und Bürgerbüro, oder auch das Projekt „Lebenslinien“, bei dem ein generationenübergreifender Film über die jeweiligen Lebenswelten entsteht. „Das Mehrgenerationenhaus ist für mich ein Überbegriff für viele Häuser“, meinte der Hausleiter und nannte eine ganze Reihe solcher Häusernamen: Jugendhaus, Kinderhaus, Bürgerhaus, Gemeinschaftshaus, Stadtteilhaus, Kulturhaus und Bildungshaus. Letzteres stellte Matthias Altwasser besonders he­raus, indem er betonte: „Jugendarbeit ist Bildungsarbeit.“

Die Linde bietet Altwasser zufolge „eine soziale Dienstleistungsplattform“, die die gesamte Kommune im Kleinen abbilde und deren Nutzer die verschiedensten gesellschaftlichen Gruppen und Organisationen sind. Vor allem wolle das Mehrgenerationenhaus nicht in Konkurrenz zu anderen Einrichtungen treten. Und trotz aller Veränderungen gelte nach wie vor, was in der neuen Konzeption bereits im Januar 2005 festgehalten worden sei: „Die Linde ist und bleibt Anwalt für Kinder und Jugendliche in Kirchheim.“

Speziell dieser Punkt sorgte für rege Diskussionen im Ratsrund. Dr. Silvia Oberhauser sprach die Kritik für die Frauenliste am deutlichsten aus: „Wir haben prinzipiell kein Problem mit dem Mehrgenerationenhaus, aber ich bedaure es, dass Kirchheim kein Jugendhaus mehr hat.“ Es gebe 41 geförderte Mehrgenerationenhäuser in Baden-Württemberg, aber keine andere Kommune außer Kirchheim habe dafür ein Jugendhaus „geopfert“.

Michael Holz (Grüne Alternative) lobte zunächst die Hausleitung für ihre Bemühungen, „aktuell bleiben zu wollen“. Aber die Jugend müsse in der Linde die Nummer Eins bleiben und dürfe auf keinen Fall vergessen werden. In einer Broschüre der Bundesregierung zum Konzept der Mehrgenerationenhäuser sei beispielsweise „kein einziges Foto von einem Jugendlichen zu sehen“. Das könne so nicht sein.

Ralf Gerber (Freie Wähler) sah die Gefahr von Doppelstrukturen, wenn sowohl die Linde als auch die Familien-Bildungsstätte beispielsweise Krabbelgruppen anböten. Ansonsten aber sprach er der Hausleitung ein Kompliment dafür aus, dass sie es geschafft habe, vom Bund fünf Jahre lang mit 40 000 Euro jährlich unterstützt zu werden, und fügte hinzu: „Ich hoffe nicht, dass wir die Zuschüsse aufstocken müssen, sobald die Projektgelder ausgelaufen sind.“

Eva Baudouin (CDU) fand das Konzept eines Mehrgenerationenhauses gut, mahnte aber ebenfalls: „Nichts wäre schlimmer, als wenn die Linde ihre eigentliche Struktur als Jugendhaus verliert.“ Für Albert Kahle (FDP/KiBü) dagegen war es „nicht nachvollziehbar, dass es in Kirchheim kein Jugendhaus mehr geben soll“. Er fand die Arbeit der Linde ebenso hervorragend wie das Konzept, Jugend und Alter im Mehrgenerationenhaus zusammenzubringen.

Tonja Brinks von der SPD-Fraktion stimmte in diesem Punkt mit Albert Kahle überein. Das Prinzip des Mehrgenerationenhauses gelte in der Linde schon seit drei Jahren, „und es hat keinen Aufschrei gegeben“. Auch Doppelstrukturen kann Tonja Brinks nicht erkennen, weil es jeweils unterschiedliche Nutzer gebe, selbst bei Krabbelgruppen. Der Kritik, dem Mehrgenerationenhaus sei ein Jugendhaus geopfert worden, begegnete sie mit einer konkreten Empfehlung: „Gehen Sie einfach mal rein und fragen Sie die Jugendlichen, ob sie das auch so sehen.“ – Gelegenheit dazu gibt es spätestens am Samstag, 21. Juni, wenn alle Organisationen unter dem Dach der Linde zu einem Tag der offenen Tür einladen.