Lokales

Jugendlicher Elan und eindrucksvolle konzertante Reife

Das Trio „Vox Cellestis“ überzeugte auf Einladung des Kirchheimer Kulturrings mit Liedern und Kammermusik in der Stadthalle

Kirchheim. Mit „Vox Cellestis“ – dem Bariton Georg Gädker, dem Cellisten Peter-Philipp Staemmler und dem Pianisten Hansjacob Staemmler – stellte sich in Kirchheim ein Ensemble vor, das bereits zahlreiche Meriten aufweisen kann und unter anderem im Rahmen der Bundesauswahl

Anzeige

Ernst Kemmner

Junger Künstler konzertiert. So war das Kirchheimer Konzert das letzte in einer monatelangen Tournee auf deutschen Konzertpodien mit wechselnden Programmen aus Liedern und Kammermusik.

Nach Georg Gädkers erhellenden Worten war das Konzept des Abends, quasi dessen roter Faden, „das Volkslied in seinem Einfluss auf Kunstlied und Kammermusik“. Der schottische Musikfreund und Liedsammler George Thomson gab Beethoven 1809 den Auftrag, einfachen Volksweisen aus Schottland, Irland und Wales unter Hinzunahme eines Klaviertrios einen harmonischen Unterbau zu geben und sie durch Vor- und Nachspiele zu ergänzen. Bis 1823 kamen auf diese Weise 126 Stücke unter dem Sammelbegriff „Schottische Lieder“ zusammen, die später in verschiedenen Ausgaben als schottische (41), irische (59) und walisische (26) veröffentlicht wurden. Als Textvorlagen dienten Gedichte teils namhafter schottischer Poeten wie Walter Scott und Robert Burns. Die Lieder erfreuten sich auch im deutschsprachigen Raum zur Zeit ihrer Entstehung großer Beliebtheit und Beethoven sagte Thomson gegenüber, er habe sie durchweg „con amore“ komponiert.

In der Darbietung von „Vox Cellestis“ vermisste man an diesem Abend die in der Originalbesetzung zusätzlich vorgesehene Violine keineswegs. Die Begleitung Georg Gädkers durch die Gebrüder Staemmler wurde stets dezent zurückgenommen, wenn der Gesangssolist im Tonsatz hervortreten sollte und blühte bei Introduktionen, Überleitungen und Nachspielen gleichsam auf.

Georg Gädkers ausdrucksstarker Vortrag gefiel durch ausgeprägte stimmliche Möglichkeiten und durch beachtliches mimisch-gestisches Talent. Im Lied „The lovely lass of Inverness“ nach einem Text von Robert Burns ließ Gädkers emotional gefärbte, suggestive Darbietung die Totenklage des schottischen Mädchens, die den Vater und drei Brüder durch meuchelnde Engländer verlor, plastisch werden. Im walzerselig beschwingten „O, thou art the lad of my heart“ (William Smyth) glänzte der Bariton mit der affektbetont und in zartem Schmelz gehauchten Liebeserklärung („Ah! vows so soft thy vows, Willy! Who would not, like me, be proud!“).

Der Gefühlsüberschwang des Mädchens wurde dabei durch geradezu jubelnden Celloklang weiter betont. Im Gegensatz zu diesem gefühligen Lied erklang das galant distanzierte, nicht ganz ernst gemeinte, in Glädkers Vortrag launig augenzwinkernde „Could this ill world have been contriv’d“ (James Hogg). Wäre die Welt ohne die Unruhe stiftende Frau geschaffen worden, wie friedlich hätte der Rest dann leben können („how peaceful bodies wou’d have liv’d“)!

Mit Robert Schumanns „Fünf Stücken im Volkston“ für Cello (ad libitum Violine) und Klavier, Opus 108, fand das Konzert seine Fortsetzung. Im Konzertsaal eher selten zu hörende, in rhythmischer, harmonischer und melodischer Hinsicht erstaunlich abwechslungsreiche Miniaturen, entzückten diese Stücke schon Clara Schumann durch ihre „Frische und Originalität“. Unter den Händen der Gebrüder Staemmler gerieten sie an diesem Abend gar zu wahrhaften Kleinodien.

Besonders gefiel das scherzohafte, neckisch verspielte, rhythmisch überaus variable erste Stück. Doch auch das zweite in Klangschönheit erstrahlende Stück und das dritte in sehr hoher Cellolage und heiklen, aber durchweg tonsicher intonierten Doppelgriffen ragten heraus. Mit dem fünften und abschließenden Stück mit scheinbar voneinander abgelösten, sich aber gleichwohl perfekt ergänzenden Stimmen ergab sich eine weitere dramatische Steigerung. Diese wurde durch einen imposanten, fast effekthascherischen Schluss mit eigentümlich nachschlagendem Klavierakkord aufgelöst.

Nach der Pause standen die „Acht Lieder und Romanzen“ für Singstimme und Klavierbegleitung, Opus 14, von Johannes Brahms auf dem Programm. Dieser Liedzyklus bot Georg Gädker erneut Gelegenheit, seine bereits erstaunliche Reife zu beweisen und sein stimmlich gestalterisches Potenzial auszuschöpfen. Hansjacob Staemmler begleitete ihn dabei hochsensibel, unaufdringlich und mit filigraner Transparenz.

Mit kultivierter gesanglicher Diktion und überaus deutlicher Artikulation, dezentem Pathos und warmem, wohlklingendem Mezzopiano bestach Georg Gädkers Darbietung im eröffnenden Volkslied „Vor dem Fenster“ oder im melancholisch angehauchten Trauerlied „Vom verwundeten Knaben“. Mit drängender, zur Eile mahnender Eindringlichkeit, betont durch hurtiges Klavierlaufwerk, wurde das westfälische Volkslied „Trennung“ gesungen.

Im Lied „Gang zur Liebsten“ schmachtete Georg Gädker mit ausdrucksvoll geöffneten Augen wie Romeo. Doch in „Murrays Ermordung“ nach einem balladenartigen Gedicht von Johann Gottfried Herder, in dem es um den Meuchelmord an einem Ritter durch den infamen Schurken Huntley geht, zeigte der Bariton, dass er neben zartestem Schmelz auch das stählern voluminöse, Dramatik und Emotion beschwörende Register beherrscht.

Mit der bereits Brahms’ Spätwerk zuzuordnenden, höchst anspruchsvollen Sonate F-Dur, Opus 99 beschlossen die Gebrüder Staemmler das Konzert, wobei der diffizile Cellopart auswendig bestritten wurde. Der sperrig spröde Kopfsatz, der mit Höchstschwierigkeiten für beide Instrumente gespickt ist, wurde in beherztem, souveränem Vortrag dargeboten.

Das Adagio in dreiteiliger Liedform gilt in seiner melodischen und harmonischen Intensität gemeinhin als emotionaler Höhepunkt des Werks. Den beiden Protagonisten gelang hierbei ein unbeschreiblich schöner, von sehnsuchtsvoller Inbrunst und prächtiger Tonentfaltung geprägter Vortrag. Dieser wurde im Mittelteil durch wirkungsvoll gesetzte, gewollt ruppige bis hauchzarte Pizzicati im Cello und einen hochsensibel musizierten Satzschluss zusätzlich betont.

In der den Hörer aufwühlenden Darbietung des Scherzos lag die Betonung auf den satzimmanenten Kontrasten zwischen dem forschen ersten Teil und dem lieblichen Trio mit weit gefächerter, sonor ausschwingender Cellokantilene. Mitreißend war insbesondere das pulsierende, mit Synkopen durchsetzte Perpetuum mobile am Satzschluss.

Das locker gefügte, auf dem Volkslied „Ich hab mich ergeben mit Herz und mit Hand“ basierende Rondo des Finales, in dem beharrlich abwechselnd in Klavier und Cello immer wieder das einprägsame erste Thema aufscheint, beendete einen begeisternden Konzertabend, der mit lang anhaltendem Beifall für alle drei Akteure bedacht wurde. Als Zugabe erklang ein weiteres Lied von Brahms „Komm bald“ (Klaus Roth) und das höchst eindringlich präsentierte „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ von Gustav Mahler nach einem Gedicht von Friedrich Rückert.