Lokales

„JuLe“ soll jungen Eltern als Plattform dienen

Die Lebenshilfe will auch als ein Ort der Kommunikation wieder wahrgenommen werden

Ist es die familiäre Atmosphäre, die Aufgeschlossenheit anderen gegenüber? Auf jeden Fall hat es immer einen positiven Nachhall, bei der Lebenshilfe Kirchheim gewesen zu sein. Nicht einmal eine Mitgliederversammlung wird „normal“ abgehalten, sondern mit Besonderem versehen. Diesmal war „JuLe“ mit von der Partie, ein Projekt für junge Eltern von Kindern mit Behinderung. Regularien wurden natürlich auch abgewickelt.

BARBARA IBSCH

Kirchheim. „JuLe“ steht für Junge Lebenshilfe, ist ein „Kind“ des Landesverbands Baden-Württemberg der Lebenshilfe für Menschen mit Behinderung und möchte „die Lücke zwischen den offenen Bedürfnissen junger Eltern und der Lebenshilfe schließen“. Dass dies notwendig ist, machte Catriona Fekete-Nester deutlich, Mutter eines sechsjährigen Sohnes mit Downsyndrom und zweier nicht behinderter Kinder. Als sie und ihr Mann in der Schwangerschaft mit der Diagnose konfrontiert wurden, suchten sie verzweifelt nach Informationen, hatten bis dahin von der Lebenshilfe nichts gewusst. Auf sie sind sie im Internet gestoßen und für sich selbst haben sie die Lebenshilfe eigentlich nur als Informationsquelle gesehen, als eine Organisation, die vielleicht dann hilfreich sein könnte, wenn der Sohn älter geworden ist.

In einer der Mitgliederversammlung der Kirchheimer Lebenshilfe vorgeschalteten Informationsrunde hatten Vorsitzende Bärbel Kehl-Maurer und Catriona Fekete-Nester die Gesprächsform gewählt, „JuLe“ vorzustellen. Dabei wurde deutlich, dass die Lebenshilfe 1958 zwar als eine Selbsthilfeorganisation für Eltern von behinderten Kindern gegründet wurde, dass sie aber fünfzig Jahre später von jungen Eltern nicht mehr als „ihr“ Verein gesehen wird. Die Lebenshilfe wird wahrgenommen als Trägerin von Werkstätten und Wohnheimen, als ein Verein von Eltern und auch als staatliche Wohltätigkeitsorganisation, nicht aber als Ort der Begegnung für Eltern von jungen Kindern mit Behinderung.

Die Lebenshilfe wäre nicht sie selbst, wenn sie das nicht ändern wollte. Also hat der Landesverband das Projekt „JuLe“ gestartet, um jungen Eltern eine Plattform zu bieten, ihre Bedürfnisse zu äußern, um das Profil der Lebenshilfe für junge Familien zu schärfen, aber auch um junge Eltern für die Lebenshilfe zu gewinnen. Regionale Seminartage haben bereits stattgefunden, eine Elternbefragung wurde in diesem Sommer durchgeführt und für Anfang nächsten Jahres ist eine Zukunftswerkstatt geplant. Auf lokaler Ebene besteht eine Kooperation zwischen den Lebenshilfen Esslingen und Kirchheim mit dem Ziel gemeinsamer Aktionen und es gibt auch bereits eine Projektgruppe, an der sich fünf junge Eltern aus Kirchheim beteiligen.

Zu den Aufgaben von „JuLe“ zählt, die Lebenshilfe für die Bedürfnisse junger Eltern so zu öffnen, dass diese das Angebot aktiv mitgestalten. Gleichzeitig soll aber auch der Bekanntheitsgrad der Lebenshilfe gesteigert werden. Den Eltern ist laut Befragung wichtig, sich treffen zu können, wobei es entsprechende Angebote in Form von Elternkaffee am Vormittag, Treff in der Wirtschaft sowie Freizeitangeboten in den Pfingstferien bereits gibt. Zusätzlich vorgeschlagen werden aber weitere Aktivitäten wie Turnen für behinderte Kinder bis zum Alter von acht Jahren, Kinderbetreuung am Samstag, Freizeitangebote in den Sommerferien sowie eine Elternaustauschgruppe mit psychologischer Betreuung. Dringend gewünscht werden zudem mehr Informationen, beispielsweise zu juristischen Fragen, Förderung, Schullaufbahn sowie Wohnen und Beruf. Es ist aber auch von einem interaktiven Elternforum auf der Webseite die Rede und vom Aufbau eines Informationsnetzwerkes im Umkreis.

Vorstandsmitglied Helga Flammer berichtete aus dem von ihr geleiteten Arbeitskreis Wohnen, der sich unter anderem auch mit der Problematik befasst, Kinder mit Behinderung in ein Leben außerhalb des Elternhauses loszulassen. Gemeinsam mit den Verantwortlichen der Lebenshilfe versuche man einen Weg zum Wohl der Kinder zu finden und die Teilhabe am Leben in der Gemeinde zu unterstützen. Neue Wege sind bereits eingeschlagen worden, integ­rative Modelle in Reutlingen und Tübingen wurden besichtigt, weitere Informationsveranstaltungen zum Thema alternatives Wohnen werden gewünscht. Parallel dazu beschäftigt sich ein weiterer Elterngesprächskreis mit dem Komplex Arbeit für Menschen mit Behinderung.

In drei Gesprächsrunden wurde anschließend der Frage nachgegangen, was erwarte ich von der Lebenshilfe und was bin ich bereit, einzubringen. Den Kurzberichten im Plenum war danach zu entnehmen, dass ein Ausweiten des Freizeitangebots, eine Samstagsbetreuung mit Elternaustausch und ein Teenager-Angebot ebenso gewünscht werden wie das Organisieren von Kontakten, ein Informationspool und aktuelle Informationen sowie dabei auch das Einbeziehen von Geschwistern. Im Gegenzug wurde Bereitschaft signalisiert, sich beispielsweise einzubringen im Café Paradiesle, eine bestimmte Kontinuität zu sichern und bei der Samstagsbetreuung mitzuwirken.

Der Übergang zur eigentlichen Mitgliederversammlung erfolgte nahtlos und vergrößerte zudem die Besucherzahl. Bärbel Kehl-Maurer, Vorsitzende der Lebenshilfe Kirchheim, informierte über die zahlreichen Aktivitäten und Veranstaltungen des abgelaufenen Berichtsjahres. Dazu gehörten unter anderem der Tag des Hobbys unter dem Motto „Frei-Zeit schenken“, die Regionalkonferenz in Ulm mit der visionären Frage, wie Menschen mit geistiger Behinderung 2020 in unserer Gesellschaft leben können, eine Klausurtagung mit der Frage, wo die Lebenshilfe Kirchheim in fünf Jahren stehen will und mit welchen Strategien die Ziele zu verfolgen sind. Am Workshop der Stadt „Neues Wohnen in Kirchheim“ wurde teilgenommen, Kontakte zur Kreisbaugenossenschaft wurden geknüpft und die Lebenshilfe ist auch in die Planung eines behindertengerechten Zugangs beim Bahnhof Ötlingen mit einbezogen.

Bärbel Kehl-Maurer sprach in ihrem Bericht ebenso die Sanierung des Carl-Weber-Kindergartens an samt Weiterentwicklung der Konzeption und erinnerte daran, dass mit dem Landkreis die Umstellung der Kriterien für die Aufnahme von behinderten Kindern noch zu klären ist. Mit Mitteln aus der Stiftung der Lebenshilfe konnte der Umzug von Bewohnern des Wohnheims in ambulant betreute Wohngruppen unterstützt werden.

Die Vorsitzende nutzte zudem die Gelegenheit, Volker Ditzinger als neuen Geschäftsführer der Werkstätten Esslingen-Kirchheim (WEK) vorzustellen. Dieser machte deutlich, die Arbeit in den Werkstätten möglichst wirklichkeitsnah gestalten und mit neuen Angeboten versehen zu wollen: „Ich möchte die Menschen, die bei uns arbeiten, ernst nehmen und ihnen Alternativen anbieten.“ Bärbel Kehl-Maurer unterstrich die Zusammenarbeit mit der Lebenshilfe Esslingen und dem Körperbehindertenverein, die gemeinsam mit der Lebenshilfe Kirchheim die WEK tragen. Sie erwähnte aber auch den Arbeitskreis Menschen mit herausforderndem Verhalten in der Region Esslingen, dessen Ziel es sei, ein regionales Angebot für alle Menschen mit geistiger Behinderung zu schaffen einschließlich Tagespflege und Wohnen.

Gerhard Thrun, Geschäftsführer und Pädagogischer Leiter der Lebenshilfe Kirchheim, schaffte es, im Schnelldurchgang und dennoch informativ über den weit gefassten Aufgabenkomplex seines Zuständigkeitsbereichs zu berichten und dabei die sozialpolitischen Aspekte ebenso herauszuarbeiten wie die gesellschaftspolitische Entwicklung. Zugleich wurde deutlich, wie groß das Angebot der Lebenshilfe bereits ist und wo noch weiter spezifiziert wird, dass sich aber auch die Frage stellt, wo bereits an Grenzen des Machbaren gestoßen wird. Das alles verpackte Gerhard Thrun in den Dank an sein Umfeld für loyale Mitarbeit sowie für verständnisvolle Begleitung durch Ehrenamtliche. Dank und Anerkennung gab es aber auch für den Geschäftsführer, gezollt von Bärbel Kehl-Maurer, die das Lob auf die gesamte Mitarbeiterschaft ausdehnte. Aus den Reihen der Heimbewohner erstattete Jochen Schumann im Beisein von Markus Schmid souverän den Bericht des Beirats, belohnt mit anerkennendem Applaus.

Zu den Regularien des Tages gehörten die einmütig vollzogenen Wahlen in den Vorstand der Lebenshilfe. Vorsitzende bleibt Bärbel Kehl-Maurer, Stellvertreterin wurde Sylvia Schreib, Geschäftsführer ist weiterhin Gerhard Thrun. Zum erweiterten Vorstand gehören Helga Flammer, Annette Seitz, Birgit Schweizer und Catriona Fekete-Nester. Weitere Beisitzer bleiben Markus Schmid und Jochen Schumann.

Das Bild eines olympischen Stafettenlaufs wählte Bärbel Kehl-Maurer, um die nicht wieder angetretenen Vorstandsmitglieder Hans-Jürgen Ziegler und Christian Birzele-Unger zu verabschieden. Hans-Jürgen Ziegler habe sich nicht nur des Schwerpunktes Wohnen angenommen, sondern auch mit kritischen Fragen die Arbeit der Lebenshilfe Kirchheim vorangebracht. Christian Birzele-Unger habe in seinen zwanzig Jahren Vorstandsarbeit, davon einige Zeit als Vorsitzender, maßgeblich mitgestaltet und dabei Selbstbestimmung und Integration als wichtiges Leitbild vorangestellt. Ihm sei es auch zu verdanken, dass die Lebenshilfe einen Beirat habe, der aus Menschen mit Behinderung bestehe.

Den Dank für das Engagement der ausscheidenden, aber auch der wieder- und neu gewählten Vorstandsmitglieder schmückte Bärbel Kehl-Maurer jeweils mit einer Rose aus – auch das ein Indiz für die Besonderheit der Lebenshilfe in Kirchheim.

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