Lokales

„Jungs brauchen nicht immer Action“

Der Arbeitskreis Jungen veranstaltete erstmals einen Tag speziell für Jungs

Im Mehrgenerationshaus Linde fand der erste „Jungentag“ als Pendant zum „Mädchentag“ im Bohnauhaus statt. Neben Aktionen wie dem Stapeln von Getränkekisten, dem Bau eines Didgeridoos oder einem Selbstverteidigungs-Schnupperkurs, konnten die Jungen auch den „Kondomführerschein“ machen.

PATRICK TOSOLINI

Kirchheim. „Wir sind gespannt, wie sich der heutige Tag entwickeln wird“, ließ Wolfgang Schinko, Leiter des Kommunikationszentrums für interkulturelle Zusammenarbeit (KiZ), noch um 14 Uhr verlautbaren. „Wir rechnen mit etwa 50 jungen Besuchern.“ Der jährlich stattfindende Mädchentag im Bohnauhaus war das Vorbild, um den Jungen auch eine eigene Veranstaltung anzubieten.

Die Idee zum Jungentag gebe es bereits seit Ende 2007. „Viele Jungs fragten nach, ob es auch einen Tag eigens für sie geben würde“, sagte Schinko. „Wir überlegten uns schließlich, was die Jungen brauchen könnten.“ Die Pädagogen kamen zu dem Entschluss, dass nur ein weit gefächertes Themenangebot infrage komme, weil man die Bedürfnisse der jungen Männer nicht pauschalisieren könne. „Jungs brauchen aber nicht nur immer Action, daher bieten wir auch einen Bastelkurs an“, so Schinko.

So konnten die Jungs zwischen vielen Aktionen wie beispielsweise Bogenschießen, Kistenstapeln, Wettnageln oder Holzsägearbeiten und Seiltanzen aussuchen. Diese Ideen und Vorstellungen wurden am Samstag von 14 bis 19 Uhr im Mehrgenerationshaus Linde realisiert. Zu den zahlreichen Aktionen gehörte unter anderem der Bau eines Didgeridoos, das traditionelle Musikinstrument der australischen Aborigines.

Dieses Projekt betreute der Pädagoge Martin Lempp vom Verein Brückenhaus. „Wir wollen den Kindern zeigen, wie man aus ein paar sehr günstigen Bauteilen aus dem Baumarkt ein Blasinstrument bauen kann und damit spielt“, sagte der Pädagoge. „Vor allem die Blastechnik ist dabei wichtig.“ Später bauten die Jungs mit Martin Lempp dann sogenannte „Regenmacher“. Das sind Effektinstrumente, die ursprünglich aus dem trockenen Norden Chiles stammen. Der Regenmacher besteht aus einem Rohr, in dessen Inneres Kieselsteine gefüllt werden. Er wurde erstmals von den Diaguitas-Indianern im Elquital gebaut und für Regenzeremonien eingesetzt.

Dreht man das Instrument, so fallen die kleinen Kieselsteine im Inneren des Rohres von einem Stachel zum nächsten. Dadurch entsteht ein gleichmäßiges Geräusch, das an fließendes Wasser oder an das Rauschen dicker Regentropfen erinnert.

Ahmet Aksu vom Jugendmigrationsdienst hatte die Idee eines Wing Tsun-Schnupperkurses. Wing Tsun – chinesisch für „schöner Frühling“ – ist ein Kampfkunststil. „Anders als beim Boxen liegt der Schwerpunkt bei diesen Techniken ganz klar bei der Selbstverteidigung“, sagt Ivan Bozic. Er ist ehrenamtlicher Mitarbeiter und leitete den Schnupperkurs.

Während andere Kampftechniken darauf abzielten, den Gegner zu besiegen, helfe Wing Tsun dabei, Kämpfe gänzlich abzuwenden und Konfrontationen aus dem Weg zu gehen. „Beim Wing Tsun wird man auf jegliche Gewaltsituationen vorbereitet, um diese bereits früh zu erkennen“, sagt Bozic. „Ich praktiziere die Kampfkunst seit Jahren und musste sie bisher noch nie anwenden.“

Bereits um 15 Uhr wurden über 70 Teilnehmer gezählt, abends waren es dann knapp 100. Draußen tobten sich die Jungs beim Wettnageln und Fußballspielen aus, drinnen konnte der sogenannte „Kondomführerschein“ gemacht werden. Joachim Elger von der Beratungsstelle Pro Familia in Kirchheim betreute dieses Angebot. „Wir wollen den Jungen zeigen, wie ein Kondom richtig anzuwenden ist“, erklärt Elger. Er ist im Kirchheimer Arbeitskreis Jungen tätig. Den „Kondomführerschein“ gibt’s bei korrektem Überstülpen auf eine Holzform und dem richtigen Beantworten einiger Fragen rund um das Präservativ. „Das Angebot wird sehr gut angenommen, die Jungs sind interessiert und aufgeschlossen.“ Auf diesem Wege konnten die Teilnehmer auch erfahren, dass nur ein Kondom sicher vor durch Sex übertragbaren Krankheiten wie etwa Aids schützt.

„Der Tag macht unheimlich viel Spaß und ich habe sehr viel gelernt“, erzählte der 14-jährige Tino. „Am meisten Spaß hat mir das Bogenschießen gemacht.“ Auch Wolfgang Schinko war begeistert, wie gut der Jungentag ankam: „Es ist toll, wie viele Jungs den Weg hierher gefunden haben“, sagte er. „Nächstes Jahr wird es auf jeden Fall auch wieder einen solchen Tag geben.“

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