Lokales

Kässpätzle auf Polnisch und Deutsch als Hobby

Wer kann schon von sich behaupten, mit 21 Jahren gewusst zu haben, wo er steht, wohin es gehen soll und welche Hürden dabei zu nehmen sind? Und wer verlässt schon für diese Ziele sein Land, seine Freunde und seine Familie, um ein Jahr alleine in der Fremde zu verbringen? Der junge Pole Tomec Adaszewski leistet im Jugendhaus Linde ein freiwilliges soziales Jahr.

ALEXANDRA BOGER

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KIRCHHEIM Irgendwann begann es mit der Idee, einen jüdischen Friedhof zu renovieren. Das war vor elf Jahren. Seit damals ging jedes Jahr eine Gruppe deutscher Jugendlicher ins polnische Pruskow, im Gegenzug bekam Kirchheim Besuch aus Polen. Daraus entwickelten sich nicht nur Freundschaften, sondern auch Ehen, weiß Kurt Spätling, Geschäftsführer des Kreisjugendringes in Esslingen. Zusammen mit der Linde wurde das Projekt bis heute fortgeführt. Der Friedhof ist inzwischen fertig.

Im Juni dieses Jahres waren wieder deutsche Berufsschüler in der Kreispartnerstadt. Vor wenigen Wochen gab es die Rückbegegnung mit 14 polnischen Schülern, die dieses Mal bei Gastfamilien untergebracht waren. Um sich zu bedanken und um die neue Freundschaft zu feiern, fand an diesem Abend für die Schüler beider Austauschländer sowie für die Gasteltern ein Fest statt. Der Gewölbekeller des Jugendhauses war voll von deutsch-polnischem Singen und Lachen. Polnisches Liedgut, jugendliches Schunkeln, deutsche Interpreten an E-Piano, Gitarre und den Stimmbändern vereinten sich in Klassikern wie "Hotel California" zu einem international bunten Abend.

Verköstigt wurden die Gäste der Linde aus den Töpfen der jugendlichen Gäste aus Polen. An diesem Abend ließ sich feststellen, dass Polen von Deutschland gar nicht so weit weg ist, etwa so weit, wie "Kotlety mielone" von "Floischkiechla" nämlich kaum.

Für fast alle war das einer der letzten Abende in Deutschland. Nicht für Tomec Adaszewski. Er hat sich entschieden zu bleiben. Der junge Mann aus Polen strahlt übers ganze Gesicht, wenn er in seiner Lieblingssprache Deutsch sprechen kann und verstanden wird. Der neue Jugendhausmitarbeiter ist jetzt seit knapp zwei Monaten in Deutschland zehn hat er noch vor sich, bis das Freiwillige Soziale Jahr im Jugendhaus Linde abgeleistet ist.

Als er sieben oder acht Jahre alt war, dachte er, die ganze Welt spricht polnisch. Wie Babels Turmbauer muss sich der kleine Junge vorgekommen sein, als ein Bekannter zu Besuch kam, der Deutsch sprach. Damals hat der heute 21-Jährige seine Liebe zu der Sprache entdeckt: "Deutsch lernen ist mein Hobby", meint er so entschieden, dass jeder Deutschlehrer seine Freude an ihm hätte.

Lehrer aber war er sich selbst. Mit Büchern und Kassetten, deutschen Charts und Chats brachte er sich ein Deutsch bei, das weit über das "Im-fremden-Land-nicht-verhungern" hinaus geht. Nicht nur, dass er vorhat, diese Fremdsprachenkenntnisse das Jahr über zu perfektionieren, er möchte auch deutsche Philologie studieren, weshalb er neben seiner Familie und seinem Land für seinen Traum auch das "Tourismus und Freizeit"-Studium aufgegeben hat.

In seinem neuen Zuhause, einer WG mit den Zivis der Linde, fühlt er sich wohl und hat alles, was er braucht: eine Waschmaschine und eine große Küche für alle zusammen. So ist neben dem "Deutschen" auch Kochen eines seiner Hobbys. Für seine Mitbewohner gab es schon eine nationale Spezialität: "Bigos" Sauerkraut, Hackfleisch, Pilze, Trockenpflaumen und verschiedene Fleischeinlagen. Zu seinem deutschen Lieblingsgericht hat er die "Kässpätzle" gemacht, auch wenn er sie absolut unschwäbisch mit Ketchup isst.

Auch wenn ihm Deutschland eine zweite Heimat bietet und er viel erlebt und lernt, vermisst Tomec seine Mutter und seine Geschwister. Dass er Weihnachten mit ihnen verbringt, ist klar. Mit seiner Mutter telefoniert er oft und weiß, dass es ihr schwer fiel, ihn gehen zu lassen, aber auch, dass sie stolz auf ihren Sohn ist und froh, dass er diese Chance bekam. Auch fällt dem Sprachfan auf, wie er bei Unterhaltungen mit seiner Mutter schon hin und wieder ins Deutsche verfällt.

An dem Abend in der Bar des Jugendhauses spielt er als Dolmetscher das Bindeglied zwischen Deutschen und Polen, falls das Englisch mal aussetzt. Einen besonderen Gast lud die Linde für die Jungen und Mädchen nebst Gasteltern ein, der ein Programm über Gedankenlesen und mysteriöse Telefonnummer-Tricks bis hin zum Erraten von verflossenen Freundschaften und Haustiernamen bot. So stellte sich Tomec sogar als deutsch-polnisches Medium für alles, was Gäste und Künstler per Telepathie kommunizierten, zur Verfügung.

Ganz fasziniert ist Tomec von den magischen Fähigkeiten des Künstlers, die denen eines David Copperfield ähneln und beweist, dass er den Umgang mit der deutschen Sprache auch in einer Königsdisziplin beherrscht Witze erzählen: "David Copperfield hätte eine Show in Polen machen sollen, die er aber dann doch abgesagt hat." Auf die Frage nach dem Grund meint er: "Weil es nichts Besonderes ist, wenn in Polen etwas verschwindet." Aufgeweckt, selbstironisch und charmant begegnet er den Gästen der Linde und hat immer ein Lächeln im Gesicht und einen Scherz auf den Lippen.

Im Jugendhaus übernimmt er viele Aufgaben vom Blumengießen über die Arbeit hinter der Bar bis zum Jurymitglied bei Band-Wettbewerben. Für das, was ihn in Deutschland noch erwartet, plant er nicht. Tomec Adaszewski war schon auf Schloss Neuschwanstein, möchte sonst aber alles auf sich zukommen lassen, Leute kennenlernen und Freundschaften schließen. Unterm Strich ist ihm aber das eine schon genug: "in Deutschland zu sein".