Lokales

"Kampf der Kulturen darf es nicht geben"

In einer "aufgeregten Zeit" war es der Kirchheimer Oberbürgermeisterin wichtig, mit den Vertretern türkischer und islamischer Vereine das Gespräch zu suchen. Deren Repräsentanten waren sich dabei einig, dass die bewusste Verletzung religiöser Gefühle ebenso zu verurteilen ist wie Gewaltanwendung jeglicher Art.

ANDREAS VOLZ

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KIRCHHEIM "Wir haben in unserer Stadt ein sehr gutes Miteinander, und daran ist mir auch sehr gelegen", sagte Angelika Matt-Heidecker zum Auftakt der Gesprächsrunde, zu der die Stadt in den Kleinen Sitzungssaal des Rathauses eingeladen hatte: "Ich bin froh, dass wir den Dialog über Jahre hinweg aufgebaut haben." Miteinander zu sprechen sei das wichtigste, was man für ein friedliches Zusammenleben tun könne, meinte die Oberbürgermeisterin und machte dabei unmissverständlich klar: "Es darf keine Parallelgesellschaften geben."

Abbas Aslandogan vom "Türkischen Kulturtreff Kirchheim und Umgebung" lobte denn auch Stadt und Verwaltung für die Gesprächsbereitschaft: "Leider suchen momentan nur ganz wenige Menschen das Gespräch. Sonst gäbe es die Probleme nicht, die jetzt die ganze Welt erschüttern." Aus der Sicht der Muslime würden die Menschen in den islamischen Ländern der Dritten Welt vom Westen bewusst erniedrigt, unterdrückt und ausgebeutet. Die problematischen Unterschiede seien aber vor allem im Gegensatz zwischen Arm und Reich zu suchen. Was die Situation in Deutschland betrifft, ist Abbas Aslandogan stolz darauf, "dass meine Landsleute sich hier nicht an Provokationen beteiligen", auch wenn sie durch die Mohammed-Karikaturen gekränkt seien.

Auch Hasan Savas vom Verein "Türkisches Volkshaus" ist der Meinung, dass Humor zwar Grenzen haben müsse, dass die Karikaturen aber dennoch keinen Anlass gäben, um auf die Straße zu gehen. "Unser Anliegen ist politisch. Wenn wir auf die Straße gehen, dann wegen dem Gesinnungstest oder wegen dem Sozialabbau." Die Bilder, die von den Protestaktionen weltweit überliefert werden, würden den Islam mit Gewalt gleichsetzen. "Was in Nigeria passiert ist, ist beschämend. Die Menge wird dort missbraucht", sagt Hasan Savas. Umso wichtiger sei es, ein falsches Bild vom Islam zu verhindern und auch weiterhin alles für ein friedliches Zusammenleben in Kirchheim zu unternehmen: "Es geht um unsere Existenz hier. Auch unsere Kinder sollen sich hier wohlfühlen."

Für "Ahmadiyya Muslim Jamaat" war Hadayatullah Hübsch eigens aus Frankfurt nach Kirchheim gereist, um die zentralen Anliegen der "islamischen Reformgemeinde" anzubringen: "Die Gewaltausübung ist zu verurteilen. Sie geschieht nicht mit Erlaubnis des Islam." Es gebe keine Stelle im Koran, aus der sie sich herleiten ließe. Weltweit gehe die Gewalt von einem Mob aus, der dabei seinen lange angestauten Unmut über den Westen loswerde: "Es ist offensichtlich, dass da bestimmte extreme Leute an der Arbeit sind und die Massen aufwiegeln." Hübsch bezeichnete diese Demagogen als "Mullah-Kräfte". Die Karikaturen wiederum wertete er als bewusste Provokation. Die Verantwortlichen der dänischen Tageszeitung hätten damit die Toleranz der Muslime testen wollen.

Für die "Alevitische Gemeinde Kirchheim" sprach Erol Keskin. "Von den Menschen, die ich kenne, kommt keine Gewalt." In einer Erklärung seines deutschen Dachverbands, die Keskin vorlas, steht unter anderem, dass die Darstellung des Propheten mit einer Bombe als Turban als Provokation für gläubige Muslime erachtet werde und dass die Folterpraktiken in Abu Ghoraib ein Skandal seien. Außerdem heißt es: "Als Aleviten gehen wir generell vom Grundsatz der Akzeptanz gegenüber anderen Religionen aus und verurteilen ebenso, dass islamisch fundamentalistisch geprägte Organisationen und Einzelpersonen europäische Fahnen verbrennen, Menschen europäischen Hintergrunds verletzen und sogar umbringen." Die Aleviten würden sich stets an den Grundsatz halten, sich nicht provozieren zu lassen, was ein wichtiger Grundpfeiler zur Erhaltung des Friedens sei. Als weitere Grundpfeiler gegen Gewalt nannte Erol Keskin Arbeitsplätze und Bildung.

Arbeit, Bildung und entsprechende soziale Standards sind auch für Zafer Yagci eine Garantie dafür, dass sich die Menschen in Deutschland "nicht so von einem Imam aufhetzen lassen" wie in ärmeren Ländern im Nahen Osten. Der Islam basiere auf dem Frieden, sagte Zafer Yagci, Vorstandsmitglied des Kirchheimer Kulturvereins "Türkisch Islamische Union", der für seinen Vorsitzenden Sinan Alaz sprach. Seinen Beitrag schloss er mit der Frage, ob Mohammed Leute erschlagen würde, wenn er heute leben würde. Die Antwort gab Angelika Matt-Heidecker: "So wenig, wie Christus es täte."

Für den "Kulturellen Bildungs- und Integrationsverein Kirchheim" schließlich erklärte Fikret Yumak, dass die Meinungsfreiheit ihre Grenzen bei Verunglimpfungen habe. "Als Kirchheimer können wir aber nichts daran ändern, was auf der Welt passiert", meinte er. Stattdessen empfahl er, sich mit demokratischen Mitteln gegen den Gesinnungstest zu wehren: "Dadurch fühlen sich Muslime als Menschen zweiter Wahl, und es stellt sich die Frage, ob die Einbürgerung vielleicht gar nicht gewollt ist." Oberbürgermeisterin Matt-Heidecker sagte dazu, dass sie diese Form des Einbürgerungstests bedaure, weil er Menschen verletze. "Aber", fügte sie hinzu, "dass sich zu unserer Grundordnung bekennen muss, wer eingebürgert werden will, muss sein."

Gemeinsam mit Sozialamtsleiter Roland Böhringer und der Oberbürgermeisterin arbeiteten die Vereinsvertreter zum Abschluss des Gesprächs folgende Erklärung aus: "Die in den Medien veröffentlichten Mohammed-Karikaturen verletzen die religiösen Gefühle der Muslime. Die gegenseitige Achtung religiöser Gefühle muss für alle Religionen gelten. Wir verurteilen gleichermaßen die gewaltsamen Proteste muslimischer Gruppen, die nur dazu führen, die Spannungen zwischen den Religionen zu verschärfen. Einen Kampf der Kulturen darf es nicht geben. Wir wollen gemeinsam an einem friedlichen Zusammenleben in unserer Stadt arbeiten. Es ist uns ein Anliegen, für mehr Verständnis zwischen Christen und Muslimen einzutreten. Wir setzen uns für mehr Toleranz unter den Bürgerinnen und Bürgern unserer Stadt unabhängig der jeweiligen Religionszugehörigkeit ein. Zur Erlangung der genannten Ziele setzen wir auf gemeinsames zivilgesellschaftliches Engagement."