Lokales

Kampf ums Überleben

Anlässlich des Holocaust-Gedenktags haben Schüler und Lehrer des Kirchheimer Schlossgymnasiums das "pädagogisch-kulturelle Zent-rum" in der ehemaligen Synagoge von Freudental besucht.

MIRIAM GROSS / LILIANA RINDLE

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KIRCHHEIM In der Synagoge berichtete ein Zeitzeuge des Holocaust, der Jude Jan Jakubowski, von seiner von Unheil und Leid geprägten Lebens- und Familiengeschichte. Während des Vortrags las er aus seiner Autobiografie "Mein Überlebenskampf mit Beteiligung des Himmels". Er betonte, dass er das Buch auf Drängen seiner Enkel geschrieben habe, es aber ein Appell an alle Nachkommen sei.

Geboren 1921 in Krakau, erlebte er den Einmarsch der Deutschen und den Krieg als Jugendlicher in Oberschlesien. Dank seiner List, einer bewundernswerten Kraft und nicht zuletzt seiner religiösen Überzeugung gelang es ihm mehrmals, der Deportation nach Auschwitz und somit dem Tod zu entkommen. So rettete er beispielsweise sich und seine Verlobte vor den Händen der Deutschen mit der simplen Lüge, er sei der Gärtner eines bedeutenden SS-Offiziers. Außerdem sprang er aus einem fahrenden Zug, der auf dem Weg ins Arbeitslager war. Später flüchtete er ein weiteres Mal aus einem Arbeitslager, indem er den Stacheldrahtzaun aufschnitt.

Die folgenden Kriegsjahre arbeitete er unter einer neu gekauften Identität als christlicher Pole für eine deutsche Firma. Seit 1952 lebt der pensionierte Ingenieur in Stuttgart. Er betonte, dass folgender Spruch sein Leben prägte und ihm bis heute ein Wegweiser ist: "Wenn ich nicht für mich bin, wer ist für mich? Und wenn ich für mich alleine bin, was bin ich? Und wenn nicht jetzt, wann dann?". Dieser Spruch bestärkte ihn in seinem Selbstvertrauen, seinem sozialen Denken und seiner Entscheidungsfreudigkeit.

Der 85-Jährige beeindruckte die Zuhörer mit seinem Bericht, was sich darin zeigte, dass viele Fragen gestellt wurden, die er gerne beantwortete. Auf die Frage, wie es ihm möglich sei, bei den "Tätern" in Deutschland zu leben, sagte er, dass er nie alle Deutschen in einen Topf geworfen habe. Denn es habe auch Deutsche, wie zum Beispiel einige Mitarbeiter der Firma, für die er gearbeitet hatte, gegeben, die ihn nicht verrieten, obwohl sie wussten, dass er eigentlich Jude war.

Als er danach gefragt wurde, ob er denn keine Angst gehabt habe, antwortete er mit einem weitere Spruch: "Die ganze Welt insgesamt ist eine sehr schmale Brücke und die Hauptsache, sich überhaupt nicht zu fürchten." Nach dem Vortrag hatten die Zuhörer noch die Möglichkeit, Jan Jakubowskis Buch zu erstehen und signieren zu lassen.

Auch die Geschichte des pädagogisch-kulturellen Zentrums in der ehemaligen Synagoge Freudental ist sehr interessant. Nachdem die jüdische Gemeinde, die etwa 400 Menschen umfasste, in der NS-Zeit deportiert worden war und niemand zurückkehrte, interessierte sich 40 Jahre lang niemand für die Synagoge. 1978 beschloss der Gemeinderat, die Synagoge, wie viele andere in Deutschland, abreißen zu lassen. Doch in Freudental wurde dies verhindert. Heute dient das Gebäude als Ausstellungsraum, in dem die Schicksale der Gemeindemitglieder festgehalten sind. Auf den Besuch der Synagoge folgte eine Führung über den nahe gelegenen jüdischen Friedhof. Dort wurden seit 1810 Juden begraben. Während des Nationalsozialismus', aber auch in der folgenden Zeit, wurde der Friedhof immer wieder geschändet. So wurde beispielsweise die Friedhofsmauer abgerissen, um mit den Steinen den Adolf-Hitler-Platz zu pflastern. Ein anderes Mal zerstörte ein Lehrer mit seinen Schülern Grabsteine, um seinem Hass auf die Juden Ausdruck zu verleihen. Aber auch nach dem Krieg wurden Grabsteine verkauft und zur Pflasterung von Straßen und Plätzen benutzt. Heute pflegt die Gemeinde Freudental den Friedhof, um ihn als Mahnmal für die Nachwelt zu erhalten.