Lokales

Kapazitätsengpässe machen zu schaffen

Seit der unendlichen Diskussion um den Bau eines Müllmeilers in Sirnau in den 90er- Jahren ist Ruhe eingekehrt an der Müllfront im Kreistag. Selbst die Technische Anleitung Siedlungsabfall (Tasi) ist für den Abfallwirtschaftsbetrieb (AWB) des Landkreises Esslingen keine Aufregung wert. Die Entsorgungsunternehmen im Kreis dagegen beklagen Kapazitätsengpässe und gestiegene Kosten.

RICHARD UMSTADT

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KREIS ESSLINGEN "Wir haben uns gut auf den Tag X vorbereitet," kann sich AWB-Geschäftsführer Rolf Hahn guten Gewissens in seinem Stuhl zurücklehnen. Seit dem Tag X nämlich, dem 1. Juni, ticken in der Abfallpolitik die Uhren anders. Die Technische Anleitung Siedlungsabfall (Tasi) trat in Kraft, nach der kein Abfall mehr unbehandelt deponiert werden darf. Bereits 1993 erließ der damalige Umweltminister Klaus Töpfer, CDU, die Tasi, die aus ökologischen Gründen begrüßt wurde, weil sie verhindert, dass durch die Mülldeponierung Schadstoffe ins Grundwasser gelangen oder Methan-Gas die Atmosphäre schädigt.

Der Landkreis Esslingen handelte bereits 1995 mit Stuttgart einen Deal aus, wonach die Esslinger ihren Unrat im Müllofen von Münster verbrennen dürfen. Im Gegenzug beliefern die Stuttgarter das Kompostwerk in Kirchheim mit Bioabfall. Im Übrigen legt der Kreis Wert auf Müllvermeidung, -trennung und -beratung und seine Bewohner ziehen mit.

"Außerdem sind uns einige Tausend Firmen im Landkreis treu geblieben", erklärt Rolf Hahn. Rund 8 000 Gewerbekunden zählt der AWB. Zirka 95 Prozent davon bedienen sich des Einsammelsystems des Landkreises. Hinzu kommen rund 100 Selbstanlieferkunden. Nicht alle seien "abgehauen" und hätten den Müll durch die Lande in Billigdeponien gekarrt. "Die meisten haben sich unserem Abfallentsorgungssystem angeschlossen."

Doch nach Tasi und dem 31. Mai tauchen im Bereich Gewerbemüll plötzlich wieder Mengen wie Phoenix aus der Asche auf, die es zuvor nach den Verlautbarungen privater Entsorger und Firmen nicht gab. "Jetzt scheinen wir für sie wieder recht interessant zu sein", wundert sich der AWB-Geschäftsführer und vermutet, dass dabei der Tonnage-Preis von 162 Euro für Gewerbemüllselbstanlieferer eine gewisse Rolle spielt. "Dies ist nämlich im näheren Umkreis der günstigste Satz." Außerdem verbietet der baden-württembergische Autarkie-Erlass, Müll, der im Land entsteht, anderweitig zu entsorgen. "Freilich sind dem Ideenreichtum keine Grenzen gesetzt", weiß Hahn. "Wenn ich Abfall als Wertstoff deklariere, in dem ich drei oder vier Holzlatten drauflege, gilt innerhalb der EU der freie Warenverkehr."

65 000 Tonnen Müll im Jahr muss der Landkreis Esslingen laut Vertrag in die Müllverbrennungsanlage nach Münster karren. Rolf Hahn vermutet, dass aufgrund von Tasi die Mengen steigen, sich aber innerhalb der Toleranzgrenze bewegen. "Mag sein, dass es pro Jahr 2 000 bis 3 000 Tonnen mehr sind."

Kapazitätsengpässe in Müllverbrennungs- und Sortieranlagen sowie gestiegene Preise seit dem 1. Juni, beklagen private Entsorgungsfirmen im Landkreis. Nicht nur Walter Heilemann, Geschäftsführer der gleichnamigen Transporte GmbH in Wendlingen, wundert sich über das Verhalten in vielen Müllverbrennungsanlagen. "Die sind ausgerechnet jetzt in Revision", was das Entsorgungsproblem noch verschärft. Heilemanns Kollege Roland Mall aus Lenningen meldete vor dem In-Kraft-Treten von Tasi seine Gewerbemüllfuhre im Müllheizkraftwerk an und konnte losfahren. "Heute muss ich bis zu zwei Wochen warten." Geringere oder wie Mall vermutet, künstlich verringerte Kapazitäten, führen bei verstärkter Nachfrage zu höheren Preisen. So wollen es die Gesetze der Wirtschaft.

Heilemann und Mall nehmen zudem den Verdrängungswettbewerb aufs Korn. Großentsorger wie Remondis säßen dick in Versorgungs- und Müllverbrennungsanlagen und kontrollieren den Markt für Müll-Vorbehandlung und bestimmten die Preise. Mittelständischen Unternehmen der Entsorgungsbranche bleibe da oft nur das Nachsehen.

Auf ein anderes Phänomen macht Eberhard Lebküchner, Geschäftsführender Gesellschafter von ELM Recycling in Bissingen, aufmerksam: "Im Bereich Gewerbeabfall kannte kein Mensch die genauen Mengen. Mit so viel hat keiner nach dem 31. Mai gerechnet."