Lokales

Karin Sailer hält Taschentücher und Kreislauftropfen parat

Wer heiraten will, geht aufs Standesamt das weiß jedes Kind. Homosexuelle Paare, die ihre Partnerschaft eintragen lassen wollen, müssen in Baden-Württemberg hingegen zum Landratsamt gehen. Seit der Einführung der "Homo-Ehe" vor fünf Jahren wurden im Esslinger Landratsamt 60 gleichgeschlechtliche Partnerschaften besiegelt.

KORNELIUS FRITZ

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ESSLINGEN Zu seiner neuen Aufgabe kam das Landratsamt wie die Jungfrau zum Kind. Als die damalige rot-grüne Bundesregierung die eingetragene Lebenspartnerschaft zum 1. August 2001 einführte, mussten die Länder entscheiden, wo dieser Bund geschlossen wird. Und während seitdem in den meisten Bundesländern auch gleichgeschlechtliche Partnerschaften auf dem Standesamt beurkundet werden, wies Baden-Württemberg die Aufgabe den Landratsämtern zu sehr zum Ärger vieler Homosexueller, die dies als Diskriminierung empfanden. Auch beim Landratsamt selbst war man seinerzeit alles andere als glücklich: "Wir waren ziemlich überrascht davon und hatten nur 14 Tage Zeit, um uns auf diese neue Aufgabe vorzubereiten", erinnert sich Norbert Lutz, Sachgebietsleiter im Ordnungsamt.

Fünf Jahre später ist seine Behörde noch immer für die Lebenspartnerschaften zuständig. Ein Vorstoß der SPD im Landtag, die Aufgabe doch noch an die Standesämter zu übertragen, wurde im vergangenen November abgeschmettert. Und so haben sich inzwischen bereits 35 Männer- und 25 Frauenpaare bei Karin Sailer im Landratsamt das Ja-Wort gegeben. Die 46-Jährige ist zwar keine Standesbeamtin, kennt sich aber mit der Materie bestens aus, denn die Sachbearbeiterin hat die Aufgabe, die Standesämter im Kreis zu prüfen und bei schwierigen Fällen zu beraten. Die Beurkundung von Partnerschaften war allerdings auch für sie Neuland.

Und so hatte sie etwas Herzklopfen, als sie zum ersten Mal vor einem Paar samt Festgesellschaft stand. Zumal es so gut wie keine Vorschriften gibt, wie eine solche Zeremonie auszusehen hat. Eines stand für Karin Sailer fest: Ein nüchterner Verwaltungsakt sollte die Besiegelung der Partnerschaft nicht werden. "Ich möchte es den Leuten so schön wie möglich machen", lautet ihr Grundsatz. Deswegen dürfen die Paare den Raum, in dem die Eintragung stattfindet, schmücken. Auch bei der Gestaltung des Ablaufs geht Sailer auf individuelle Wünsche ein. So gab es schon Zeremonien, bei denen Musicalsänger auftraten, Gedichte vorgetragen oder Samba getanzt wurde. Einmal musste sie sogar mit den Angetrauten zur Mittagszeit ein Glas Zuckerrohrschnaps trinken und anschließend das Glas hinter sich werfen ein Hochzeitsritual aus Kuba, woher einer der Männer stammte.

Inzwischen weiß Karin Sailer auch, was sie stets dabei haben sollte: Taschentücher, wenn bei den Paaren oder ihren Angehörigen vor Rührung die Tränen fließen und Herz-Kreislauf-Tropfen, falls mal wieder jemand vor Aufregung in Ohnmacht fällt. Auch anrührende Geschichten hat sie in den vergangenen fünf Jahren erlebt: Zum Beispiel, als ein schwer krebskranker Mann kurz vor seinem Tod die Partnerschaft eintragen ließ, damit sein ausländischer Freund eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland bekommt. Die Schwulen und Lesben sind Karin Sailer inzwischen ein wenig ans Herz gewachsen: "Die meisten sind sehr angenehme Leute. Ohne sie würde mir schon etwas fehlen", sagt sie. Oft nimmt sie sich nach dem offiziellen Teil noch etwas Zeit, um mit der Festgesellschaft anzustoßen und hinterher schicken ihr viele Paare Dankeskarten. Die Beamtin hat festgestellt, dass die Unterschiede zwischen Homosexuellen und Heterosexuellen so groß nicht sind. Das gilt auch für die Haltbarkeit des Treueschwurs: Einige Partnerschaften, die sie einst beurkundet hat, wurden bereits wieder geschieden.