Lokales

Karneval in der Fastenzeit?

Wussten Sie schon, dass morgen nochmals Karneval ist? Zumindest für unsere jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger ist das so, sie feiern morgen das sogenannte Purimfest. Das Fest erinnert an die Errettung des jüdischen Volkes vor einem Pogrom während der Perserzeit. Im biblischen Buch Esther wird erzählt, wie Haman, Regierungsbeamter des persischen Königs Ahasveros (Xerxes I.) in Überschätzung seiner Bedeutung von allen Dienern einen Kniefall verlangt. Mordechai, ein Jude und Adoptivvater Esthers, weigert sich. Aus Rache soll Haman die Vernichtung aller Juden beschlossen haben. Den Zeitpunkt des Pogroms wollte er per Los bestimmen (purim bedeutet Lose, daher der Name des Festes). Esther, jüdische Ehefrau des Königs, setzt sich für die Rettung ihres Volkes ein und Haman wird leider zusammen mit einer großen Menge anderer, an der Sache ganz unschuldiger Judengegner hingerichtet.

Beim Purimfest werden bunte Kostüme und Masken getragen, es gibt Umzüge, Geschenke und viele Süßigkeiten. Letzteres ist sicher unmittelbar nachvollziehbar, aber wozu die Verkleidungen? Die Begründung ist ein Beispiel für die menschlich-hintergründige Schriftauslegung der jüdischen Tradition: Obwohl Gott offensichtlich seine Hände im Spiel gehabt haben musste, damit Esther in ihrer Intervention vor dem König erfolgreich sein konnte, wird er in der ganzen Schriftrolle nicht erwähnt. Also, so die humorvolle Folgerung, hatte Gott sich wohl selbst verkleidet, um unsichtbar wirken zu können! Verkleidung beim Fest wird damit zum Dank an Gott und geschieht zur höheren Ehre Gottes, und das ganze Purimfest ist eine Gelegenheit, bei der Gottesverehrung etwas mit Freude, Ausgelassenheit und Spaß zu tun hat.

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Für uns hört sich das eher fremd an und das ist eigentlich sehr schade. Wir sind mitten in der Fastenzeit, den Wochen vor Karfreitag, in denen wir besonders der Leiden Christi gedenken. Das geschieht zu Recht mit großem Ernst. Was wir jedoch auch in diesen Wochen nicht vergessen sollten: Hinter dem Tod, den Jesus Christus auf sich genommen hat, steht das Leben. Durch Christi Tod und Auferstehung können wir befreit und aufrecht leben. Wenn das kein Grund zur Freude ist.Dr. Juliane BaurPfarrerin in der EvangelischenChristuskirchengemeinde Kirchheim