Lokales

Karriere, Briefe und Heimat in der Fremde

Der junge Schiller und der alte Fontane das sind die beiden bewährten Wegbegleiter, die baden-württembergische Abiturienten auch in diesem Jahr wieder zur angestrebten Hochschulreife führen: Gestern stand zum Auftakt der schriftlichen Prüfungen traditionell der Deutsch-Aufsatz auf dem Programm.

ANDREAS VOLZKIRCHHEIM "Kabale und Liebe" war in Kirchheim der große Renner. Weit über die Hälfte aller Prüflinge an den vier Gymnasien hatte sich in der Vorbereitung wohl besonders intensiv mit dem bürgerlichen Trauerspiel aus Schillers "Sturm und Drang"-Phase befasst: 157 von insgesamt 288 Aufsatzschreibern haben sich gestern dafür entschieden, den Anfang der siebten Szene des ersten Akts zu interpretieren, in der sich der Präsidentensohn Ferdinand der skrupellosen Karriereplanung seines Vaters vehement widersetzt.

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Vielleicht war es auch weniger das Thema und mehr die Aufgabenstellung, die den Reifeprüfungskandidaten in Kirchheim so zusagte. Schließlich konnten sie in diesem Fall auf fundierter Textkenntnis aufbauen: Zunächst war die Szene im Handlungszusammenhang darzustellen, und dann galt es, die Textstelle zu interpretieren unter besonderer Berücksichtigung der sprachlichen und szenischen Gestaltung. Im abschließenden Werkvergleich hatten die Abiturienten die Aufgabe, Parallelen oder Unterschiede zwischen der Vater-Sohn-Beziehung aus "Kabale und Liebe" und dem Verhältnis von Mutter und Tochter in Theodor Fontanes Gesellschaftsroman "Effi Briest" aufzuzeigen.

Die literarische Erörterung, in die ebenfalls Erkenntnisse aus der Lektüre von "Kabale und Liebe" und "Effi Briest" einfließen sollten, fand dagegen kaum Beachtung. Nur neun Kandidaten wagten sich in ganz Kirchheim daran, bei Schiller und Fontane Erich Fromms folgende Definition von Liebe herauszuarbeiten: "Lieben ist eine produktive Tätigkeit, es impliziert, für jemanden (oder etwas) zu sorgen, ihn zu kennen, auf ihn einzugehen, ihn zu bestätigen, sich an ihm zu erfreuen sei es ein Mensch, ein Baum, ein Bild, eine Idee. Es bedeutet, ihn (sie, es) zum Leben zu erwecken, seine (ihre) Lebendigkeit zu steigern."

Es gab noch eine dritte Aufgabe, die vom Kultusministerium sowohl für die allgemeinbildenden als auch für die beruflichen Gymnasien vorgesehen war die Gedichtinterpretation. Aber an den beiden beruflichen Gymnasien in Kirchheim dem WG an der Jakob-Friedrich-Schöllkopf-Schule und dem TG an der Max-Eyth-Schule zogen es die Fachlehrer vor, stattdessen Thomas Hürlimanns Prosatext "Der letzte Auftritt" interpretieren zu lassen. Neun Prüflinge setzten sich denn auch mit dieser Geschichte einer Schauspielerin auseinander, die ihren Kollegen aus früheren Tagen noch einmal den erfolgreichen und gefragten Bühnenstar vorspielt, obwohl die Realität ganz anders aussieht.

Am Schlossgymnasium waren es dagegen neun von 96 und am Ludwig-Uhland-Gymnasium zehn von 109 Abiturienten, die es auf sich nahmen, "Die fremde Stadt" von Irmgard Keun mit "Kommt einer von ferne" von Nelly Sachs zu vergleichen. Beide lyrischen Texte stammen aus dem Jahr 1947 und haben die Erfahrung der Fremdheit zum Thema bei Keun aus der Sicht eines Einzelnen, der in der Fremde wenigstens kurzzeitig nach Geborgenheit sucht, bei Sachs als ein langes Bedingungsgefüge, das sich in dem Imperativ auflöst, als Einheimischer einem solchen Fremden Wärme und Geborgenheit zu spenden.

Mit dem Themenkreis Heimatverlust und Heimatsuche setzt sich auch ein nicht fiktionaler Text Rüdiger Safranskis auseinander, den insgesamt 40 Schüler des Schloss- und des Ludwig-Uhland-Gymnasiums analysierten und erörterten. Als gestalterische Teilaufgabe bestand in diesem Fall die Möglichkeit, einen Zeitungskommentar zum Text zu verfassen.

Bei der bewussten Entscheidung für ein breiter angelegtes gestalterisches Thema waren gestern die größten Unterschiede zwischen den beiden allgemeinbildenden Gymnasien zu verzeichnen: Waren es am Schlossgymnasium gerade einmal vier Prüflinge, die sich dafür erwärmen konnten, so machten sich am LUG gleich 20 Kandidaten ans Werk, die Situation Effis in einem Auszug aus Kapitel 20 zu skizzieren und anschließend die Korrespondenz zwischen Effi Briest und ihrem Vater um zwei Briefe zu erweitern. Speziell in dem Schreiben der Tochter sollte es um deren widerstreitende Gedanken, Gefühle und Sehnsüchte gehen.

An den beruflichen Gymnasien war gestern ebenfalls ein Thema im Angebot, das psychologisches Feingefühl verlangte: Zu drei von fünf Materialien waren Kurzzusammenfassungen zu erstellen, bevor es dann galt, auf der Grundlage aller fünf Materialien einen Essay mit dem Titel "Vom Umgang mit der Angst" zu verfassen. Keine Angst vor diesem Thema hatten 17 von 63 Prüfungsteilnehmern im Fach Deutsch am WG und sieben von 20 am TG.

"Am Ende der Kauflust" heißt ein Artikel aus der "Zeit" von Kerstin Kohlenberg, der Grundlage einer Textanalyse und -erörterung an den beruflichen Gymnasien war. Allerdings machte hierbei die überwiegende Mehrheit der Abiturienten den Untertitel des Textes zum Programm: "Warum der Kunde nicht mehr so richtig will." Nur jeweils drei Schüler der Jakob-Friedrich-Schöllkopf- und der Max-Eyth-Schule waren bei diesem Thema willig.