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Kein Hamster im Rädchen, sondern kühner Kletterer auf Burgmauern

LENNINGEN Wo andere achtlos am Feldrain entlangwandern und sich lediglich an der schönen Landschaft erfreuen, hat Christoph Bizer aus Oberlenningen ganz andere Beweggründe, sich in der freien Natur

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IRIS HÄFNER

aufzuhalten. Seit über 40 Jahren bestimmt die Archäologie einen Großteil seiner Freizeit, insbesondere die Suche nach Oberflächenfunden. Für sein unermüdliches Engagement erhält Christoph Bizer heute Abend im Neuen Schloss in Stuttgart den Archäologiepreis Baden-Württemberg 2006 verliehen. Dieser Preis wird alle zwei Jahre ausgelobt und ist mit 5000 Euro dotiert. Damit wird der Oberlenninger für seine langjährigen Forschungen zur Steinzeit und zu den mittelalterlichen Burgen der Schwäbischen Alb ausgezeichnet.

"Wandern bedeutet für mich, unnütz in der Gegend herumlaufen. Ich assoziiere damit einen Hamster im Rädchen", erzählt er herausfordernd schmunzelnd. Dank seiner Forschungen hat der ehemalige Lehrer seine ganz eigene Formel dafür gefunden, sich vom Schulstress in der frischen Luft erholen zu können. "Das war mein Ausgleich einfach mal ein paar Stunden in Ruhe verbringen, ohne dass man gleich von sämtlichen Seiten angesprochen wurde", nennt er seine Beweggründe für seine ungewöhnliche Passion, die mit dem Begriff Hobbyarchäologe falsch umschrieben wäre.

Fein säuberlich hat Christoph Bizer seine Fundstücke archiviert und dokumentiert. Im Laufe der Zeit haben sich allein rund 200 000 steinzeitliche Einzelstücke angesammelt. Die Palette reicht von fingernagelgroßen steinzeitlichen Kleingeräten in Form von Dreiecken, bis hin zu einer 55 Kilogramm schweren Blidekugel, einem Wurfgeschoss zur Erstürmung von Burgen. "Wer etwas aufhebt und mit nach Hause nimmt, trägt dafür die Verantwortung", redet er allen Hobbyfindern ins Gewissen. Alles sind Einzelfunde, doch viele kleine Mosaiksteinchen ergeben irgendwann ein ganzes Bild. Christoph Bizer wollte seinem gesammelten Material gerecht werden, was ihm mit zahlreichen Publikationen auch gelungen ist. So dokumentierte er unter anderem den Steinzeitfundplatz auf dem Braunfirst in einem Kapitel im Hepsisauer Heimatbuch und in der Schriftenreihe der Stadt Kirchheim "Die Thietpoldispurch und die Burgen der Kirchheimer Alb" gemeinsam mit Rolf Götz.

Begonnen hatte alles ganz harmlos mit einer Exkursion der Lehrergewerkschaft, die unter anderem am Braunfirst bei Hepsisau vorbeiführte. Im Jahr 1964 kam Christoph Bizer als Lehrer ins Lenninger Tal und wollte Land und Leute kennenlernen. "Schon als Jugendlicher hat mich der Roman Rulaman fasziniert. Die Busfahrt war sozusagen die Initialzündung für meine Forschungen", sagt er rückblickend. Während er spricht, geht er an einen großen Schubladenschrank, holt einen Stein heraus und sagt feierlich: "Diesen Feuerstein hat ein Neandertaler in Händen gehalten." Schon lange ist ihm klar, dass diese Menschen keine groben Keulenschwinger waren. Allein schon ihre Werkzeuge zeugen von handwerklichem Geschick.

Der Braunfirst sowie das Käppele bei Dettingen waren lange Jahre sein bevorzugtes Revier. Beim Suchen halfen seine drei Kinder regelmäßig mit. "Für sie war es aber auch ein großer Abenteuerspielplatz", erinnert sich der Forscher. Wer derart viele Stücke finden will, muss bei der Suche einiges beachten: Über die gepflügten Äcker muss Frost drübergegangen sein, damit der Boden schön bröselig ist. Regen ist ebenfalls wichtig, denn er spült den Dreck von den steinzeitlichen Werkzeugen. "Am besten ist ein trüber Tag. Der Boden muss nass sein und die Sonne darf nicht scheinen", beschreibt er ideales Sammelwetter.

Um die Funde entsprechend einordnen zu können, ist Sachkenntnis nötig. "Der Fehler der meisten Hobbysammler ist, dass sie zu wenig Geduld und Zeit haben und kein System", so die Erfahrung von Christoph Bizer. Um das Durcheinander der verschiedenen Epochen der Eiszeitjäger einordnen zu können, entwickelte er sein eigenes System. Er hielt die Fundpunkte beispielsweise von jungsteinzeitlichen Bohrern auf dem Braunfirst auf Karten fest. Dadurch konnte er unterschiedliche Verdichtungen an verschiedenen Stellen erkennen und entsprechende Schlüsse ziehen.

Das außergewöhnliche Engagement des inzwischen 72-Jährigen wird nun von offizieller Seite gewürdigt. Schon seit Jahren ist er ehrenamtlicher Beauftragter der archäologischen Denkmalpflege, was den Vorteil hat, dass er auch in Bereiche einer Burganlage vordringen kann, die den "normalen" Besuchern verboten sind. Dank der nahezu unermüdlichen Suche konnte Christoph Bizer mit einigen Irrtümern aufräumen, so etwa, dass der Kleine Lichtenstein bei Neidlingen keine mittelalterliche Burg war, sondern weitaus früher besiedelt war die dort gefundenen Stücke stammen aus vorgeschichtlicher Zeit.

Dank seiner Funde konnte er auch nachweisen, dass der Wielandstein bei Oberlenningen nicht nur aus drei, sondern aus vier Burgen bestand. Schieferstücke machten ihn darauf aufmerksam, denn dieses Gestein gibt es erst talabwärts ab Dettingen. "Mörtelstückchen im gesamten Streubereich und geringe Reste von Kernmauerwerk besonders am Süd- und Westrand der Anlage lassen auf eine vollständige Ummauerung schließen. Wandlehmbrocken, zahlreiche Schindelnägel, vereinzelte Schiefer- und Dachziegelstücke sowie sorgfältig gearbeitete Kleinquadersteine im Hangschutt darunter geben Hinweise auf den einstigen Baubestand sichtbare Reste einer Innenbebauung haben sich aber nicht erhalten", schreibt er dazu in der Schriftenreihe.

Der Aktionsradius von Christoph Bizer ist jedoch nicht nur auf die nächste Umgebung beschränkt. Sämtliche Burgen der Schwäbischen Alb hat er erforscht und bei seinen zahlreichen Expeditionen mit Freunden und Kollegen neun Höhlenburgen entdeckt. Eine davon ist das Venedigerloch bei Urach, die Mehrzahl dieser besonderen Anlagen findet sich jedoch im Donautal.

Seinen Anfang nahm die Burgenleidenschaft in nächster Nachbarschaft. "Zunächst war es einfach die Faszination. Unaufgefordert habe ich mich bei der Sanierung des Wielandsteins 1976 für das ,Zeug' interessiert, denn das Fundmaterial wurde damals überhaupt nicht beachtet", erinnert er sich. Bei der Masse von Scherben wurde ihm plötzlich klar, dass er ähnlich wie bei seinen Streifzügen am Braunfirst, auch Oberflächenfunde an Burgen finden kann. "Da es im Bereich der Steinzeitfunde nach zehn Jahren für mich nichts mehr Neues zu entdecken gab, war dies nun das neue Thema für mich", erzählt Christoph Bizer. Um vergleichbare Funde und damit Daten zu bekommen, machte er sich auf den Weg zu anderen Burgen: Reußenstein, Teck, Heimenstein, Hofen oder Sperberseck. Immer weiter zog er seine Kreise. "Nach und nach konnte ich eine Chronologie entdecken zunächst eine Reihenfolge, geordnet nach der Warenart von Keramik, später dann die absolute Chronologie, sprich Jahreszahlen", beschreibt der Oberlenninger seine Vorgehensweise. Dabei hat die Albkeramik, die reichlich über 300 Jahre existierte, einen besonderen Stellenwert. "Die Albware ist langsam aber sicher zum Star geworden", berichtet er stolz über seine Entdeckung. Das Besondere an ihr ist der Kalk, der dem Ton beigegeben wurde, damit die Form beim Trocknen oder Brennen nicht reißt. Kleine helle Pünktchen in der Keramik sind dafür das Markenzeichen. Mit der Zeit konnte der Oberlenninger die Formen der Scherben dabei kommt dem Gefäßrand eine große Bedeutung zu in fünf Zeitstufen gliedern. "Um sie einordnen zu können, muss man alle Warenarten kennen", zeigt Christoph Bizer auf, wie wichtig neben dem Suchen in freier Natur, das Arbeiten im stillen Kämmerlein ist.

Diese Erkenntnis war für den Forscher der Durchbruch für die Datierung der Burgen. Etwa 400 solcher Anlagen gab es einst auf der Alb, im Laufe der Zeit stehen von etwa der Hälfte nicht mal mehr die Grundmauern. Höchstens von einem Dutzend sind die Gründungsdaten bekannt, wobei auch diese fraglich sind, da sich beispielsweise für eine Burg gleich zwei unterschiedliche Daten in Dokumenten finden. Christoph Bizer wollte nun herausfinden, wann genau die Burgen jeweils erbaut wurden. Gute Dienste haben ihm dabei die Randstücke seiner gefundenen Albwarenscherben mit ihren unterschiedlichen Ausformungen geleistet. "Auf etwa 50 Jahre genau kann ich das Alter einer Burg bestimmen", sagt Christoph Bizer stolz. Fündig wird er ab dem Zeitpunkt, als die Menschen dort gelebt haben und vor allem gekocht und gegessen haben.

In den Magazinen in Oberlenningen finden sich jedoch nicht nur Albware, sondern beispielsweise auch halbe Hufeisen, Gürtelschnallen, Perlen, Glasscherben, eine Stirn- oder Brustscheibe zum Schmuck eines Reitpferdes, Münzen oder Kettenpanzerteile als Reste der ritterlichen Rüstung. Besondere Stücke sind eine Schachfigur im orientalischen Stil aus einem Knochen gearbeitet, sowie ein schön aus einem Geweih geschnitzter Spielstein, ähnlich wie er heute bei Backgammon verwendet wird.

Seine Burgenforschung sieht der 72-Jährige nun abgeschlossen. Die gewonnenen Erkenntnisse hat er in dem umfassenden Buch "Oberflächenfunde von Burgen der Schwäbischen Alb Ein Beitrag zur Keramik- und Burgenforschung" zusammengefasst. Damit die gesammelten Schätze den Platz bekommen, der ihnen gebührt, will Christoph Bizer sie dem Land übergeben. Die Sammlung seiner Steinzeitfunde hat diesen Weg bereits hinter sich.

Langeweile kommt im Hause Bizer auch in Zukunft nicht auf, dafür sorgen allein schon die zehn Enkel. "Sie bestimmen das Leben auf positive Weise", freut sich Christoph Bizer.