Lokales

Kein K.o. durch Jogis Jungs

Kirchheim. Am Sonntag gilt‘s: Jogis Jungs müssen alles geben, sonst sind sie draußen. Entsprechend steigt die Spannung vor dem heimischen Fernseher – und mit ihm das Herzinfarktrisiko! Kein Spaß: Im Super-WM-Jahr 2006 haben Ärzte

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Irene Strifler

des Universitätsklinikums München-Großhadern den Zusammenhang von Fußballstress und Herzproblemen akribisch untersucht. Und siehe da: Spielte die deutsche Nationalmannschaft, wurden dreimal so viele Menschen mit Herzprob­lemen eingeliefert wie an normalen Tagen.

Sollte das, was für Klinsmanns Kicker galt, auf Jogis Jungs nicht zutreffen? Also lieber mal halblang machen am Sonntag um 16 Uhr. Wenn überhaupt, so treten nämlich die meisten Notfälle in den Stunden rund um den Anpfiff und natürlich bei dramatischen Situationen auf. Das Infarktrisiko steigt laut wissenschaftlicher Erkenntnis bei männlichen Zuschauern gar um das 3,26-fache, bei Frauen – wer hätt‘s gedacht – lediglich um das 1,82-fache. Welch eine Verantwortung für die deutsche Elf! Von Podolskis und Kloses Elfmetern und Schweinsteigers Freistößen hängt offenkundig nicht nur das Weiterkommen des Teams ins Viertelfinale ab, sondern das Leben so manchen Fans . . .

Doch keine Sorge, alles halb so wild. Das K.o. droht allenfalls der Mannschaft. Fußballanhänger rund um die Teck sollten sich den Spaß keinesfalls verderben lassen. „In großen Unikliniken macht sich vielleicht bei solchen Ereignissen eine Häufung bemerkbar, andernorts läuft alles normal“, relativiert Dr. Martin Beyer, Kardiologe und Chefarzt der Inneren Abteilung am hiesigen Krankenhaus, die Ergebnisse der Münchner Studie. Die sei ohnehin im Grunde kalter Kaffee. Nicht nur, weil sie ebenso lang zurückliegt wie die letzte WM, nämlich vier Jahre. Und das ist in Medizinerkreisen eine halbe Ewigkeit. Aber auch inhaltlich sieht der Kirchheimer Herzspezialist wenig Anlass zur Verwunderung: „Stress, egal ob körperlich oder psychisch, kann zu Herzproblemen führen, das ist klar“, sagt er. Dabei sei es dem Herzen gewissermaßen egal, wodurch der Stress ausgelöst werde. Ob einer eine Rede halten muss oder von seinem Partner geärgert wird – das Resultat ist gleich: Stresshormone werden ausgeschüttet, Puls und Blutdruck steigen.

Selbst wenn hier und da einer Rhythmusstörungen wahrnimmt – die Wahrscheinlichkeit, dass ausgerechnet ein Fußballspiel einen echten Herzinfarkt auslösen könnte, schätzt der Fachmann als ausgesprochen gering ein. Ohnehin seien die Mechanismen, die einen Herzinfarkt auslösen, wesentlich komplexer.

Doch was heißt dies für Risikopatienten? Übergewichtig und unbeweglich mit der Chipstüte vor dem Fernseher zu sitzen, ist natürlich ohnehin nicht das, was Ärzte oder Apotheker empfehlen. Also dann morgen um 16 Uhr lieber raus in den Wald als rein in den bequemen Fernsehsessel? „Ach was“, meint Dr. Beyer, „einmal in den Wald gehen, bringt gar nichts.“ Gesundheitsfördernd ist dagegen regelmäßiger Ausdauersport, am besten kombiniert mit gesunder Ernährung. Sport schauen ist nun mal kein Ersatz für Sport treiben, auch wenn der Kreislauf in beiden Fällen gewissermaßen auf Touren kommt.

Der Kardiologe selbst wird wohl ebenfalls morgen Nachmittag nichts für seine Gesundheit tun, sondern sich in die Schar all jener einreihen, die bei schönstem Sommerwetter vor der Glotze sitzen. Fußballbegeisterung ist allerdings nicht die Ursache: „Meine Kinder wollen das Spiel unbedingt sehen.“ – Klare Sache, dass er da nicht den Spielverderber gibt, weder zu Hause noch am Arbeitsplatz. Denn natürlich ist König Fußball derzeit auch im Krankenhaus Dauergast. „Hier herrscht keineswegs Fußball-Schau-Verbot“, macht Beyer klar. Schließlich weiß er, wie wichtig das Thema Mitarbeitern und Patienten ist. Wer keinen Fernseher im Zimmer hat, bekommt trotzdem die Möglichkeit, die Nationalmannschaft andernorts in Gesellschaft anzufeuern.

Auf einen Tipp des Chefarztes, wie die Begegnung mit den Engländern ausgeht, müssen die Patienten allerdings verzichten: „Keine Ahnung“, winkt Dr. Martin Beyer gelassen ab. – Eine Einstellung, die garantiert „kardioprotektiv“, also gut fürs Herz, ist, das lässt sich auch ohne wissenschaftliche Studie vermuten. Foto: Deniz Calagan