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„Kein Mensch kommt ohne Musik aus“

Ehrenamtspreis zum Thema „Für Musik begeistern“ – Interview mit Experte Bertram Schattel

Am 16. Juni ist Anmeldeschluss für den Ehrenamtspreis „Starke Helfer“ der Stiftung der Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen und des Teckboten, der heuer unter dem Motto „Für Musik begeistern“ steht. Teckboten-Redakteurin Heike Allmendinger hat den Kirchheimer Musikfachmann Bertram Schattel rund um das Thema Musik befragt.

Bertram SchattelChorleiter des gemischten Chores Liederlust Ohmden
Bertram SchattelChorleiter des gemischten Chores Liederlust Ohmden

Herr Schattel, was bedeutet Musik für Sie?

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BERTRAM SCHATTEL: Musik und die Beschäftigung mit ihr bestimmen mein Leben seit Kindertagen. Musik ist das emotionalste Medium der Kommunikation zwischen meinem Verstand und meiner Seele sowie zwischen mir und meinen Mitmenschen.

 

Warum machen die Menschen Musik?

SCHATTEL: Musik ist ein bedeutsames Ausdrucksmittel des Menschen. Musik und musikalische Betätigung ist Teil menschlichen Lebens. So vielfältig wie menschliches Leben ist auch die Musik. Kein Mensch kommt ohne sie aus. Als Ausdrucksform der Emotion kommt jeder Mensch in Berührung mit Musik – und wenn es nur der „Gesang des Fanblocks“ im Fußballstadion ist. Menschen machen Musik und singen, weil sie gar nicht anders können – denn sie sind Menschen.

 

Warum benötigt die Gesellschaft Musik?

SCHATTEL: Musik, die man gemeinsam macht, fördert den emotionalen Zusammenhalt der Menschen. Wer zusammen mit anderen musiziert, achtet auf den anderen, stellt sein eigenes Tun in den Dienst einer größeren, gemeinsamen Sache, entwickelt Sensibilität, Durchhaltekraft, kurzum: soziale Kompetenz, ohne die eine Gesellschaft nicht überlebensfähig ist. Musik ist zwar nicht allein selig machend, aber ohne sie wäre die Gesellschaft um einen wichtigen Kulturbereich ärmer.

 

Welche Auswirkungen kann Musik auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen haben?

SCHATTEL: Musik fördert das Selbstbewusstsein im Sinne von: sich seiner selbst bewusst werden. Sie sorgt für einen geordneten Umgang mit der eigenen Emotionalität, für Gemeinschaftssinn und die bereits angesprochene soziale Kompetenz. Musik ist Ausgleich zu den intellektuellen Herausforderungen, die das heutige Leben und der Schulbetrieb an die Heranwachsenden stellen. Sie bietet Freiraum zum Menschsein bis hin zur Entdeckung und Entwicklung eigener, neuer, bislang verborgen gebliebener Stärken und Talente.

 

Kann Musik auch Einfluss auf schulische Leistungen nehmen?

SCHATTEL: Wissenschaftlich belegt ist die Tatsache, dass Musik, das eigene Musizieren und vor allem das Singen Gesundheit und Intelligenz fördern. Das gemeinsame Musizieren hat einen positiven Einfluss auf die gesamte emotionale, seelische und geistig-intellektuelle Entwicklung eines jungen Menschen. Wer täglich musiziert oder singt, und womöglich etliche Stunden in der Woche übt, muss keineswegs um seine Schulleistungen bangen. Die Disziplin, die das eigene Musizieren von einem jungen Menschen verlangt, macht sich auch in anderen Lebensfeldern positiv bemerkbar.

 

Kann Musik auch in der Erziehung eine Rolle spielen?

SCHATTEL: Drehen wir den Spieß um und fordern: Musik muss in der Erziehung eine zentrale Rolle spielen! Insbesondere müsste mit Kindern von klein auf bis mindestens Ende der Grundschulzeit täglich eine Stunde gesungen werden. Wären wir in Deutschland schon so weit, dann hätten wir keinen PISA-Schock erlitten. Auch wenn am Anfang das Singen stehen muss, so sollte jedem Kind darüber hinaus die Möglichkeit gegeben werden, ein Instrument zu erlernen.

 

Wie kann sich Musik auf kranke oder ältere Menschen auswirken?

SCHATTEL: Insbesondere das eigene und gemeinsame Singen ist ein wahrer Gesundbrunnen. Es stärkt – auch das ist wissenschaftlich mehrfach erwiesen und bestätigt – die körpereigenen Abwehrkräfte, fördert unter anderem die Produktion von Endorphinen, den sogenannten Glückshormonen. Jeder, der einmal eine halbe Stunde stressfrei, aber mit vollem Einsatz intensiv gesungen hat, kennt das Glücksgefühl und Wohlbefinden danach. Singen macht nicht nur glücklicher, sondern auch gesünder. Ähnliches gilt für alle anderen Arten des musikalischen Tuns. Gerade ältere Menschen fördern und erhalten damit ihr geistige Beweglichkeit und psychische Stabilität – und: Musizieren aktiviert das Langzeitgedächtnis.

 

Welche Bedeutung kommt dem Ehrenamt im musikalischen Bereich zu?

SCHATTEL: Das Ehrenamt schafft den notwendigen Rahmen für das musikalische Tun. Ohne Ehrenamt gäbe es keine so wunderbar blühende Kultur- und Musiklandschaft in Baden-Württemberg. Es kann nicht genug gelobt werden und braucht höchste gesellschaftliche Anerkennung.

Können Projekte wie der Ehrenamtspreis ehrenamtliches Engagement in der Gesellschaft fördern?

SCHATTEL: Wer ehrenamtlich tätig ist, tut das aus persönlichem Antrieb heraus. Der Ehrenamtspreis ist aber eine der unbedingt notwendigen gesellschaftlichen Anerkennungen. Daher begrüße ich ausdrücklich die Auslobung dieses Preises als unerlässlichen Motivationsschub und eine Würdigung wertvollster Arbeit.

 

Bewerbungen und Vorschläge für den Ehrenamtspreis unter dem Motto „Für Musik begeistern“ nimmt der Teckbote per E-Mail an redaktion@teckbote.de oder unter folgender Adresse entgegen: Alleenstraße 158, 73230 Kirchheim unter Teck.

Bertram Schattel war noch bis vor Kurzem als Chorleiter der Liederlust Ohmden tätig. Fotos: Markus Brändli/Archiv
Bertram Schattel war noch bis vor Kurzem als Chorleiter der Liederlust Ohmden tätig. Fotos: Markus Brändli/Archiv

Zur Person

Bertram Schattel ist 56 Jahre alt und lebt in Kirchheim. Dort unterrichtet er an der Musikschule und privat Klavier und Gesang. Er studierte an der Musikhochschule Stuttgart. Neben seiner Arbeit als Musikpädagoge ist Bertram Schattel vor allem als Komponist tätig. Außerdem ist er Fachmann für Musiktheater für Kinder und Jugendliche. Zu seinen herausragenden Werken zählen über 20 Kinder- und Jugendmusiktheaterstücke, zwei Ballette, eine Rock-Pop-Messe und diverse Kantaten sowie zahlreiche Chor- und Instrumentalkompositionen. Als Komponist gewann er mehrere Preise für seine Chormusik. Bertram Schattel wirkte darüber hinaus als Chorleiter zahlreicher Chöre, zuletzt bei der Liederlust Ohmden, und zeichnete für zahlreiche Chorkonzerte verantwortlich.