Lokales

Kein reiner Konsum: Jugendliche gestalten Kulturprogramm

"Jugend und Kultur" diese beiden Begriffe sind der Dreh- und Angelpunkt im Kirchheimer Jugendhaus Linde. Die Kultur hat jetzt im Keller eine weitere Bühne bekommen, und das Alter der "Jugend" wird dabei großzügig definiert: Zielgruppe der "Kulturkeller"-Veranstaltungen sind die 16- bis 35-Jährigen.

ANDREAS VOLZ

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KIRCHHEIM Vor rund 20 Jahren trafen sich Kirchheimer Jugendliche regelmäßig in der "Grotte", um in einem geschützten Raum bei Kneipenatmosphäre aber nicht bei Kneipenpreisen einen wichtigen Teil ihrer Freizeit zu verbringen. Später, nachdem der Betrieb der "Grotte" eingestellt war, versank der Gewölbekeller in einen längeren Dornröschenschlaf, aus dem er erst jetzt wieder wachgeküsst wurde.

Statt eines Märchenprinzen kamen zu diesem Zweck aber gleich "Die 2wei" in die Linde Jörg Weigele aus Kirchheim und Raphael Lindeke aus Esslingen. Bei der Eröffnungsveranstaltung vor geladenen Gästen lebten sie ihre Freude am gemeinsamen Gesang wie am gemeinsamen Gitarrenspiel voll aus und begeisterten das Publikum mit ihrem virtuosen Vortrag gecoverter Hits aus den vergangenen vier Jahrzehnten.

Die notwendige Vorarbeit für den Premierenabend leistete das Jugendhausteam mit tatkräftiger Unterstützung vieler jugendlicher Helfer. In Eigenleistung haben sie den Keller wieder salonfähig gemacht. Künftig werden die Jugendlichen auch das Programm im Kulturkeller weitgehend selbstständig planen. Das gehört mit zur Konzeption des Jugendhauses und des Kulturkellers, wie Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker in ihrem Grußwort zur Eröffnung ausführte: "Hier gibt es kein reines Konsumverhalten. Es ist ein Ort, wo die Jugend mitgestalten und lernen kann, Veranstaltungen zu organisieren. So steigern die Jugendlichen auch ihr Selbstwertgefühl."

Die Jugend habe sich stark verändert. Herkömmliche Familienstrukturen seien teilweise völlig weggebrochen. Die heutige Jugend führe auch keinen Kampf mehr für autonome Jugendhäuser oder gegen die ältere Generation und den "Muff unter den Talaren". Die daraus resultierende Neukonzeption der Linde sei nicht überall auf Zustimmung gestoßen, führte die Oberbürgermeisterin weiter aus. Doch ob "Mehrgenerationenhaus" oder reine "Jugendfabrik" wichtig sei, "dass die Linde eingebunden ist in den Gesamtansatz der Jugendarbeit in der Stadt Kirchheim".

Dass mehrere Generationen zugleich das Jugendhaus nutzen können, hatte zuvor bereits Matthias Altwasser, der Hausleiter der Linde, angesprochen: Er kündigte zum Beispiel ein "Klassikfrühstück" am 3. Juli an, das "eine Gothicgruppe gemeinsam mit Senioren gestaltet". Bei solchen Ideen handelt es sich keineswegs um einmalige Begegnungen der unheimlichen Art oder um Wunschträume von Sozialpädagogen. Während eines Pressegesprächs am Rande der Eröffnungsfeierlichkeiten meinten die Jugendlichen selbst, dass sie bei einem Jazzkonzert im Kulturkeller auch gerne den eigenen Vater oder den 60-jährigen Nachbarn treffen würden.

Jazz oder Blues stehen bei den Besuchern hoch im Kurs, hat Jugendhausmitarbeiterin Jutta Deuschle festgestellt. Aber generell sollen im Kulturkeller Gruppen aller Musik-Spektren zu hören sein. Für die Jugendlichen sei es auch "eine Versuchsmöglichkeit, mit eigenen Bands aufzutreten". Eines ist den Betreibern des Kellers besonders wichtig: Sie wollen ein zusätzliches kulturelles Angebot in Kirchheim schaffen, ohne den bestehenden Institutionen das Publikum abzuwerben.

Der "Kulturkeller unter der Linde" bietet jeden Donnerstag Programm. Außer Konzerten gehören dazu auch Lesungen, Kabarett oder Vorträge. Danny Hughes, einer der Jugendlichen, hat schon konkrete Vorstellungen: "Es soll nicht nur Spaßkultur geben, sondern auch einmal einen Abend zum Thema ,Kriegsende', mit Zeitzeugen."

Weitere Erfahrungen, die die jungen Leute im Kulturkeller sammeln können, betreffen das Führen einer Kneipe beim donnerstäglichen Thekendienst oder auch den Verzicht auf blauen Dunst. Der Keller ist nämlich gänzlich rauchfrei. "Das funktioniert", sagt Jutta Deuschle. "Wir hatten ein Heavy-Metal-Konzert als Generalprobe. Da hat keiner geraucht."