Lokales

Keine "Geschäftemacherei mit dem Sterben"

Der medizinische Fortschritt hat es möglich gemacht, Krankheiten zu heilen, die bis vor wenigen Jahren als unheilbar galten. Doch die Intensiv- und Apparatemedizin hat auch eine Kehrseite: Sie kann Leiden und Sterben auch verlängern. Was aber, wenn ein todkranker Mensch sein Leiden verkürzen will? Oder aber eine solche Entscheidung nicht mehr selber treffen kann, weil er im Koma liegt?

VOLKMAR SCHREIER

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KIRCHHEIM Als Experten zum Thema "Das Recht auf Leben und die Sterbehilfe" hatten im Alten Gemeindehaus in Kirchheim die Stuttgarter Rechtsanwältin Petra Vetter, der Bundestagsabgeordnete Markus Grübel und der Theologe Dr. Günther Renz von der Akademie Bad Boll auf dem Podium Platz genommen. Der Kirchheimer Rechtsanwalt Werner Dohrn moderierte die Diskussionsrunde, die das Evangelische Bildungswerk im Landkreis Esslingen veranstaltetete.

Der Teufel steckt im Detail: Entscheidet ein todkranker Mensch bei vollem Bewusstsein, sein Leben nicht mehr weiterleben zu wollen und eine lebensverlängernde Therapie abzubrechen, so ist dies eine aktive Willensäußerung, die seine Umwelt respektieren muss. "Selbstbestimmtes Sterben in Würde ist ein Rechtsanspruch, der auch gerichtlich erzwungen werden kann", brachte Petra Vetter, Rechtsanwältin für Medizinrecht, die Rechtslage auf den Punkt. Problematisch wird es jedoch, wenn sich ein Betroffener nicht mehr selbst äußern kann. Dürfen die lebenserhaltenden oder -verlängernden Maßnahmen eingestellt werden? Vor diese Frage sehen sich immer wieder Angehörige, Betreuer und Ärzte gestellt, wenn keine Aussicht auf Heilung mehr besteht und der Betroffene nicht mehr ansprechbar ist.

Im Vorteil ist, wer eine Patientenverfügung hinterlegt hat. Sie gibt Auskunft darüber, ob weiterbehandelt werden soll oder nicht. Gibt es jedoch keine Verfügung, muss der mutmaßliche Wille des Patienten ermittelt werden, also, wie sich der Betroffene wohl entschieden hätte, wäre er bei vollem Bewusstsein in dieser Situation. Nur wenn diese Frage beantwortet ist, darf eine Behandlung oder die Nahrungs- und Flüssigkeitszufuhr straffrei eingestellt werden.

Allerdings ist eine Patientenverfügung nicht immer unbedingt rechtlich verbindlich. "Hier fehlt eine rechtliche Absicherung, zum Teil haben wir es hier auch mit widersprüchlichen Gerichtsurteilen zu tun", erklärte Markus Grübel, der als Abgeordneter Mitglied in der Enquetekommission "Ethik und Recht der modernen Medizin" des Bundestags ist. Die Kommission hat deshalb Empfehlungen entwickelt, welche formalen Kriterien eine Patientenverfügung erfüllen soll, um gültig zu sein. Insbesondere sollte sie schriftlich und unterschrieben vorliegen und möglichst aktuell datiert sein.

Patientenverfügungen sollten, so Grübel, generell in ihrer Reichweite eingeschränkt sein, das heißt, das Grundleiden eines Betroffenen muss irreversibel sein und trotz medizinischer Behandlung zum Tod führen. Nur dann solle eine passive Sterbehilfe erlaubt werden. Ausdrücklich sollen jedoch Krankheitsbilder wie Wachkoma oder Demenz von der Straffreiheit ausgenommen bleiben.

Für den Theologen Günter Renz ist passive Sterbehilfe dann in Ordnung, wenn in den natürlichen Ablauf des Sterbens nicht mehr eingegriffen wird und eine Patientenverfügung existiert. "Ein Mensch darf irgendwann auch sagen: ,Ich habe genug'", so Renz. Dabei müsse die Würde des Sterbenden im Vordergrund stehen und damit auch die Frage: "Was kann beim Sterben helfen?" Für Renz sind dies in erster Linie die Freiheit von Schmerzen, Zuwendung und das Verbringen der letzten Zeit in einer gewohnten und vertrauten Umgebung.

Hier legt Renz den Fokus zum einen auf die Palliativmedizin und zum anderen auf die Arbeit der Hospizbewegung. Ein Skandal ist für ihn, dass die Palliativmedizin, also die reine Schmerztherapie, durch die Fallpauschalen nicht ausreichend finanziert wird: "Patienten werden oftmals zum Sterben aus der Klinik in ein Pflegeheim verlegt." Auch die ambulante Versorgung müsse hier deutlich verbessert werden. Wichtig ist für ihn auch die Unterstützung der Arbeit der Hospize und Hospizgruppen, die die Sterbenden begleiten und ihnen beistehen.

Einig waren sich die Experten beim Thema aktive Sterbehilfe: Diese bleibt ein Tabu und soll auch in Deutschland, anders als in einigen Nachbarländern, nicht legalisiert werden. Petra Vetter wehrt sich gegen Sterbehilfeorganisationen wie die schweizerische "Dignitas", deren Arbeit sie als "Geschäftemacherei mit dem Sterben" bezeichnet. "Dignitas" betreibe aktive Sterbehilfe in Form des "assistierten Suizids". Einen positiven Effekt sieht sie jedoch im Auftauchen der Organisation in Deutschland: Sie hofft, dass die Diskussion über Sterbehilfe dem Ausbau der palliativmedizinischen Versorgung in Deutschland Rückenwind verschafft. Auch Markus Grübel baut darauf, dass in Zukunft die Aus- und Fortbildung von Ärzten und die gesetzlichen Grundlagen der Schmerztherapie verbessert werden. Und Günter Renz wünscht sich, dass Palliativmedizin und Hospizbewegung der aktiven Sterbehilfe "das Wasser abgraben".