Lokales

Keine Heimat, weder hier noch dort

Flüchtlinge im Kirchheimer Übergangswohnheim haben in der Weihnachtszeit wenig zu feiern

Viele Menschen warten in der Kirchheimer Charlottenstraße auf den Ausgang ihres Asylverfahrens. Für sie unterscheidet sich die Weihnachtszeit nur wenig vom Rest des Jahres. Ihr Leben besteht aus Warten.

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Antje Dörr

Kirchheim. Wenn Susanna A. (alle Namen geändert) von Weihnachten in Afrika erzählt, kehrt Leben in die sonst so stille Frau zurück. Ihr Gesicht strahlt, die kunstvollen Locken hüpfen, die Hände fliegen.

Es scheint, als könne die junge Nigerianerin der Gegenwart für einen Moment entfliehen. Einer Gegenwart, in der sie kein Geld hat, um die Zutaten für das traditionelle afrikanische Reisgericht mit Fleisch in Tomatensoße zu kaufen. Einer Gegenwart, in der es keine Freunde gibt, an die sie es verteilen könnte, wie sie es sonst immer tut. Keine Familie, mit der sie in die Kirche gehen kann. Keine Heimat, weder hier noch dort.

Susanna A. sitzt in einer kargen Küche und starrt die Wand an. Die könnte einen neuen Anstrich vertragen. Es riecht nach Frittierfett und scharfen Gewürzen. Die Mitbewohnerin aus Sri Lanka kocht gerade das Abendessen. Die afrikanische Weihnachtsgeschichte ist vorbei, Susanna ist zurück in der Realität.

Die Realität, das ist das Übergangswohnheim in der Kirchheimer Charlottenstraße. Hier lebt Susanna, zusammen mit etwa 100 weiteren Flüchtlingen aus aller Welt, und wartet darauf, ob sie und ihre beiden kleinen Töchter in Deutschland Asyl bekommen oder nicht. Im Warten hat die Afrikanerin inzwischen Übung. Da spielt das Warten auf Weihnachten keine große Rolle mehr.

Auf die Frage, wie sie das Fest verbringen werde, zuckt die gläubige Christin nur mit den Schultern. Wünsche habe sie nur einen, sagt sie: Frieden. Ihre beiden Töchter freuen sich dennoch auf Weihnachten. „Neulich kam der Nikolaus in den Kindergarten“, erzählt die fünfjährige Joy. Dort hat sie auch gelernt, wie man „Oh Tannenbaum“ singt. Auch im Übergangswohnheim gibt es eine Weihnachtsfeier, mit Gesang und Weihnachtsmann. Der sorgt dafür, dass die Kinder die Geschenke bekommen, die ihre Eltern ihnen nicht kaufen können.

Mariza B. ist mit ihrer Familie aus Serbien geflohen. Seit drei Jahren wartet sie mit ihrem Mann und ihrer Tochter auf den Ausgang ihres Asylverfahrens. „Das Warten ist am schlimmsten“, sagt sie. Die Langeweile ist ihr täglicher Begleiter, und die Angst davor, morgens ihren Briefkasten zu öffnen. „Wenn unser Asylantrag abgelehnt ist, will ich es gar nicht wissen“, sagt Mariza.

Die Katholikin bereitet das kleine Reich der Familie auf das große Fest vor. Und auf den Weihnachtsbaum, den sie zwei Tage davor im Geschäft abholen darf. Eine Freundin vom Arbeitskreis Asyl hat ihn ihr geschenkt. Ein wenig Schmuck hat Mariza B. sich dieses Jahr geleistet. Am Heiligabend will sie etwas Schönes kochen: Sarma, ein traditionelles serbisches Gericht, und Gans. Ob sie in die Kirche geht, weiß die Katholikin noch nicht. „Irgendwann gibt man die Hoffnung auf“, sagt sie.

Das kleine Zimmer der Familie ist Wohnzimmer, Schlafzimmer, Esszimmer und Arbeitszimmer in einem. In einer Ecke steht ein Sofa, gegenüber der Fernseher. Die Tochter hat einen kleinen Schreibtisch, an dem sie ihre Hausaufgaben macht. Die Kleidung der Familie muss in einem Schrank Platz finden. Drei Matratzen stehen an die Wand gelehnt. In drei Jahren haben Mariza B. und ihre Familie verschiedene Wohnheime kennengelernt. Selten hatten sie mehr als 15 Quadratmeter zur Verfügung.

Einen Hoffnungsschimmer gab es in diesem Jahr: Mariza B.‘s Mann hat Arbeit gefunden. Es ist nur eine 400-Euro-Stelle, aber für die Familie bedeutet sie etwas finanzielle Unabhängigkeit. Und Slawko B. ist froh, etwas zu tun zu haben. Flüchtlinge im Asylverfahren bekommen im Monat rund 41 Euro Taschengeld. Da sie davon ihre Anwaltskosten bezahlen müssen, bleibt für die Erfüllung privater Wünsche nicht viel übrig. Mariza B. hat eigentlich nur einen Wunsch: Dass sie mit ihrer Familie eine Aufenthaltsgenehmigung bekommt.

Jamela und Kamal A. stammen aus dem Irak. Der 24. Dezember hat sich für immer in ihr Gedächtnis eingebrannt. Einerseits, weil er das Ende ihrer Flucht markierte. Andererseits, weil sie sich den ersten Tag ihres neuen Lebens in Deutschland anders vorgestellt hatten. Am 24. Dezember 2007 kam die Familie mit ihren beiden Töchtern in der zentralen Aufnahmestelle in Karlsruhe an und bat um Asyl. Es war früher Nachmittag, das Mittagessen war längst vorbei. Während in den Häusern Familien ihre Bäume schmückten, irrten die Eltern durch die fremde Stadt und suchten nach einem Geschäft, in dem sie etwas zu essen kaufen konnten.

„Es war furchtbar“, erinnert sich Jamela A. Die Aufnahmestelle in Karlsruhe war völlig überfüllt. Die Beamten wiesen der Familie einen zugigen Raum ohne Schloss zu. „Die ersten Tage habe ich nur geweint“, erzählt Jamela A. Zwei Monate musste die Familie in Karlsruhe bleiben, bis sie nach Kirchheim weitervermittelt wurde. Verglichen mit Karlsruhe sei es ihnen dort wie im Paradies vorgekommen, berichten Jamela und Kamal A. Den Heiligen Abend verbringt die Familie wieder an dem Ort, an den sie eigentlich nie wieder zurückkehren wollte: Ein deutsches Ehepaar hat sie zu sich nach Karlsruhe eingeladen.