Lokales

„Keine Regierung ohne SPD“

Genossen im Wahlkreis Kirchheim schicken Sabine Fohler und Andreas Kenner in den Landtagswahlkampf

Die Sozialdemokraten im Wahlkreis Kirchheim waren sich sicher: Mit diesen beiden Kandidaten wollen sie in den Wahlkampf ziehen – und gewinnen. Daher ist das Ergebnis fast einstimmig ausgefallen. Sabine Fohler aus Reichenbach geht als Erstkandidatin ins Rennen. Auf Platz zwei tritt der Kirchheimer Andreas Kenner an.

richard umstadt

Köngen. Die Bewerber für die Erst- und Zweitkandidatur standen bei der Nominierungskonferenz in der Köngener Zehntscheuer fest. Gegenbewerber gab es keine, insofern hielt sich die Spannung in Grenzen – im Gegensatz zur Nominierung vor fünf Jahren. Damals war Sabine Fohler im Rennen um Platz zwei gegen And­reas Kenner angetreten und hatte sich knapp durchgesetzt. Diesmal waren die Ränge und Rollen klar verteilt und der Blick der rund 70 Genossen richtete sich zuversichtlich vorwärts. Begeistert sprach denn auch SPD-Kreisvorsitzender Michael Wechsler von einem „guten Startschuss“ und forderte die Sozialdemokraten auf, in den Landtagswahlkampf noch „deutlich mehr Musike“ reinzubringen. „Es lohnt sich, zu kämpfen“, war Wechsler mit Blick auf den Ausgang der Wahl in Nordrhein-Westfalen sicher.

Zum klaren Ziel der Sozialdemokraten im Land „Keine Regierungsbildung ohne SPD“ wollte auch Sabine Fohler ihren Beitrag leisten. Die 46-jährige Reichenbacherin, die vor zwei Jahren für Carla Bregenzer in den Landtag einzog, kritisierte mit Verweis auf die Kies-Affäre und das Lavieren bei der Steuer-CD „Mappus‘ beispiellosen Fehlstart“ und geißelte die liberale Klientelpolitik der FDP. „Wir brauchen keine sogenannten Steuergeschenke auf Pump. Was wir brauchen, ist eine solide Finanzpolitik.“ Unterm Strich fällt für Sabine Fohler die 100-Tage-Regierungsbilanz mager aus: „Viel gestritten, wenig entschieden.“

Die Abgeordnete, die auch im Reichenbacher Gemeinderat sitzt, sah sich selbst als „überzeugte Kommunale“. „In den Gemeinden und Städten erfahren die Menschen die Auswirkungen der Bundes- und Landespolitik in direkter Weise.“ Bei ihren vielen Gespräche im Wahlkreis habe sie spüren können, „die Menschen sind stolz auf Baden-Württemberg und das, was sie durch ihre Arbeit geschaffen haben“. Es sei aber nicht der Verdienst der CDU, wenn hier überdurchschnittlich viele Bürger im Wohlstand leben, sondern der Menschen selbst. Freilich habe das Fundament dieses Wohlstands Risse bekommen. Fohler nannte Armut, vor allem Kinderarmut, Arbeitsplatzverlust, Firmeninsolvenzen, windige Kredite und die Sorgen vieler Eltern „welche Chancen hat mein Kind auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt?“

Für die SPD-Abgeordnete, Mitglied im Landtags-Ausschuss für Wissenschaft, Forschung und Kunst, bildeten die Themen Ausbildung und Bildung Schwerpunkte ihrer Arbeit. „Es reicht nicht, die Probleme formelhaft gesundzubeten“, so Sabine Fohler. Scharf kritisierte sie das Bildungssystem, in dem die soziale Herkunft und der Geldbeutel der Eltern über die Bildungschancen der Kinder entscheiden. In Baden-Württemberg haben 30 Prozent der Schüler einen Migrationshintergrund. Davon besuchen nur 13 Prozent ein Gymnasium, wohingegen 40 Prozent der einheimischen Kinder ins Gymnasium gehen. Und die soziale Selektion setzt sich fort: Von 100 Akademikerkindern würden 71 studieren, von 100 Arbeiterkindern aber nur 24. Fohler lehnte deshalb Studiengebühren vehement ab und forderte eine strukturelle Veränderung in der Bildungspolitik. „Die Landesregierung versucht einen unfähigen Kultusminister durch eine lächelnde Ikone aus Bayern zu ersetzen. Damit lässt sich im Bildungssektor nichts erreichen“, meinte die Erstkandidatin unter dem Beifall ihrer Zuhörer.

Im Bereich Werkrealschule sah die Sozialdemokratin eine weitere bildungspolitische Baustelle – „und es gibt viele davon“. In diesem Zusammenhang bemängelte sie, dass von 49 Hauptschulstandorten im Landkreis mittelfristig 24 zur Disposition stehen. „Dies dürfen wir nicht zulassen. Hier steht die SPD an der Seite der Kommunen.“

Auch in der Energiepolitik will die SPD die politischen Voraussetzungen für eine Wende zu erneuerbaren Energien schaffen, dem „Jobmotor für Mittelstand und Handwerk“. „Wie lange soll denn der Übergang noch dauern?“ fragte Sabine Fohler in Richtung „Speerspitze der Atomlobby“, die Liberalen und Mappus‘ CDU.

Die kämpferische Rede der Abgeordneten und Erstkandidatin wurde nicht nur mit großem Applaus bedacht. Die Zustimmung der Genossinnen und Genossen äußerte sich auch im Wahlergebnis. Von 68 Stimmberechtigten erhielt sie 66 „Ja“-Stimmen bei einer Enthaltung und einem ungültigen Stimmzettel.

„Warum wird jemand Zweitkandidat?“ Dafür nannte das Kirchheimer Bastions-Urgestein Andreas Kenner einen für alle einsichtigen und stichhaltigen Grund: Der CDU-Platzhirsch der Teckstadt, Karl Zimmermann, habe ihm beim letzten Wahlkampf vorgehalten, die SPD habe nicht einmal einen Kandidaten, der in Kirchheim wohnt. „Ich wohne nicht nur hier, sondern ich werde ihm auch Stimmen wegnehmen“, war sich der stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende und Stimmenkönig im Kirchheimer Gemeinderat unter dem Beifall seiner Zuhörer sicher. Kenner warnte vor Schwarz-Grün und charakterisierte die Mitglieder der Ökopartei als Kleinbürger mit einem ökologischen Anstrich. „Die Grünen sind nicht die Partei der kleinen Leute und der Hartz-IV-Empfänger.“ Andererseits dürfe es nie wieder vorkommen, dass die SPD in einer großen Koalition die heißen Eisen anpacke und nachher mit einem Wahlergebnis von 23 Prozent dastehe, wie in der Bundestagswahl geschehen. Mit einem Blick nach links appellierte er an seine Partei, die Linken aus einer Koalition herauszuhalten. „Wir müssen den Leuten klarmachen, dass die arbeitnehmenden Menschen keine Linkspartei brauchen. Die SPD ist die Volkspartei“. Der Applaus zeigte And­reas Kenner, dass auch er seinen Parteifreunden Mut machen konnte. 65 Sozialdemokraten votierten für ihn, bei einer Enthaltung und einer Gegenstimme.

Sowohl Fohler als auch Kenner wissen, dass der Wahlkampf für die SPD kein Spaziergang werden wird. Grund dafür sind die Vergrößerung des Wahlkreises und das neue Wahlrecht. Vielleicht kommen da der Reichenbacherin die drei Flaschen „Rote Hexe“ gerade recht, die ihr Carla Bregenzer nach der Wahl für die „super Arbeit der letzten zwei Jahre und das super Nominierungsergebnis“ mit den Worten überreichte: „Der Landtag braucht dringend eine rote Hexe namens Sabine Fohler.“

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