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"Keine schnellen Lösungen vortäuschen"

Wie komplex Hochwasserschutz ist, musste der Lenninger Gemeinderat in seiner jüngsten Sitzung auf ein Neues erfahren. Zwar ist eine weitere Untersuchung nötig, allerdings liegen für Lenningen neue, exakte Daten vor, die eine wesentlich verbesserte Qualität der Maßnahmen versprechen.

IRIS HÄFNER

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LENNINGEN Auch wenn dem einen oder anderen Gemeinderat die Verzögerung der Planung nicht passt, bleibt in Anbetracht der vielschichtigen neuen Sachlage keine Alternative, als hydrologische und hydraulische Untersuchungen bei Wald und Corbe, Ingenieurbüro für Wasserbau, Wasserwirtschaft und Tiefbau, in Auftrag zu geben.

Mit der Planung für die Hochwasserschutzmaßnahmen für den Bereich Ehnisbach in Unterlenningen und dem damit zusammenhängenden Gewässerentwicklungsplan für Lenningen wurde schon vor geraumer Zeit das Büro König und Partner beauftragt. Die nun vorgestellte dezentrale Hochwasserschutzplanung für den Ehnisbach wurde Ende vergangenen Jahres entwickelt. Sechs Rückhaltebecken sind vorgesehen, die zusammen ein Volumen von etwa 7000 bis knapp 10 000 Kubikmeter Wasser fassen. In die Landschaft wird bei diesem Konzept möglichst wenig eingegriffen. Statt "Löcher" zu graben werden Feldwege auf einer bestimmen Länge und bei einer maximalen Höhe von zwei Metern als eine Art Damm genutzt. Die dadurch entstandenen kleinen Rückhaltebecken werden im Verlauf wie die Feldwege modelliert, ehe sie je nach Landschaftsverlauf auf den bestehenden Stand abgeflacht werden. "Das entsprechende Rückhaltevolumen soll auf Geländeniveau in die Landschaft integriert werden und zwar möglichst ökologisch vertretbar", brachte es Joachim König auf den Nenner. Deshalb wurde bewusst auf Vertiefungen verzichtet.

Das Einzugsgebiet des Ehnisbach beträgt weniger als zehn Quadratkilometer. "Die Hochwasserspitze kommt daher kurz und schnell. Um die Spitze brechen zu können, sollte das Wasser zurückgehalten werden", begründete der Ingenieur seine Überlegungen. Zudem soll der Bachlauf, insbesondere im unteren Lauf, naturnah ausgebaut werden.

Als die Planung stand, hat das Büro König und Partner im Dezember vergangenen Jahres mit dem Landratsamt Esslingen Kontakt aufgenommen, um weitere Fördermöglichkeiten abzuklären. Wegen der Verwaltungsreform ist dort auch vieles über Monate liegen geblieben. "Der einstmals zuständige Beamte des Kirchheimer Wasserwirtschaftsamtes, der die Gegebenheiten vor Ort gut gekannt hat, sitzt nun in Stuttgart", beschrieb Joachim König die Situation. Sein Büro musste nicht nur erst neue Kontakte herstellen, sondern dem zuständigen Beamten eine Einarbeitungszeit zugestehen. Um an die Fördertöpfe des Landes zu kommen, muss außerdem eine Kosten-Nutzen-Analyse vorliegen, der ein kompliziertes Rechenverfahren zu Grunde liegt.

Im Dezember erhielt das Ingenieurbüro vom Landratsamt dann eine CD, die sämtliche Geländedaten von Lenningen beinhaltet. Im April 2003 hatte das Land Baden-Württemberg in einer Gemeinschaftsaktion mit den Kommunen eine Laserscanbefliegung in Auftrag gegeben, die bis zum Jahr 2010 das Land flächendeckend erfasst. In einem Raster von ein mal einem Meter werden dabei die Höhen digital registriert. "Damit wurde uns ein Werk an die Hand gegeben, womit wir Weppach und Krötenbach noch detaillierter untersuchen können", nannte Joachim König die enormen Vorteile. Dadurch lassen sich beispielsweise Hangneigungen ermitteln, die wiederum für die Geschwindigkeitsberechnungen des Wassers wichtig sind.

Doch der Neuerungen nicht genug. Bei einem Telefonat im Esslinger Landratsamt erfuhr Joachim König eher zufällig, dass die Stadt Kirchheim eines der wenigen fachkompetenten Ingenieursbüros, Wald und Corbe, das mit der Universität Karlsruhe zusammenarbeitet, mit einer umfangreichen Flussgebietsuntersuchung betraut hat. "Kirchheim ist in Sachen Lindach aktiv, weil hier ein dringender Bedarf vorliegt. Somit ist alles ins Rollen gekommen", erklärte der Planer. Doch auch die Lauter ist für den "Unterlieger" Kirchheim von Bedeutung. Erst dank dieser Konstellation ist die Flussuntersuchung in großem Stil auch für Lenningen möglich geworden.

Das Honorar für die weiteren hydrologischen und hydraulischen Untersuchungen beläuft sich auf voraussichtlich rund 27 000 Euro. Sollte es aber an die Flussgebietsuntersuchungen Kirchheims angehängt werden können, steht ein fünfzigprozentiger Zuschuss in Aussicht. "Die Berechnungen anhand der Datenfülle sind außerordentlich kompliziert. Gerademal eine Hand voll Leute können das in Baden-Württemberg", erklärte Joachim Kaiser. In diesem Stadium der Planung hätte sein Büro ohnehin einen Spezialisten für weitere Berechnungen gebraucht. "Das ist vergleichbar mit einem Architekten, der einen Statiker beauftragt", verdeutlichte der Landschaftsplaner. Dank der vielen Daten biete sich zudem die Chance einer "ganzheitlichen Behandlung" der Problematik. "Wir können alles nun mit einer ganz anderen Qualität betrachten", so Joachim König.

Auch Lenningens Bürgermeister Michael Schlecht warb für die Beteiligung des Büros Wald und Corbe aus Hügelsheim. "Die Stadt Kirchheim hätte viel früher mit uns gemeinsam planen sollen, denn als Unterlieger ist das ja in ihrem eigenen Interesse. Eine gemeinsame Maßnahme ist sinnvoll. Wenn man nicht hier interkommunal zusammenarbeitet, wo dann?", erklärte er. Gleichzeitig dämpfte er die Hoffnung, dass die Hochwasserschutzmaßnahmen innerhalb kurzer Zeit über die Bühne gehen. "Das ist eine Generationenaufgabe. Deshalb sollten wir einen Weg einschlagen, der zukunfts- und tragfähig ist und den Bürgern keine schnelle Lösung vortäuschen. Eine gute Planung ist dafür die Voraussetzung", stellte er klar.

Nach einer teilweise recht kontrovers geführten Diskussion stimmte der Gemeinderat bei zwei Enthaltungen den weiteren Untersuchungen zu.