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Keine Zweifel: "Es war richtig und notwendig"

"Der Bundestag ist aufgelöst", verkündete Bundespräsident Horst Köhler am Donnerstagabend und ordnete Neuwahlen für den 18. September an. Bei einer Blitzumfrage in der Kirchheimer Fußgängerzone wollten wir von Passanten wissen, was sie von dieser Entscheidung "zum Wohle unseres Volkes" halten.

BIANCA LÜTZ

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KIRCHHEIM "Das war ja kein Regieren mehr", findet Johanna Höchst, "ich habe mich jeden Tag aufgeregt". Die 74-Jährige hält die Entscheidung Horst Köhlers "auf jeden Fall" für richtig. Was die Zukunft O:22070779.JP_anbelangt, ist die Kirchheimerin jedoch noch unsicher: "Ich bin mir nicht einig, was ich wählen soll", gesteht sie. Am Wichtigsten ist es ihr, "dass Rente und Arbeit in Ordnung kommen" und auch junge Leute wieder Arbeitsplätze finden.

"Viel zu spät", lautet der Kommentar von Sven Lierzer. Aus Sicht des 23-jährigen Studenten der Politikwissenschaft hätte ein solcher Schritt schon viel früher kommen müssen. Hält der Kirchheimer die Entscheidung Köhlers "realpolitisch" für sinnvoll, so ist er aus verfassungsrechtlicher Perspektive noch gespannt auf das noch ausstehende Urteil der Richter in Karlsruhe. Davon, O:22070778.JP_dass die Neuwahlen einen Regierungswechsel mit sich bringen, ist Sven Lierzer jedoch überzeugt. Sein Tipp für die Wahl lautet: "schwarz-gelb", sein Wunsch dagegen : "schwarz-grün".

Rudi Wißmann, SPD-Abgeordneter im Aichtaler Gemeinderat, findet: "Die großen Probleme sollten von den großen Parteien gemeinsam gelöst werden." Köhlers Entscheidung findet der 57-Jährige gut, im Ergebnis wäre eine große Koalition aus seiner Sicht die beste Lösung. Große Probleme sind für Rudi Wißmann O:22070776.JP_der Mangel an Arbeitsplätzen, die wacklige Rente, fehlende Perspektiven für junge Leute und "zu wenig Engagement". Vor allem die Jugend solle sich wieder mehr politisch engagieren. Außerdem fürchtet er das Desinteresse der Menschen. Besonders wichtig ist für ihn daher eine hohe Wahlbeteiligung: "Die Leute sollen im Herbst zur Wahl gehen, damit klar ist, wohin es gehen soll."

"Es ist richtig", zollt seine Ehefrau Edda Wißmann Horst Köhlers Beschluss, das Parlament aufzulösen und Neuwahlen anzuordnen, Anerkennung. "Die Regierung hat ja keine Gesetze mehr durchgekriegt", begründet sie. Die 51-Jährige selbst O:22070777.JP_würde es begrüßen, wenn die SPD auch nach den Bundestagswahlen im Herbst an der Regierung bleiben würde, hält diese Möglichkeit aber für kaum denkbar: "Wahrscheinlich wird es einen Regierungswechsel geben", vermutet sie.

"Es war notwendig", kommentiert Günter Blum die Entscheidung Köhlers. "Wir brauchen Reformen", erläutert der 65-Jährige aus Wernau, und angesichts der starken Opposition sei Gerhard Schröder mit seiner Mannschaft nicht mehr so handlungsfähig gewesen, dass er NeueO:22070775.JP_rungen auf den Weg bringen konnte. "Es wird mit Sicherheit einen Regierungswechsel geben", prophezeit er. Dies bedauert er, denn "der Ansatz war ganz gut", sagt er im Hinblick auf die Agenda 2010. Dass eine CDU-Regierung die Arbeitslosigkeit besser in den Griff bekommt, glaubt Günter Blum nicht: "Das liegt auch an der Wirtschaft."

Angesichts von Arbeitslosigkeit und unzulänglichen Sozialsystemen ist für Vera Koch klar: "Irgendetwas muss sich ändern." Insbesondere für alte, kranke und behinderte Menschen sei die Lage schwierig, gibt die Kirchheimerin, die Pflegeleiterin einer Nürtinger Einrichtung ist, zu beO:22070774.JP_denken. Die Entscheidung Köhlers findet Vera Koch insofern gut, als die Menschen gefordert seien, sich mit der Lage auseinanderzusetzen und nachzudenken. "Man hat das Gefühl, es betrifft die Leute gar nicht", kritisiert sie häufiges Desinteresse. "Ich hoffe, die Leute gehen jetzt auch wählen", wünscht sie sich.

Auch Carsten Kärcher begrüßt die Neuwahlen. Er sieht darin eine "Chance, dass das Volk entscheiden kann, was es möchte". Er hofft, dass Bundesrat und Bundestag so leichter zu einer Entscheidung kommen. Dass O:22070773.JP_Deutschland in besonders schlechten Zeiten steckt, weist der Stuttgarter zurück. Vielmehr sei es die negative Einstellung der Menschen, die dem Land zu schaffen mache: "Wir sehen eher Begrenzungen als Möglichkeiten", bedauert der 39-Jährige. Ein Regierungswechsel könnte Deutschland aus dem Loch reißen: "Auf die Stimmung kommt es an", sagt er. Wenn Merkel es schaffe, Aufbruchstimmung zu erzeugen, täte das dem Land gut und: "Die Regierungsprogramme unterscheiden sich ohnehin nicht allzu sehr."

Fotos: Oskar Eyb