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Kiesel: "Natürlich profitiert nicht jeder"

Frisst die Globalisierung unsere Arbeitsplätze? die Frage interessierte am Samstag 250 Besucher des diesjährigen Esslinger Podiums in Zell. Beantwortet wurde die Frage erwartungsgemäß nicht.

GESA VON LEESEN

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ESSLINGEN Die Referenten, die der Einladung der christlichen Arbeitnehmerverbände gefolgt waren, zeigten deutlich die unterschiedlichen Herangehensweisen an den Globalisierungsprozess. Firmenvertreter stellten neue Wachstumsmärkte in den Vordergrund und forderten die Abschaffung von Schutzzöllen. Franz Josef Radermacher von der Initiative "Global Marshall Plan" warb für klare Regeln im internationalen Handel, da ansonsten nur einige wenige profitierten, die Masse der Menschen jedoch verarme. Und der Chef von Mustang, Heiner Sefranek, legte dar, wie ein Mittelständler in der Globalisierung überleben kann. Sefranek leitet in dritter Generation die Bekleidungsfirma Mustang. In den 80er-Jahren begann er mit großen Umstrukturierungen: "Wir forcierten die Internationalisierung, bauten Produktion im Ausland auf." Die letzte deutsche Produktionsstätte schloss man 1998. Der Preisdruck war zu groß. Heute beschäftigt das Künzelsauer Unternehmen 1 107 Mitarbeiter, 751 davon im Ausland. "Wir haben in Deutschland qualifizierte Arbeitsplätze geschaffen, im Saldo aber hiesige Beschäftigung abgebaut", sagte Sefranek.

Das widersprach den Ausführungen von Werner Faix von der Steinbeis-Hochschule Berlin. Faix kam anhand einer Befragung deutscher Firmen zum Ergebnis: "Unternehmen, die im Ausland produzieren, schaffen in Deutschland mehr Arbeitsplätze als sie einsparen". Absolute Zahlen legte er dazu nicht vor. Für künftige Erfolge deutscher Unternehmen im Ausland bräuchte man Bildung, Innovation und die richtigen Rahmenbedingungen. Die nannte IHK-Präsident Wolfgang Kiesel. Er mahnte niedrigere Steuersätze für Unternehmen, Reform der Sozialversicherungssysteme und Abbau von Handelsschranken an, um Wohlstand zu erhalten. Die Politik solle sich um die Verlierer der Globalisierung kümmern. Denn, so Kiesel: "Natürlich profitiert nicht jeder."

Natürlich fand Radermacher das nicht. Er will eingreifen und wirbt deshalb für den "Global Marshall Plan": Demnach kann nur eine weltweite ökosoziale Marktwirtschaft den Kollaps der Menschheit verhindern. Notwendig dafür sei zum einen Rücksicht auf die knappen Energieressourcen und die Umweltbelastung. Zum anderen müsse die breite Masse der Menschen vom erwirtschafteten Reichtum profitieren. Denn unregulierte Globalisierung ermögliche die Konzentration von Reichtum und ziehe bestehende Sozialsysteme nach unten: "Wenn 20 Prozent der Bevölkerung über 80 Prozent des Reichtums verfügen, geht das nicht lange gut". Genau so sehe die Welt aber derzeit aus. Eine der Folgen ungerechter Verteilung sei Terror.

Der "Global Marshall Plan" drängt darauf, dass bis 2015 die Millenniumsziele der Vereinten Nationen durchgesetzt werden (Beseitigung extremer Armut, Schulbildung für alle Kinder, ökologische Nachhaltigkeit). Die dafür benötigten 100 Milliarden Dollar jährlich sollten unter anderem durch Besteuerung globaler Finanztransaktionen erbracht werden. Radermacher: "Das ist möglich und die EU könnte damit anfangen." Zudem müssten der Internationale Währungsfonds, die Weltbank und die Welthandelsorganisation WTO sich auf soziale und ökologische Standards einigen.

Auch Oliver Schütz vom Dekanat Esslingen-Nürtingen mahnte zum Abschluss: "Nur wenn Freiheit, Friede und Gerechtigkeit garantiert sind, werden die Menschen Globalisierung akzeptieren."