Lokales

Kinder erzieht man nicht „einfach so“

„Fit4family“ hilft, Schwierigkeiten zu meistern, ehe daraus handfeste Probleme werden

Schlafprobleme, Streit zwischen Geschwistern, Regeln und Verbote – die Liste der täglichen Schwierigkeiten und Fragestellungen, die im familiären Zusammenleben anfallen, ist lang. Damit aus kleinen Problemen nicht handfeste Krisen werden, hat die katholische Gesamtkirchengemeinde das Projekt „fit4family“ ins Leben gerufen. Ziel ist, Mütter und Väter bei der Erziehung zu unterstützen und sie zu bestärken.

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irene strifler

Kirchheim. „Krisen meistert man am besten, indem man ihnen zuvorkommt“, ist der Leitgedanke des Projekts. Seit 2006 bietet die katholische Gesamtkirchengemeinde unter dem Titel „fit4family“ ein präventives Angebot für Erziehende an. Jetzt ist der dritte Kurs gestartet. An acht Samstagnachmittagen setzen sie sich mit Erziehungsfragen auseinander, die ihnen auf den Nägeln brennen. Der Nachwuchs ist derweil im Kindergarten Sankt Gabriel bestens betreut.

„Fit4family“ liegt in den Händen von drei Frauen, die nicht nur Kraft ihrer jeweiligen Ausbildungen mit Erziehung befasst sind, sondern auch als Mütter mitten im Leben stehen: Organisatorisch laufen die Fäden bei Gemeindereferentin Susanne Appl zusammen; beratend tätig als ehrenamtliche Mitarbeiterin ist die Sozialpädagogin Ulrike Weber-Böhret; Koordinatorin des Projekts und somit direkte Bezugsperson der Eltern ist die Diplom-Sozialarbeiterin Silke Hoffmann.

„Die Grundidee war, Paare anzusprechen, die sich Kinder wünschen und sich auf das Leben als Familie vorbereiten wollen“, fasst Susanne Appl zusammen. Schließlich braucht man für jeden Beruf eine Ausbildung, zum Autofahren einen Führerschein. Kann man „einfach so“ Kinder erziehen?

Vielleicht schon, doch Alltagsprobleme treten in jeder Familie auf. Oft quält Eltern die Frage, ob das Verhalten ihrer Kinder „normal“ ist, ob andere ähnliche Probleme haben und vieles mehr. „Wir wollen ein Forum bieten, bei dem man sich austauschen kann“, betont Silke Hoffmann. „Eltern sollen aus dem Kurs gestärkt herausgehen“, ergänzt Susanne Appl. Es geht nicht unbedingt immer darum, Neues zu erfahren, sondern auch zu erkennen, dass vieles, was man macht, richtig und gut ist. „Die Ressourcen, die in den Eltern stecken, müssen genutzt werden“, fasst Silke Hoffmann zusammen.

Um auf die Bedürfnisse der Eltern eingehen zu können, läuft jeder Kurs anders ab. Die Mütter und Väter sagen, welche Themen sie bewegen, Silke Hoffmann entwickelt daraus einzelne Veranstaltungen. So geht es Samstag um das Thema „Familie erleben“, für Januar steht ein Fachvortrag zum Thema „Geschwisterstreit“ an. Am aktuellen Kurs nehmen fünf Elternpaare teil. Sie haben zusammen elf Kinder, zwischen einem und zehn Jahren alt.

Natürlich kommen manchmal auch Eltern mit ganz speziellen Fragen ins Büro zu Susanne Appl. „Da würden wir gerne helfen und spontan einen Sonderkurs anbieten, aber dazu fehlt das Geld“, erklärt die Gemeindereferentin mit Bedauern. Die Finanzierung der Koordinatorinnenstelle ist nur bis 2011 gesichert und verfügt nur über ein eng begrenztes Stundenkontingent. Aus diesem Grund ist „fit4family“ auf Spenden angewiesen. Gemeinsam mit zwei weiteren Organisationen, die sich um Familien kümmern, zählt das Projekt zu den Adressaten der aktuellen Teckboten-Weihnachtsaktion.

Das Angebot richtet sich an Menschen aller Konfessionen in und um Kirchheim. Angesprochen sind alle Menschen, die an der Erziehung eines Kindes beteiligt sind. „Wir beziehen beide Eltern mit ein, freuen uns aber natürlich auch über Alleinerziehende“, fasst Ulrike Weber-Böhret zusammen. Die Erfahrung bisher hat gezeigt, dass so mancher Vater mit Vorbehalten kommt. Doch allein die Tatsache, dass die Väter bei der Stange bleiben, spricht für sich. „Für viele Paare ist es auch eine ganz neue Erfahrung, den Nachmittag für sich zu haben und kein Auge auf die Kinder werfen zu müssen“, hat Silke Hoffmann beobachtet. Das Leben als Paar, nicht nur als Eltern, ist stets ein wichtiges Thema in den Kursen.

Im geschützten Raum des Kurses trauen sich viele Eltern, Probleme anzusprechen, die bei gelegentlichen Treffs mit anderen Eltern eher tabu sind. Schwierigkeiten zu haben, gilt hier nicht als Schande, wer sich mit pädagogischen Themen beschäftigt, ist weder ein Streber noch ein Versager. Dass Kindererziehung nichts ist, was man „einfach so“ mit links bewältigt, spricht sich immer mehr herum. In den Kursen steht keiner unter Druck, mit seinem „Musterkind“ angeben zu müssen. Bei gravierenden Problemen gibt es Tipps, wohin man sich wenden kann. „Beratung und Therapie können wir nicht leisten“, erklärt Susanne Appl.

„Fit4family“, für das nach Hoffnung der Initiatorinnen bald auch die Bildungsgutscheine des Landes eingesetzt werden können, soll kein Konkurrenzangebot zu anderen Erziehungshilfen darstellen. Der Unterschied zu den meisten anderen Angeboten besteht darin, dass die Gruppe ein Stück des Weges gemeinsam geht. Später können sich weitere Treffen im Gemeindehaus anschließen.

Wer sich informieren will über „fit4family“, kann sich an das katholische Pfarramt Sankt Ulrich wenden, Telefon 0 70 21/9 21 41-0 beziehungsweise pfarramt@sanktulrich.de.