Lokales

Kinder sehnen sich nach mehr Zeit mit den Eltern

Vielerorts wird über die Köpfe der Familien hinweg entschieden. Sei es beim Turbo-Abitur oder in der Rentenversicherung, auf dem Arbeitsmarkt oder in der Steuerpolitik – vieles hat große Auswirkungen auf Eltern und Kinder. Grund, nicht nur zuzuschauen, sondern sich einzumischen, meint der Deutsche Familienverband (DFV).

NICOLE MOHN

Kirchheim. Unter dem Motto „Familien brauchen Zukunft, Zeit und Zaster“ trafen sich die Mitglieder am Samstag zum Landesverbandstag in Kirchheim. Dabei näherten sich die Besucher dem Thema weniger in politischen Reden, sondern mit Musik und Ton.

„Wir brauchen die Zeit der Eltern, wir brauchen Zeit, Zeit, Zeit.“ Aus berufenem Munde hörten die Gäste im alten evangelischen Gemeindehaus, was Kinder wollen. Die Jungen und Mädchen der Kernzeitbetreuung der Freihofgrundschule hatten sich besonders diesen Vers ihres selbstverfassten Liedes zum Verbandstag herausgesucht, als es um ihren Herzenswunsch für die Familien ging. Mehr Zeit mit Mutter und Vater, gemeinsam spielen, kuscheln, auch mal Unterstützung bei den Hausaufgaben, reden, lachen, basteln, Ausflüge machen – das ist es, was der Nachwuchs vermisst.

Über etliche Wochen hinweg hatten sich die Schüler mit der Frage beschäftigt: „Wie wünschen wir uns Familie.“ Die Antworten, die dabei herauskamen, überraschten selbst die Erzieherinnen. Denn die Jungen und Mädchen haben trotz ihres jungen Alters bereits ein klares Bild von den Problemen, die Familien haben. Sie wissen, wie schwer es ist, wenn Mama oder Papa den Job verlieren, wenn das Geld knapp ist, weil ein Haus abbezahlt werden muss oder eine unerwartete Reparatur ein Loch in die Kasse reißt. Noch wichtiger als Geld aber ist den Kindern die Familie selbst. Und dazu gehören auch Oma und Opa, möglichst auch Geschwister. Auch der Zusammenhalt mit Freunden steht schon bei den Jüngsten weit oben.

Ihre Zukunft sehen die Jungen und Mädchen unter anderem in einem guten Beruf. Der soll ihnen viel Zeit für die eigenen Kinder ermöglichen, die sich fast alle wünschen, wenn sie selbst einmal erwachsen sind. Das verdiente Geld möchten sie weitergeben. „Denn sie meinen, dass es nicht gerecht verteilt ist“, berichtete eine der Betreuerinnen.

Ganz konkrete Forderungen haben die Schüler an die Politiker in Berlin und Stuttgart, aber auch in Kirchheim – mit Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker konnten sie sich direkt an die Stadtchefin wenden: Mehr Arbeitsplätze in der Nähe wünschen sie sich für ihre Eltern. Und die sollen so gestaltet sein, dass Mutter und Vater künftig mehr Zeit für sie haben. Die Schule soll mehr Spaß machen und gute Lehrer möchten sie auch. Mehr Schutz für Tiere und die Umwelt sind weitere Anliegen. „Es gibt nichts Ehrlicheres als einen Kindermund“, meinte der Landesvorsitzende des DFV, Uto Bonde, „treffender hätten wir es gar nicht formulieren können.“ Zuhören, was Kinder wollen, das tue nicht nur den Politikern gut – auch wer sich für die Interessen der Familien einsetzt, sollte dies regelmäßig tun, glaubt er. „Wir alle laufen Gefahr, über die Köpfe hinweg zu entscheiden“, mahnte er. Und dann wurde er doch noch ein wenig politisch. Denn über die Köpfe hinweg werde schließlich schon genug entschieden in Deutschland. Beispiel achtjähriges Gymnasium: „Das Modell knirscht an allen Ecken und Enden“, meinte Bonde dazu. Kindern, Eltern und Lehrern sei da etwas aufgedrückt worden: „Nun müssen sie sehen, wie sie damit klarkommen“, so der DFV-Landesvorsitzende. Seit Einführung kämpft die Organisation an der Seite des Landeselternbeirates gegen das Turbo-Abi. „Nun ist endlich etwas Bewegung drin“, hofft Bonde auf Verbesserungen. Vielleicht auch, weil Oettinger nun als Vater selbst die Auswirkungen zu spüren bekomme.

Steuergerechtigkeit sei eines der großen Themen, mit denen sich der DFV beschäftige, erklärte Bonde weiter. Gerecht behandelt sieht er die Familien nicht. „In Bayern haben die Liftbetreiber jetzt durchgesetzt, dass sie nur den halben Steuersatz zahlen“, nannte er ein Beispiel. Was die Familien hingegen an Kindergeld erhielten, hätten sie zuvor doppelt und dreifach an Mehrwertsteuer beim Kauf von Windeln, Kleidung und Schulausstattung auf den Tisch gelegt.

Neben den Darbietungen der Kinder hatte der DFV Baden-Württemberg außerdem den bekannten Lyriker und Verleger Anton G. Leitner eingeladen. Begleitet von Gitarrist Martin Finsterlin rezitierte er Auszüge aus seiner Gedichtsammlung „Mutters Hände, Vaters Herz“. Gedichte von Theodor Storm bis Shakespeare, von Neruda bis Busch und etlichen zeitgenössischen Lyrikern hatte Leitner zum Thema Familie ausgewählt. Sie erzählten stimmungsvoll von Mutter und Sohn, von Familienbanden und Hadereien, von Kindheitstagen und Erinnerungen – und zeigten, dass manche Familienprobleme ewig aktuell sind.

Der langjährige Landesvorsitzende, der sich am Samstag erneut zur Wahl stellte, hofft, dass dieses ungewöhnliche Programm die etwas spärlich erschienenen Gäste im Gemeindehaus angeregt hatte, über die Probleme und Fragen der Familie nachzudenken und sich zu engagieren. „Für uns ist Familienpolitik kein Sonntags- und auch kein soziales Thema. Es ist ein Zukunftsthema“, rückt Bonde die Verhältnisse zurecht. Kinderarmut, Steuergerechtigkeit, Pflege und Bildung – in vielen Bereichen müsse die Stellung der Familie gestärkt werden, fordert er.

Im Anschluss an den öffentlichen Teil stand unter anderem der Vorstand des Landesverbandes zur Wiederwahl an. Mit Heidi Eberhard verließ eine Kirchheimerin die Führungsspitze des DFV in Baden-Württemberg.

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