Lokales

Kinder sind keine kleinen Erwachsenen

Wer in Kirchheim einen Termin beim Kinderarzt will, muss sich mit Geduld wappnen

Wer einen Termin beim Kinderarzt braucht und in keiner Patientenkartei steht, braucht Geduld: Kirchheims Kinderärzte sind überlaufen, Wartelisten füllen mehrere Seiten. Eltern haben bereits ihren Unmut geäußert, im Gemeinderat kam das Thema zur Sprache, und die Oberbürgermeisterin machte sich bei der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) für die Zulassung eines weiteren Kinderarztes stark. Doch rein rechnerisch besteht im Kreis Esslingen keine „Unterversorgung“.

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irene strifler

Kirchheim. Ulrich Kuhn und Stefan Gaißer haben die Nase voll. Angetreten sind die beiden Kinderärzte einst mit dem Wunsch, ihre kleinen Patienten mit großem Engagement auf hohem Niveau behandeln zu können. Gerne teilten sie sich in einem Job-Sharing-Modell einen Arztsitz, also eine Stelle. Seit sieben Jahren bewährt sich dieses Arbeitsmodell, allerdings nicht in jeder Hinsicht. Das Problem: Kuhn und Gaißer dürfen ihr Budget nicht erweitern, also die Zahl ihrer Patienten nicht erhöhen.

Eine Folge ist, dass sich die beiden Fachärzte nach wie vor die für eine Stelle zugeschnittenen Einkünfte teilen, obwohl ihr Arbeitspensum weit höher liegt. Aber auch die kleinen Patienten sind die Leidtragenden: „Wir können pro Quartal gerade mal eine Handvoll Säuglinge neu aufnehmen“, meint Gaißer bedauernd. Die Lösung aus Sicht der Ärzte wäre eine weiterer Sitz. Mit einem dritten Kollegen würden sie sich dann zwei Stellen teilen. Unabhängig davon gibt es noch einen Kinderarzt in Kirchheim. Weitere Praxen befinden sich in Weilheim, Wendlingen und Wernau.

Die KV sieht keinen Notstand für Kirchheim und Umgebung. Walter Schenk, zuständig für die Versorgungsplanung, verweist auf Zahlen aus dem Jahr 1993, die die Basis für die Versorgung darstellen. Demnach soll auf 17 221 Einwohner in „hochverdichteten Kreisen“ wie dem hiesigen jeweils ein Kinderarzt kommen. „Im Kreis Esslingen liegt das Verhältnis sogar bei eins zu 15 000 und damit weit über dem Bundesdurchschnitt“, gibt Schenk zu bedenken. Er räumt einen Widerspruch ein zwischen dem Festhalten an den Messzahlen aus dem Jahr 1993 einerseits und dem rapiden medizinischen Fortschritt andererseits. Ausschlaggebend dafür sind politische Sparbestrebungen. Doch im Musterländle scheint die Situation noch geradezu mustergültig. „Wir wollen auf jeden Fall den Stand halten“, gibt Schenk daher die naheliegende Marschrichtung vor.

Während leerstehende Praxen im Osten der Republik an der Tagesordnung seien, komme es in Baden-Württemberg fast nur zu „time-lags“. Wartezeiten gebe es allerdings in allen Fachgruppen. Vielerorts, etwa bei der routinemäßigen Augenuntersuchung, ist das kein Problem. In anderen Bereichen behelfen sich die Patienten: Ein Drittel der kinderärztlichen Leistungen, schätzt Schenk, werde von Hausärzten abgedeckt.

Wie sinnvoll die Behandlung von Kindern in hausärztlichen Praxen ist, darüber gehen die Meinungen auseinander. „Wir Kinderärzte sind doch eigentlich die Hausärzte der Kinder“, gibt Ulrich Kuhn zu bedenken. Stefan Gaißer ergänzt, dass in Kinderarztpraxen besonderer Wert auf gute Vorsorge gelegt werde. So zeigen sich

„Wir Kinderärzte sind eigentlich die Haus-ärzte der Kinder“

etwa motorische Entwicklungsstörungen oder chronische Krankheiten in den ersten Lebensmonaten. Um sie zu erkennen, sollte man entsprechend geschult sein.

Kinder gelten längst nicht mehr als kleine Erwachsene. Sie weisen spezifische Krankheiten auf. Beispielsweise sind zehn Prozent von ihnen Asthmatiker, wie Kuhn erzählt. Um diesem Sachverhalt gerecht zu werden, beantragte er mit seinem Kollegen eine Sonderzulassung für einen Lungenfacharzt für Kinder. Dann könnten etwa Lungenfunk­tions­tests, für die die Eltern derzeit meist nach Esslingen oder Göppingen fahren, im Haus gemacht werden. Doch der Zulassungsausschuss erteilte den Medizinern einen Korb.

Ähnliche Ereignisse bringen vielerorts die Kinderärzte auf die Palme. Um die Qualität ihrer Arbeit zu unterstreichen, haben sich jetzt in der Region Stuttgart 75 Kinder- und Jugendärzte zusammengeschlossen zur „PädNetz S-Genossenschaft“. Sie wollen die „bestmögliche gesundheitliche Versorgung von Kindern und Jugendlichen“ einfordern. „Eine einfache Übertragung der Erfahrungen aus der Erwachsenenmedizin wird den gesundheitlichen Bedürfnissen der jungen Generation in keiner Weise gerecht“, heißt es in einer Pressemitteilung. Ulrich Kuhn und Stefan Gaißer gehören dieser Genossenschaft ebenfalls an. Kirchheim sehen sie in einer ganz speziellen Schieflage, habe es doch hier früher einen Kinderarztsitz mehr gegeben, der in eine Nachbarstadt verlagert wurde. Das ist Pech für Kirchheims Kinder, aber folgenlos für die Statistik, denn die Zahlen für den Kreis bleiben weiter im grünen Bereich.

Rot sehen allerdings die Kirchheimer Kinderärzte, wenn sie sich vor Augen führen, dass die Arbeitsbedingungen ständig schlechter werden bei wachsenden Ausgaben. Immerhin bietet das Kleinunternehmen 3,5 Vollzeitstellen, verteilt auf mehrere Köpfe. „Wir brauchen eine Perspektive“, betonen sie und setzen dabei auch auf eine Perspektive für die zahlreichen Patienten auf den seitenlangen Wartelisten.

Dass es selbst bei Routineterminen durchaus mal um Leben und Tod gehen kann, beweist die Debatte um die Einführung von Pflichtuntersuchungen für Kleinkinder. Damit soll der Vernachlässigung von Kindern frühzeitig entgegengewirkt werden.