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Kinderjubel war Balsam für den wohltätigen kranken Mann

Heute vor 100 Jahren, am 11. Juli 1905, ist der Kirchheimer "Privatier" und Wohltäter Ernst Traub gestorben. An seinen Namen erinnern bis heute der Kindergarten und das Gemeindehaus an der Christuskirche, der einstigen "Vorstadtkirche". Deren Bau ist ebenfalls Ernst Traubs Anregungen zu verdanken und nicht zuletzt einer seiner testamentarischen Verfügungen.

ANDREAS VOLZ

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KIRCHHEIM Ernst Traub übte zeitlebens keinen Beruf aus. Als Grund dafür wird in schriftlichen Zeugnissen über den Kaufmannsohn ein "Nervenleiden" erwähnt, das ihn schon von frühester Kindheit an plagte. Genauer bestimmen lässt sich dieses Leiden heute nicht mehr. Es hinderte ihn aber daran, eine Berufsausbildung abzuschließen. Sein "Herzenswunsch" sei es gewesen, Lehrer zu werden, schrieb Schwester Katharine Kirschmann später in ihren Erinnerungen an Ernst Traub. Aber wie einige andere Ausbildungen brach der junge Mann auch den Besuch einer Predigerschule in Basel nach kurzer Zeit wieder ab.

Im Alter von 46 Jahren schließlich schuf sich der Kinderfreund Ernst Traub seine eigene große Aufgabe, die ihn für den Rest seines Lebens erfüllen sollte: Nachdem seine Mutter im Frühjahr 1887 gestorben war, ließ er im Erdgeschoss des Hauses in der Dettinger Straße 77 wo heute das Ernst-Traub-Gemeindehaus steht die "Obere Kinderschule" einrichten, die schon am 20. Dezember 1887 feierlich eingeweiht wurde. Zuvor hatte es in Kirchheim nur einen Kindergarten gegeben: die "Untere Kinderschule" in der Kaserne, im heutigen Freihof.

Anfang März 1961 schrieb der Teckbote anlässlich des notwendigen Kindergarten-Neubaus rückblickend über den großzügigen Stifter: "Der Kinderjubel war für Traub, so gestand er, Balsam; er vergaß seine Leiden und Schmerzen und konnte sich so recht von Herzen mit den Kindern freuen. Maientag und Weihnachtsfeier waren für die Kleinen Höhepunkt im Traubschen Haus. Auch Kaisers und Königs Geburtstag wurden gebührend gefeiert." Letzteres war in der wilhelminischen Ära gang und gäbe. Vom Zeitgeist des ausgehenden 19. Jahrhunderts zeugt auch die nebenstehende Aufnahme aus dem Jahr 1895 mit Kindern, die Pickelhauben tragen und Trommeln schlagen.

Ernst Karl August Traub selbst verbrachte seine Kindheit ein halbes Jahrhundert zuvor in Kirchheim, wo er am 14. Oktober 1841 geboren wurde. Sein Vater war der Kaufmann August Traub, der bereits 1856 starb, als Ernst noch keine 15 Jahre alt war. Seine Mutter Marie Traub, geborene Hadlich, führte gemeinsam mit seiner älteren Schwester Bertha die "Ellenwarenhandlung" in der Marktstraße 37 fort. 1868 wurde das Geschäft verkauft, nachdem Bertha Traub geheiratet hatte. Mutter und Sohn zogen in die Dettinger Straße 77, wo sie wohltätigen Werken nachgingen und "Armen und Kranken viel Gutes" taten. Das schreibt Katharine Kirschmann in ihren Erinnerungen. Über Jahre und Jahrzehnte hinweg hatte die Schwester Dienst getan in der "Oberen Kinderschule". Selbst ihren Lebensabend verbrachte sie im Haus des Stifters, an den sie sich auch als 86-Jährige noch gut erinnern konnte einem Zeitungsbericht zufolge, der zum 50. Todestag Ernst Traubs im Jahr 1955 erschienen ist.

Seine Stiftungen finanzierte Ernst Traub, der nicht verheiratet war und auch keine eigenen Kinder hatte, aus dem Familienvermögen. Als "Privatier" lebte er von seiner Erbschaft. In seinem eigenen Testament vom 10. Juni 1905 bestimmte er ein Kapital von 50 000 Goldmark für die "Obere Kinderschulstiftung", die nach seinem Tod einzurichten sei. Außerdem sollte der sonntägliche Gottesdienst für die Bewohner der Dettinger Vorstadt auch nach seinem Tod in den Räumen der Kinderschule stattfinden. Einen Teil seines Gartens stellte er darüber hinaus für einen möglichen Kirchenbau zur Verfügung: "Im Falle späteren Bedürfnisses ist es gestattet, vom Areal einen Bauplatz für einen gesonderten Bau zu Zwecken des ev. Gottesdienstes zu verwenden."

Ernst Traub hatte sein Testament zur rechten Zeit verfasst: Einen Monat später, am 11. Juli 1905, starb er im Alter von 63 Jahren auf dem Kirschenhardthof bei Erbstetten im heutigen Rems-Murr-Kreis. Dorthin war er gereist, um "bei seinem Freund Missionar Dilger in dem Erholungsheim Hilfe zu finden", wie Schwester Katharine später angab. Sie schreibt auch, dass er dann in Kirchheim "in dem Saal, da er so oft unter seinen Kindern liebend weilte", aufgebahrt wurde. Von dort aus führte der Leichenzug am 14. Juli zum Friedhof. Ernst Traubs Grabstein ist heute noch auf dem Alten Friedhof in Kirchheim zu sehen. Außer seinem Namen sind darauf auch die Namen und die Lebensdaten seiner Eltern angeführt.

Um die testamentarischen Verfügungen Ernst Traubs kümmerte sich sein Neffe, der Tübinger Landrichter Dr. Hermann Ammon. Bereits am 27. November 1905 wurde die Königliche Genehmigung für die "Obere Kinderschulstiftung" im Sinne Ernst Traubs erteilt. 1909 schließlich entstand im Traub'schen Garten als zweite evangelische Kirche in Kirchheim die "Vorstadtkirche", die heute den Namen "Christuskirche" trägt. 1962 bezog der Kindergarten neue Räume im Garten hinter der Kirche. Traubs Wohnhaus, in dem seine Kinderschule untergebracht war, ist vor rund 20 Jahren dem Neubau des Ernst-Traub-Gemeindehauses gewichen.

Die "Obere Kinderschulstiftung" aber besteht nach wie vor, auch wenn von Ernst Traubs 50 000 Goldmark nach der Inflation kaum mehr etwas übrig geblieben war. Heute tragen Stadt und Kirchengemeinde den Abmangel des Traub'schen Kindergartens je zur Hälfte. Wie sehr dem Stifter gerade diese Einrichtung am Herzen lag, zeigen die Schlussworte seines Testaments:

"Dem lieben Gott, unserem treuen Heiland, sei Lob und Dank gesagt dafür, daß die Kinderschule seit ihrer Eröffnung im Herbst 1887 bis heute eine ungestörte Entwicklung hat nehmen dürfen. Möge wie bisher so auch für alle Zukunft der Gang der Kinderschule vom göttlichen Segen begleitet bleiben. Mögen die verehrten Mitglieder des Verwaltungsrats darauf bedacht sein, den Kinderschwestern bei der großen Anzahl der Kinder ihre nicht leichte Aufgabe so viel als möglich zu erleichtern. Gewiß werden jene die gleiche Befriedigung und Freude empfinden, wenn sie sich Einblick in die Schule verschaffen, wie dies bei mir der Fall war."