Lokales

Kindern Mut machen, Hilfe zu holen

Bei der Kelly-Rallye in Weilheim bereiteten sich gestern 100 Vorschulkinder spielerisch auf den Ernstfall vor

Ob große oder kleine Probleme – die Türen der Kelly-Inseln stehen für Hilfe suchende Kinder jederzeit offen. Das gilt auch in Weilheim, wo gestern zum ersten Mal seit Einführung des Konzepts im Jahr 2006 eine Kelly-Rallye stattfand. Sie sollte Vorschulkindern helfen, Schwellenängste zu überwinden.

Daniela Haußmann

Weilheim. Rund 100 Vorschulkinder besuchten gestern Geschäfte und Betriebe, die das Logo der Kelly-Insel an Schaufenstern und Eingangstüren tragen. Es signalisiert den Heran­wachsenden bereits auf der Straße, dass sie hier mit ihren Sorgen und Nöten willkommen sind.

Mit der Kelly-Rallye sollen die Kinder laut Gabi Jans auf den Schulweg vorbereitet werden. „Denn nach den Sommerferien müssen sie alleine in die Schule laufen“, so die Erzieherin. „Daher ist es wichtig, dass die Kinder wissen, wo sie eine Kelly-Insel finden, bei der sie im Bedarfsfall Hilfe bekommen.“ Gleichzeitig sollte die Aktion den Vorschülern helfen, ihre Schwellenangst zu überwinden, den Mut zu fassen, die Anlaufstellen zu betreten und ihr Problem zu schildern. Deshalb galt es für die Sechsjährigen im Verlauf der Rallye, verschiedene Aufgaben zu meistern. So musste Patrick im Sportgeschäft erfragen, wie viele Fußballschuhe an der Wand hängen, während Lukas sich in der Bäckerei nach dem Preis eines Brotes erkundigte.

Herausforderungen, die aus Sicht von Eveline Bittner, Leiterin des Kindergartens Egelsberg, dazu beitragen, das Selbstvertrauen der Kinder zu stärken und sie in ihrer Selbstständigkeit zu unterstützten. „Alle zwei Jahre nehmen wir auch an dem Puppenspiel ‚Flipsi und Kasimir‘ teil“, erzählt Bittner. „Dabei werden mit den Kindern Verhaltensregeln erarbeitet und aufgezeigt, wie sie sich vor Gefahren schützen können.“

Laut Daniela Riesbeck vom Polizeirevier Kirchheim ist dies ein wichtiger Baustein in der Präventionsarbeit, um Kinder in die Lage zu versetzen, über ihre Gefühle zu sprechen. Die Ordnungshüterin betonte, dass die Heranwachsenden über das Puppenspiel lernen, Situationen einzuordnen, in denen sie beispielsweise von Fremden angesprochen werden. „Ihnen wird bewusst gemacht, wann es gut ist ‚Nein‘ zu sagen und gegebenenfalls bei einer Kelly-Insel Hilfe zu suchen“, so die Polizeiobermeisterin.

Eine Woche lang haben sich die Vorschulkinder in Weilheim gemeinsam mit ihren Erzieherinnen über die Anlaufstellen Gedanken gemacht. In Rollenspielen haben sie Situationen durchgespielt, in denen sie auf die Hilfe von Erwachsenen angewiesen sind. „Wenn ich hingefallen bin und blute oder mir das Bein gebrochen habe, dann finde ich bei einer Insel Hilfe“, nennt der sechsjährige Lukas ein Beispiel. Auch Patrick weiß, dass er den Mitarbeitern in den Bäckereien, Supermärkten, Sparkassen oder Elektrogeschäften, die als Insel ausgezeichnet sind, vertrauen kann. „Wenn mir schlecht ist, ich mich verlaufen habe oder sich zwei andere Kinder schlägern, kann ich dorthin gehen.“

Für Gabi Jans trägt die Kelly-Rallye aber auch dazu bei, nicht nur die kleinsten Einwohner Weilheims zu sensibilisieren, sondern auch bei Erwachsenen das Bewusstsein für die Belange von Kindern zu schärfen. „Viele Mitarbeiter von Geschäften und Betrieben, die als Kelly-Inseln ausgezeichnet sind, haben mir erzählt, dass sie öfter mal aus dem Fenster schauen und sehen, ob auf der Straße alles in Ordnung ist“, so Jans. Eine Verkäuferin sei so einmal auf eine Schlägerei aufmerksam geworden, in die sie dann eingegriffen habe. Die Erzieherin ist daher überzeugt, dass die Kelly-Inseln und die Kelly-Rallye dazu beitragen, die Hinschaugesellschaft zu fördern und Netzwerke für Kinder zu schaffen.

Daniela Riesbeck erläutert, wie Geschäfte wie Bäcker, Metzger, Schreibwarenläden, Friseure, aber auch Kindergärten, Pfarrhäuser oder Schulen eine Kelly-Insel werden können. Voraussetzung ist, dass die Geschäfte leicht und barrierefrei für Kinder erreichbar sind. So dürfen die Betriebe beispielsweise nicht in Hinterhöfen oder in den oberen Stockwerken eines Hauses liegen. Diese Kriterien werden der Beamtin zufolge mit der Antragstellung überprüft. Ebenso wird auch geprüft, ob diejenigen, die sich darum bewerben, Kelly-Insel zu werden, auch persönlich dazu geeignet seien, also keine einschlägigen Vorstrafen bestehen.

Das ist etwas, das Sicherheit gibt, wie auch Lukas‘ Mutter Tanja Kick bestätigt. Das Wissen darum, dass ihr Sohn auf dem Schulweg im Notfall Ansprechpartner findet, denen er vertrauen kann, und die ihm weiterhelfen, verschaffen der 34-Jährigen „ein besseres Gefühl“. „Ich denke, er kann aufgrund dessen, was ihm unter anderem bei der Rallye vermittelt wird, besser reagieren und weiß sich eher zu helfen“, sagte Tanja Kick, die ihren Sohn schon im Vorfeld der Kelly-Rallye immer wieder auf die Inseln aufmerksam gemacht hat.

Auch Weilheims Bürgermeister Johannes Züfle betont, dass die Kelly-Inseln dazu beitragen, das Bewusstsein in der Bevölkerung zu schärfen und die Hilfsbereitschaft innerhalb der Kommune zu fördern. Die Rallye sei eine wichtige Übungseinheit, um Kindern ihre Angst zu nehmen und sie auf mögliche Gefahren hinzuweisen.

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